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Nahost

Ein stummes Kino findet eine Stimme

Syrische Filme sind im In- und Ausland nahezu unbekannt, denn die Behörden versuchen zu verhindern, dass sie gezeigt werden. In Berlin gibt es auf einem Festival jetzt die seltene Möglichkeit, einige Filme zu sehen.

Sacrifices, Oussamma Mohammed, Syrien 2002 (Foto: Arsenal Kino, Berlin)

Die Kinder als Symbol für die Zivilgesellschaft in Oussama Mohammeds "Sacrifices"

Oussama Mohammed sitzt zu Hause, raucht, trinkt und schimpft. Der Regisseur ist frustriert: Bis ein syrischer Filmemacher dazukomme, einen Film zu drehen, müsse er sich erstmal jahrelang mit der Verwaltung und den Zensurbehörden rumschlagen. Und wenn er dann alle nötigen Papiere beisammen habe, dann sei er fast zu müde, um sich auf den Film zu konzentrieren. Das ist eine Schlüsselszene in Meyar Al-Roumis Dokumentarfilm "A silent cinema", der dem Festival-Programm in Berlin den Namen gab. Nur ein oder zwei Filme werden pro Jahr in Syrien gedreht, und meistens verschwinden sie so schnell wie möglich wieder in den Kellern der Nationalen Filmorganisation, die die syrischen Filmproduktionen überwacht.

Charlotte Bank (Foto: privat)

Charlotte Bank hat die Filme nach Berlin geholt

Die Künstler bezeichnen sich selbst als stumm, erzählt Charlotte Bank, die Kuratorin der Berliner Filmreihe, obwohl sie eigentlich sehr kritische Filme drehen. "Das ist das interessante, dass es möglich ist, trotz des autoritären Staates solche Filme zu machen." Allerdings würden sie fast nie gezeigt, so dass ihre Kritik für den Staat gefahrlos sei. Oft schickt die Nationale Filmorganisation die Filme sogar zu internationalen Festivals, wo sie nicht selten Preise und Kritikerlob ernten. Doch auch das ist Strategie, glaubt Charlotte Bank. Indem sie kritische Filme zu Festivals schicke, könne sich die syrische Regierung im Ausland als liberal darstellen, nur um die preisgekrönten Werke dann zu Hause im Giftschrank verschwinden zu lassen.

Kritik an der Familie statt an der Regierung

Regisseur Oussama Mohammed hat in den letzten dreißig Jahren nur zwei lange Filme gedreht.Wie viele seiner Kollegen versteckt er seine Kritik am Staat. In seinen Filmen geht es oft um Familienstrukturen, die zum Symbol für staatliche Herrschaftsstrukturen werden. Denn offene Kritik am System ist kaum möglich, symbolische aber durchaus. In "Sacrifices" erzählt Mohammed bildgewaltig und voller Metaphern die Geschichte eines Patriarchen, der im Sterben liegt. In seiner Großfamilie beginnt ein Kampf um die Nachfolge, der die Familie in ihren Grundfesten erschüttert.

Dass der despotische Protagonist für den Präsidenten steht weiß in Syrien eigentlich jeder. Jeder weiß auch, dass der Film existiert, viele können den Inhalt bis ins kleinste Detail nacherzählen – nur gesehen hat ihn fast niemand. Denn oft haben nicht einmal die Filmemacher selbst eine Kopie ihrer Filme, um sie Freunden zu zeigen oder im Ausland bei Festivals einzureichen.

Verboten, aber bekannt

A flood in Baath Country, Regie: Omar Amiralay, Syrien/ Frankreich 2003 (Foto: Arsenal Kino, Berlin)

Omar Amiralay kritisiert in seinen Filmen den Gehorsam gegen den Staat

Dokumentarfilmer Omar Amiralay hat die Konsequenzen gezogen und ist ins Exil gegangen. In seinem ersten Film, den er 1970 gedreht hat, war er noch ganz begeistert vom syrischen Sozialismus der Baath-Partei. Doch als er die praktische Umsetzung im Alltag erlebte und die Unterdrückung der Zivilbevölkerung, hat er sich von der Regierung abgewandt. Seitdem sind alle seine Filme verboten. In "A flood in Baath country" begibt er sich in das Dorf zurück, indem er damals seinen allerersten Film gedreht hatte. Das Ergebnis: ein brillanter Film, eine bittere Bestandsaufnahme, eine Abrechnung mit der Indoktrinierung der Bevölkerung, die schon in der Schule anfängt, wo die Kinder den Tag mit regierungstreuen Parolen beginnen müssen.

"Amiralay hat nur einen Film produziert, der nicht verboten ist, trotzdem kennt ihn jeder", berichtet Charlotte Bank. Er werde auch von der jungen Generation als Vaterfigur angesehen und sehr bewundert. Gerade die Arbeit der jüngeren Regisseure liegt der Kuratorin sehr am Herzen. Sie drehen oft Kurzfilme auf Video, und das erlaubt ihnen, die Nationale Filmorganisation zu umgehen, neue Formen und Stile auszuprobieren - witzige, bunte Miniaturen, die oft mehr an Videokunst erinnern als an das klassischen Autorenkino der älteren Generation. Diese Filme sind oft stark von der Videokunst-Szene des Libanon und der Palästinensischen Gebiete beeinflusst. Doch die Themen sind ähnlich, erklärt Bank. "Es geht um Gesellschaftskritik, um Geschlechterfragen und Familienstrukturen. Auch die jungen Regisseure machen ein sehr engagiertes Kino."

Autorin: Sarah Mersch
Redaktion: Diana Hodali

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