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Sport

Ein Titan nimmt Abschied

Samstag, 8. Juli 2006, 23.15 Uhr - ein denkwürdiger Moment für den deutschen Fußball. Vor laufenden TV-Kameras erklärt Oliver Kahn seinen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft.

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Oliver Kahn in seinem letzten Länderspiel

"Es war eine schöne Zeit, aber man muss wissen, wann es vorbei ist", erklärte Kahn unmittelbar nach dem "kleinen" WM-Finale, das die deutsche Elf in Stuttgart gegen Portugal mit 3:1 gewonnen hatte. Kahns Demission nach seinem 86. Länderspiel kam zwar nicht überraschend, dennoch mischte sich reichlich Wehmut in die Freudengesänge der deutschen Spieler, die die ganze Nacht ausgelassen ihre tolle WM feierten.

Konkurrenz und Höchstleistung

Nach seinen Reflexen und Paraden wie in seinen allerbesten Tagen gegen Cristiano Ronaldo, Deco und Co. ließ sich Kahn zunächst von den 52.000 Fans feiern wie wohl noch nie zuvor in seiner langen und von großem Erfolg gekennzeichneten Laufbahn. Nachdem der dreimalige Welttorwart die Glückwünsche seiner Mitspieler entgegengenommen hatte, suchte er zunächst den Weg zum portugiesischen Superstar Luis Figo, der ebenfalls sein letztes Länderspiel absolviert hatte, und gab ihm ein paar anerkennende Worte mit auf dem Weg. Dann lief er direkt zu seinem langjährigen Konkurrenten Jens Lehmann.

"Ich weiß nicht, ob man von einer Versöhnung sprechen sollte. Aber es wäre schade gewesen, wenn man irgendwann auseinander geht und es wäre alles genauso gewesen wie vorher", beschrieb Kahn nach seinem ersten Turniereinsatz das neue Verhältnis zu Lehmann, der seinem einstigen Feindbild Nummer eins fast einen Heiligenschein verpasste: "In ihm geht ein großartiger Konkurrent. Er hat sich immer korrekt verhalten. Wir haben uns immer gegenseitig gepusht und wussten beide, dass wir Höchstleistung zeigen mussten, um besser zu sein als der andere." Und, mit einem Schmunzeln: "Wir haben die deutschen Medien immer gut unterhalten. Sein Rücktritt ist vor allem schade für sie."

Ehrgeiz und Besessenheit

Begonnen hat alles mit einem Geschenk des Großvaters: eine Torwartausrüstung aus der Sepp-Maier-Kollektion. Seit jenem Tag stand für den kleinen Olli fest: "Ich werde Fußballer - und zwar im Tor." Er wurde einer der besten und erfolgreichsten Keeper der Welt. Die Titelsammlung ist riesig: Kahn wurde mit Bayern München Meister, Pokalsieger, UEFA-Cup- und Champions-League-Sieger. Nur über eins konnte sich der WM-Held von 2002 in dieser Nacht noch ärgern: "Ich habe es nicht geschafft, Weltmeister zu werden. Aber einmal Zweiter und einmal Dritter ist doch auch was."

Sein Ehrgeiz war extrem, manchmal beängstigend. "Wer besser sein will als der Durchschnitt, braucht ein gewisses Maß an Besessenheit", lautet Erfolgsregel Nummer vier auf der Homepage des Torhüters. Doch den wirklich großen Respekt bekam er erst, als Jürgen Klinsmann ihn kurz vor der Weltmeisterschaft zur Nummer zwei degradierte - eine Entscheidung, an der Kahn bis zum Schluss zu knabbern hatte.

Noch zwei Jahre beim FC Bayern

Trotzdem stellte sich Kahn während des Turniers voll in den Dienst der Mannschaft. Vor Beginn des Elfmeterschießens gegen Argentinien ging er zum langjährigen Konkurrenten Jens Lehmann und redete ihm gut zu. "Diese Geste zeigt seinen wahren Charakter, Oliver ist ein Riesensportsmann", sagte Verteidiger Arne Friedrich später. Auch Klinsmann hatte nur Lob für Kahn: Er sei begeistert, wie der Torhüter "als Profi und als Mensch" auf die Mannschaft eingewirkt habe.

86 Länderspiele bestritt Kahn, mehr als die Hälfte davon als Mannschaftskapitän. In Stuttgart trug er zum letzten Mal die Spielführerbinde. Die Begeisterung der Zuschauer sei überwältigend gewesen - für ihn "der vielleicht emotionalste Moment" seiner Karriere. Noch zwei Jahre steht er beim FC Bayern unter Vertrag. Ob er danach dort ins Management wechselt, ist aber noch offen. Vielleicht kommt ja doch noch der Wechsel nach Japan, wo er seit der WM vor vier Jahren höchste Wertschätzung genießt. (wga)

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