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Deutschland

Ein türkisches "Arte" für weniger "Lügenpresse"?

Erdogan polarisiert nicht nur in der Türkei - seine Anhänger in Deutschland haben ein schwieriges Verhältnis zu den Medien, denn Kritik ist unerwünscht. Kann deutsch-türkisches TV die Versöhnung herbeiführen?

Wer heutzutage als Reporter von einer Veranstaltung der deutsch-türkischen Gemeinde berichtet, merkt schnell: Da liegt Spannung in der Luft. Wenn man sich, mit einem Mikrofon gewappnet, den Leuten nähert, stößt man schnell auf Misstrauen. Viele ignorieren einen, laufen störrisch vorbei. Man hört Bemerkungen wie: "Ihr interessiert euch sowie nicht für die Wahrheit" oder "ihr schreibt nie etwas Positives über Erdogan, ihr habt Vorurteile". Das Verhältnis zwischen den deutschen Medien und Erdogan-nahen Deutsch-Türken war schon einmal besser. Es ist Zeit für eine Diskussion darüber, wie man Deutsch-Türken medial besser einbindet. Eine naheliegende Idee ist ein deutsch-türkischer Sender nach dem Vorbild von Arte. Grünen-Chef Cem Özdemir hat sich für so einen Sender bereits ausgesprochen. Ein solches TV-Projekt würde Integration erleichtern und Erdogans "falsche" Propaganda unterbinden, so Özedemir.

Für den einen oder anderen erscheint die Idee sicherlich ambitioniert oder sogar unrealistisch. Erfolgreiche multinationale Fernsehsender mit deutscher Beteiligung sind aber nichts Neues. Sender wie das deutsch-französische Arte oder das deutsch-österreichisch-schweizerische Projekt 3sat sind beliebt. Sie tragen einen Teil zum kulturellen Austausch sowie zur Völkerverständigung bei. Zusätzlich ist das TV-Angebot der Deutschen Welle "Arabia DW" seit 2015 über Satellit auch in Deutschland empfangbar. Mit dieser Initiative geht es darum, Flüchtlingen europäische Werte zu vermitteln und die gesellschaftliche Teilhabe von Flüchtlingen zu unterstützen.  

Ein türkisches Arte die logische Konsequenz ?

Es stellt sich die Frage, ob neben arabischstämmigen Einwanderern nicht auch türkischstämmige Migranten solch großzügige Integrationsbemühungen verdient hätten. Schließlich sind Deutsch-Türken die mit Abstand größte Einwanderungsgruppe, sie leben seit über 50 Jahren in Deutschland und haben als Gastarbeiter einen Teil zum deutschen Wirtschaftswunder beigetragen. Viele Deutsch-Türken hätten sich einen TV-Sender nur erträumt und wünschen sich mehr Wertschätzung. Das Gegenteil war jedoch der Fall: Viele fühlten sich Jahrzehnte lang nur als Gäste. Dass sich nun viele Deutsch-Türken lieber mit einer vor Kraft strotzenden "Erdogan-Türkei" identifizieren, folgt auch daraus.

Deutschland Pro-Erdogan-Demonstration in Köln (picture-alliance/dpa/O. Berg)

Anhänger des türkischen Staatspräsidenten Erdogan schwenken Fahnen bei einer Demonstration im Juli 2016

Deutsche Medien nicht vertrauenswürdig

Die türkische Regierungspartei AKP polarisiert immer stärker und droht mit ihrem Konfrontationskurs Deutsch-Türken vom Rest der Gesellschaft abzuspalten. Besonders das Verhältnis zu den deutschen Medien gilt als schwierig. Viele Erdogan-Anhänger beklagen sich über die deutsche Berichterstattung: Sie sei zu undifferenziert, zu voreingenommen. Auch die Annahme, dass die deutschen Medien von Amerika oder Israel gelenkt werden, ist weit verbreitet.  Vertrauen und bestenfalls Interaktion mit den Medien sind jedoch wichtige Voraussetzung für Integration.  

Prof. Dr. Joachim Trebbe (privat)

Prof. Dr. Joachim Trebbe - Kommunikationswissenschaftler an der FU Berlin

Joachim Trebbe, Kommunikationswissenschaftler der FU Berlin, meint, mediale Integration sei für das Zusammenleben in einer Gesellschaft sehr wichtig: "Integration bedeutet ein gemeinsames Ganzes mit Hilfe von gemeinsamen Werten auf die Beine zu stellen. Diese gesellschaftlichen Werte werden zum Großteil durch die Medien festgelegt.“

 "Das Türkei-Bild muss vielfältiger werden"

Haci-Halil Uslucan, Migrationsforscher an der Universität Duisburg-Essen, hält einen deutsch-türkischen Sender ebenfalls für eine gute Idee. Er stimmt Cem Özdemir in seiner Argumentation zu: "Die türkischen Medien sind Schätzungen zufolge 80 bis 90 Prozent regierungsnah, manipulativ und einseitig. Daher wäre solch ein Fernsehsender nützlich, um für Deutsch-Türken eine differenziertere Berichterstattung bereitzustellen."

Aber nicht nur türkische Medien, so Uslucan, berichteten zu einseitig: Ein deutsch-türkischer Sender wäre eine Möglichkeit endlich ein vielfältigeres Bild von der Türkei zu vermitteln. Denn in der deutschen Berichterstattung würde man die Türkei oft mit Erdogan, AKP und Islamisierungstendenzen gleichsetzen. Die Türkei habe jedoch mehr Gesichter als dieses - sie sei ethnisch, religiös und politisch höchst vielfältig. 

Deutsch-türkischer Sender schwer zu realisieren

Einiges spricht also für die Gründung eines türkischen Arte. Nur gibt es einige Hindernisse auf dem Weg dorthin. Es stellt sich die Frage, ob ein deutsch-türkischer Sender überhaupt eine Zielgruppe finden würde. Die Nutzung deutscher Medien ist sehr gering unter türkischen Migranten. Das geht aus einer Datenerhebung des Kommunikationsforschungsunternehmens Data4U hervor. 58 Prozent der Deutsch-Türken schauen ausschließlich bis überwiegend türkisches Fernsehen. Die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF haben jeweils nur einen Marktanteil von einem Prozent.

Infografik Medianutzung Deutsch-Türken Marktanteile Sender DEU

Die Türkei ist nicht Frankreich

Das ist nicht das einzige Problem. Denn Arte und 3sat wurden schon immer durch unkomplizierte Beziehungen zwischen den teilnehmenden Ländern begünstigt. Wie Trebbe sagt, wurde die Gründung multinationaler öffentlich-rechtlicher Sender dadurch erleichtert, dass es sich um Nachbarländer handele und daher gegenseitige Sprachkenntnisse vorhanden seien. In Deutschland habe jedoch kaum jemand Interesse daran türkisch zu lernen. Hinzu käme, so Treppe, dass die derzeitige türkische Regierung, im Gegensatz zu Frankreich, Österreich oder der Schweiz, ein vollkommen anderes Verständnis von einem öffentlich-rechtlichen Sender hätte. Die unterschiedlichen Positionen in punkto Meinungs- und Pressefreiheit würden einen deutsch-türkischen Sender nach dem Vorbild von Arte zurzeit unmöglich machen.