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Kultur

Ein Stummfilmstar als Romanfigur: Pola Negri

Zwischen Hollywood und Goebbels: Nachdem die Filmdiva in den USA kein Glück mehr hatte, versuchte sie in den 1930er Jahren wieder im deutschen Film Fuß zu fassen. Ein Roman über ihr Leben vermischt Reales und Fiktives.

Wer kennt heute noch Pola Negri? Natürlich Kinoenthusiasten und Kenner der Stummfilmära. Ansonsten dürfte sich das Wissen über den einstmals großen Star in Grenzen halten. Warum also ein Buch schreiben über eine Diva, die für ein paar Jahre zu den Göttinnen der Leinwand zählte, ebenso bekannt war wie Marlene Dietrich oder Greta Garbo, deren Karriere dann aber mit dem Aufkommen des Tonfilms an Schwung verlor?

Die Antwort ist einfach: Weil das Auf und Ab im Leben einer solchen Schauspielerin einen überaus reizvollen Stoff bieten kann, der Historisches mit Privatem verknüpft, große Geschichte mit kleinen Widrigkeiten. Wie ein Star sich vergeblich gegen den Niedergang stemmt, sich an verblichenen Ruhm klammert, das ist meist spannungsreicher und effektvoller nachzulesen als den Aufstieg zum Erfolg mitzuerleben. Die Jahre, in denen die Romanhandlung angesiedelt ist, die erste Hälfte der 1930er, bieten zudem eine Fülle von dramatischen historischen Ereignissen. Der Roman erzählt also von ganz realen Personen und Geschehnissen, verwebt aber Reales und Authentisches mit Fiktivem und erfundenen Dialogen.

Bei Ernst Lubitsch wurde sie zum Star

Vom berühmten Komödien- und Historienregisseur Ernst Lubitsch wird die Negri in Deutschland mit Filmen wie "Madame Dubarry" groß raus gebracht. In Hollywood wird sie für einige Jahre gefeiert. Ihre Affären mit Charles Chaplin und Rudolph Valentino sind legendär. Nach einigen herben Enttäuschungen in Amerika kehrt sie schließlich nach Deutschland zurück. Die Erfindung des Tons hat den Stummfilm verdrängt, die in Polen geborene Negri hat große Schwierigkeiten, ihre Karriere fortzusetzen. Die hohe Stimme, der fremdländische Akzent, aber auch ihr schwieriger, stolzer Charakter, hatten die Schauspielerin bei Produzenten und Regisseuren nicht gerade beliebt gemacht. Eine Hauptrolle will ihr keiner mehr anvertrauen. Ihre Zeit scheint vorbei.

Pola Negri

Pola Negri

An dieser Stelle setzt der Roman ein. In Berlin versucht sich Pola Negri an einem Comeback. Der erfolgreiche Schauspieler und Regisseur Will Forst bietet ihr eine Rolle in seinem Film "Mazurka" an. Doch in Deutschland der 30er Jahre hat sich das geistige und gesellschaftliche Klima mittlerweile verändert. Die Nationalsozialisten haben das Land, das Pola Negri Jahre zuvor verlassen hatte, in vielen Bereichen umgekrempelt. Nun interessiert sich sogar ein Minister höchstpersönlich für die Filmproduktion Deutschlands. Goebbels spezielles Interesse an den Reizen weiblicher Hauptdarsteller ist bekannt und bringt auch Pola Negri in Schwierigkeiten. Hinzu kommt, dass die Negri keine "Arierin" ist und sogar familiäre Roma-Wurzeln hat. All das macht die Arbeit beim Film nicht gerade einfach für sie.

Zwischen Hysterie und Auflehnung

Daniela Dröscher hat aus dem Stoff einen Roman gemacht, der vor allem auf die Kraft der Dialoge setzt. Die widerborstige, uneinsichtige, hochmütige Pola Negri gerät dabei nicht gerade zur Sympathieträgerin. "Wieder einmal hatte sie jener blinde Hochmut zu Fall gebracht, der zu ihrer Natur zu gehören schien wie die Zunge zu einer Katze, die damit ihr Fell sauber leckte. Nur durch Hochmut glänzte sie", schreibt Dröscher. Doch mit ihrer starren Eigensinnigkeit, ihrem Stolz und ihrer von Naivität geprägten Rotzigkeit gegenüber den neuen braunen Machthabern bewundert man Pola Negri auch. Dröscher beleuchtet in ihrem historischen Roman einen ganzen Charakter, mit vielen positiven, aber auch negativen Eigenschaften.

Buchcover, Daniela Dröscher: Pola (Foto: Berlin Verlag)

Cover des Buches von Daniela Dröscher

Die oft witzigen, pointierten Rededuelle treiben die Handlung immer wieder voran. Aus den vielen Begegnungen mit Liebhabern und Ex-Ehemännern, Künstlern und Politikern bezieht der Roman "Pola" seine Spannung und dramaturgische Kraft. Der Leser gerät in einen Sog. Historie und dramatische Ereignisse, große Geschichte und persönliche Chronik - all das wird zu einem manchmal überdrehten, immer aber unterhaltsamen Cocktail. Nach der Lektüre des Buches kennt man zumindest ein paar Eckdaten der Biografie jener Schauspielerin, die unter dem Namen Barbara Apolonia Chałupiec geboren wurde. Man ist neugierig geworden - und würde gern mal wieder einen Film mit dem exzentrischen Leinwandstar sehen.

Daniela Dröscher: "Pola", Berlin Verlag 2012, 304 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978 3 8270 1106 9.