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Welt

Ein Theologe beim Papst

Papst trifft Präsident – und Franziskus strebt nach einem intensiveren Dialog mit den Muslimen, nicht nur im Iran. Die beiden besprechen in erster Linie theologische Fragen.

Knapp neun Jahren dauerte es. So lange gab es keine Begegnung auf Spitzenebene zwischen dem Oberhaupt der katholischen Kirche und dem iranischen Präsidenten. So kann man die Begegnung zwischen Papst Franziskus und Hassan Rohani, zwischen dem Kirchenoberhaupt und dem islamischen Rechtsgelehrten an der Spitze des Gottesstaates, getrost als historisch bezeichnen. Präsidenten der USA, Frankreichs oder auch deutsche Spitzenpolitiker empfingen die beiden Päpste dieser neun Jahre reihenweise. Über die Gespräche wurde Vertraulichkeit vereinbart und zunächst nichts bekannt.

Italien Vatikanstadt Irans Präsident Hassan Rohani trifft Papst Franziskus

Zwei Geistliche an einem Tisch: Franziskus empfängt Rohani

Dabei legt der Vatikan stets Wert auf den Dialog mit Teheran, auf unterschiedlichen Ebenen. Jeder Kontakt, sagt der Hamburger Ordensmann Richard Nennstiel, helfe dem Vatikan, um die Situation vor Ort besser einschätzen zu können. "Daher ist auch ein direktes Gespräch zwischen dem Papst und dem Präsidenten wichtig, um eine Vertrauensebene zu finden. Der Vatikan genießt im Iran Ansehen, da er als Faktor des Ausgleichs gilt", so der Dominikanermönch zur Deutschen Welle. Nennstiel, der Islambeauftragter des Erzbistums Hamburg ist und das Dominikanische Institut für christlich-islamische Geschichte leitet, ist einer der Kenner des schiitischen Islam in der katholischen Kirche in Deutschland.

Schia und Katholizismus

Bei dem seit Jahren bestehenden Dialog zwischen Rom und dem Vatikan geht es primär um theologische Fragen. Nennstiel verweist auf ein seit Jahren bestehendes theologisches Kolloquium zwischen schiitischen und katholischen Theologen. Es thematisiere auf akademischem Niveau den Zusammenhang von Glaube und Vernunft, aber auch Fragen der Gewalt und der religiösen Toleranz. Zur konkreten Lage der katholischen Christen im Iran, deren Zahl – bei insgesamt rund 50.000 Christen in dem Land - auf 6.000 geschätzt wird, meint Nennstiel, solche Fragen seien "sensibel und müssen entsprechend behandelt werden". In der Islamischen Republik stünden verschiedene politische und theologische Richtungen miteinander in Widerstreit.

Dabei scheint Papst Franziskus bei seinen Bemühungen um den Dialog mit dem Islam – für ihn typisch - über dieses akademische Gespräch durchaus hinauszugehen. Dass sich der Papst aus Argentinien bei seinem Besuch in Jerusalem im Mai 2014 von seinem Rabbiner-Freund aus Buenos Aires, Abraham Skorka, begleiten ließ, haben viele auf dem Schirm. Dass dort an der Klagemauer auch Imam Omar Abboud aus Buenos Aires stand und die drei einander - eines der symbolträchtigsten Fotos dieses Pontifikats – umarmten, ist weit weniger präsent.

Ausgerechnet das Kirchenoberhaupt aus Lateinamerika ist beim persönlichen Gespräch mit dem Islam weiter als jeder seiner Vorgänger. Das mag den Experten-Dialog in der Sache manchmal leichter, manchmal auch schwerer machen. Aber so überraschte es auch nicht, dass im Vorfeld des Rohani-Treffens auch über einen Besuch von Franziskus in der Großen Moschee in Rom an diesem Mittwoch spekuliert wurde. Dorthin ging noch kein einziger Papst. Und auch der jetzige Besuch Rohanis war dem Vatikan ausgesprochen wichtig. Eigentlich sollte die Reise am 14. November stattfinden – einen Tag zuvor tobte der Terror in Paris und die Europa-Reise des iranischen Präsidenten wurde komplett abgesagt. Beim zweiten Anlauf bildete Rom, mit Milliarden-Wirtschaftsverträgen sowie der Papst-Audienz, erneut den Auftakt der Reise.

Grenzen des Dialogs

Der rechtliche Status der katholischen Kirche im Iran ist weiterhin ungeklärt. Seit mehr als 60 Jahren bestehen diplomatische Beziehungen. Selbst die islamische Revolution 1979 ließ sie nicht abbrechen. Derzeit residiert dort als Botschafter des Papstes Erzbischof Leo Boccardi, der den Vatikan früher auch schon bei UNO und OSZE vertrat. Und der, wenn er in Rom weilt, auch mal am Tisch von Franziskus sitzen darf. Vielleicht geht es dabei auch um das Bemühen des Vatikan, im Syrienkonflikt eine vermittelnde Rolle einzunehmen und humanitäre Hilfe für Notleidende unabhängig von ihrer Religion zu ermöglichen.

Symbolbild Amnesty International Hinrichtungen von Kindern im Iran

Iran steht wegen Menschenrechtsverletzungen in der Kritik - unter anderem wegen der Hinrichtung von Kindern

Sicher schauen auch kirchliche Experten mit Sorge auf Menschenrechtsverletzungen im Iran. Aber da scheint der Dialog an Grenzen zu kommen. 2008 kam es, im Nachgang der Begegnung zwischen Papst Benedikt und Präsident Chatami, in Rom zur gemeinsamen Erklärung "Glaube und Vernunft im Christentum und im Islam". Unter anderem beinhaltete sie eine Verurteilung eines gewalttätigen Missbrauch des Glaubens und mahnte zum Respekt der Religionen. Aber das ändert weder etwas an der krassen Haltung des Iran zum Judentum und zu Israel noch an der schwierigen Lage der Christen im Gottesstaat. Ein weiteres Detail zeigt die besondere Aufmerksamkeit der katholischen Kirchenleitung für die islamische Welt. 1974, unter Papst Paul VI., errichtete der Vatikan eine "Kommission für die religiösen Beziehungen mit den Muslimen", ein bis heute bestehendes kleines Gremium mit katholischen Experten unter anderem aus Pakistan, Nigeria, Großbritannien und Deutschland. Reiner Zufall, aber doch ganz passend, dass die Fachleute an diesem Dienstag in Rom wieder einmal mehrtägige Beratungen abschlossen.