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Kultur

Ein steinerner Hügel für den Regisseur

Lange hat der jetzt verstorbene Regisseur Christoph Schlingensief darauf hingearbeitet, ein Festspielhaus in Afrika zu bauen. Unsere Autorin hatte ihn beim Spatenstich in Burkina Faso begleitet.

Christoph Schlingensief unterzeichnet eine Urkunde während der Feierlichkeiten zur Grundsteinlegung (Foto: DW/ Susanne Lettenbauer)

Endlich wird er wahr, der Traum von Christoph Schlingensief - trotz seiner Krebserkrankung. Die Trommeln werden gerührt, die Dorfältesten der umliegenden Dörfer haben sich zur Grundsteinlegung versammelt, der Kulturminister ist eingetroffen. Unter bunten Zelten hat sich die politische Elite von Burkina Faso, dem früheren Obervolta, versammelt, um diesem Deutschen seinen Traum zu erfüllen. Tambi Yargo, der Dorfälteste des Gebietes, sitzt mit einem kunstvoll geschnitzten Gehstock ebenso unter dem Zeltdach wie der Kulturminister Philipp Savadogo. Ein ausgezeichnetes Projekt käme hier in sein Land, wird der Kulturminister nicht müde, immer wieder zu betonen. Dieses Herzensprojekt von Herrn Schlingensief sei Ausdruck für eine besondere Solidarität zwischen den deutschen Initiatoren und Burkina Faso. Savadogo glaubt man das. Ein freundlicher Mann in braungemustertem traditionellem Umhang. Christoph Schlingensief trägt ein schwarz-weißes Modell, später auch einen traditionellen Hut gegen die brütende Hitze. Es ist Harmattan in Westafrika, Saison eines staubigen Wüstenwindes, der die Festgäste einhüllt. In der Ferne laufen Bauernjungen mit ihren Kühen und Schafen. Irgendwann setzen sie sich zu der Zeremonie.

Akfrikanische Tänzer während der Feierlichkeiten (Foto: DW/ Susanne Lettenbauer)

Kultur und Bildung in der Savanne

Am Rande des Platzes stehen unzählige Geländewagen, ohne die es schwierig wird in diesem Gelände. Von der Hauptstadt aus ist der Weg mühsam zu dem künftigen Opernplatz. 30 Kilometer, 45 Minuten Fahrzeit. Vorbei an mageren Ziegen und dösenden Eseln. An kleinen quadratischen Lehmhäusern in derselben Ockerfarbe wie die stachlige Savanne ringsum. Heimat von Bauern, deren Kinder zu 80 Prozent noch nie eine Schule von innen gesehen haben, schon gar nicht ein Festspielhaus. Trotzdem soll es hier in der Savanne stehen, wahrscheinlich im kommenden Jahr. Zuerst wird jedoch die Schule gebaut. Mit Film- und Musikklassen für bis zu 500 Kinder. Nicht nur vier Wände mit einem Dach, sondern ausgeklügelte indirekte Belüftung soll das Lernen in der Hitze erträglich machen, sagt der Architekt Francis Kéré, geboren in Burkina Faso, drei Stunden Autofahrt vom Operndorf entfernt. Sehr bald sollen sich auch auswärtige Besucher von seinem Bau überzeugen können. Wahrscheinlich ab Dezember soll es möglich sein, dass Leute in die kleinen Bungalows einziehen können, sagt Kéré. Besucher und Schauspieler, die dort arbeiten möchten, könnten sie nutzen. Das sei die Idee. Damit nähre man diesen Geist des Operndorfes, sagt der Architekt.

Ein am Computer generiertes Bild zeigt das Modell des Opernhauses (Foto picture alliance/ dpa)

Ort der Entschleunigung

Dieser Geist des Ortes war es, sagt Christoph Schlingensief, der ihn immer wieder hierher zurückkehren ließ. Man könnte ihn magisch, theatralisch, urgewaltig nennen. Mit einem endlosen Blick über die Savannenparklandschaft. Ein Ort der Entschleunigung. Wo vorerst kein Flügel stehen wird. Auch keine Geige gespielt oder Opern aufgeführt werden. Das "Bayreuth Afrikas", wie das Projekt ganz am Anfang genannt wurde, wurde zu einem Operndorf zurechtgestutzt. Eine Krankenstation, Entbindungsstation, ein Sportplatz mit Schule und kleine Bungalows sollen hier einmal stehen. Geht es nach dem Architekten Kéré, dann wird die erste Einweihung, die der Schule, im Oktober gefeiert, wenn das neue Schuljahr beginnt.

Ohne Druck arbeiten

Christoph Schlingensief ist zurückhaltender. Es könne sein, dass mal ein Film gezeigt werde oder eine lokale Band auftritt. Wogegen er sich verwehrt, sind Empfehlungen gutmeinender Europäer, die ihm Inszenierungen aus Avignon oder anderen Theaterfestivals verkaufen wollen. Denn er möchte den Druck verhindern, noch in diesem Jahr ein Theaterprogramm präsentieren zu müssen. Christoph Schlingensief wartet lieber noch ab. Auch wenn nach der Grundsteinlegung die Bauarbeiten sofort beginnen. Rund 1,3 Millionen Euro der benötigen zwei Millionen Euro wurden gesammelt, bei so Prominenten wie Herbert Grönemeyer, Roland Emmerich und Henning Mankell. Der grösste Teil als Kleinstspenden aus der deutschen Bevölkerung.

Visionen für Tropengebiete

Der Architekt Diebédo Francis Kéré will sich indes keine Zeit lassen. Der in dem kleinen Dorf Gando 200 Kilometer südlich von Ouagadougou geborene Häuptlingssohn hat in der eigenen Familie erlebt, wie Kinder ohne Schulbildung aufwachsen. Als einziges von 13 Kindern durfte er eine Ausbildung machen, fern vom Heimatdorf. Dass er 1985 nach Deutschland kam, durch die Carl-Duisberg-Gesellschaft, war einzig Glück, so seine Meinung. Kére wäre überall hingegangen, nach Frankreich oder England. Aber das Stipendium der Carl-Duisberg-Gesellschaft, die alle zwei Jahre nur fünf Stipendiaten aufnahm, führte ihn nach Berlin. Für den großgewachsenen Mann stand fast von Anfang fest, dass er Architektur studieren würde.

Kinder und Erwachsene betrachten das neue Opernhaus in einem von einem Computer generierten Bild (Foto: picture alliance/ dpa)

Partnerschaft für Kultur

Erst während seines Aufenthaltes in Deutschland und dem Abitur an der Abendschule lernte Francis Kéré die deutsche Sprache. Seit 1999 noch während des Studiums trat er bei Konferenzen auf. Sein Thema: Nachhaltiges Bauen für Tropengebiete. Auf einem Symposium in Johannesburg lernte Christoph Schlingensief Kéré kennen. Die Ideen des Architekten Francis Kéré faszinierten den deutschen Aktionskünstler sofort, auch wenn der Kontakt langsam begann. Ein Operndorf in Afrika - für den Architekten von Schulen und Bildungszentren anfangs ein absurder Gedanke. Mittlerweile brennt auch Kéré für die Idee. Das künstlerische Konzept überlässt er ganz dem Regisseur Schlingensief. Der lässt sich jetzt nach der Grundsteinlegung Zeit.

Blick in die Zukunft

Dass künftig in dem neuen Operndorf westeuropäische Ensembles auftreten, wie früher einmal angekündigt, dürfte vorerst nicht der Fall sein. Auch Kooperationen mit heimischen Künstlern werden in der Haupstadt konzipiert. Im Mittelpunkt des von dem Architekten Francis Kéré konzipierten Bauprojektes auf dem sandigen Plateau sollen Schüler stehen, Film- und Musikklassen, die ihre eigene afrikanische Kultur pflegen.

Noch stehen erst die bunten Container mit gespendeten Requisiten der Ruhrtriennale auf dem von Granitblöcken umgeben Platz. Und noch bittet Christoph Schlingensief um Geduld: Wer denkt, in einem Jahr ein fertiges Programm des Festspielhauses in Händen halten zu können, irrt. Vorerst wird die Schule gebaut für Musik- und Filmklassen. Für 1,4 Millionen Euro soll in den kommenden Monaten Remdoogo, das Operndorf entstehen. Bis zu 200 Arbeiter will der Architekt Francis Kéré ab sofort für den Bau der Schule, der Krankenstation, zahlreicher Bungalows und des 500 Plätze umfassenden Festpielhauses einsetzen. Die Zustimmung in der Bevölkerung hat er.

Autorin: Susanne Lettenbauer

Redaktion: Conny Paul

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