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Europa

Ein Star bittet um Asyl

Der Gewinner des silbernen Bären von 2013, Nazif Mujić, aus Bosnien-Herzegowina lebt derzeit in einem Asylheim am Rande Berlins. In seiner Heimat habe er keine Zukunft gehabt. Doch das ist nicht die ganze Geschichte.

An der Einfahrt von Poljice, einem kleinen von Roma bewohnten Dorf im Nordosten Bosniens, stand vor einem Jahr ein Schild mit der Aufschrift: "Hier lebt der beste Schauspieler Bosnien und Herzegowinas". Es sollte der Willkommensgruß für Nazif Mujić sein, dem Gewinner des Silbernen Bären, als er im Februar 2013 vom Filmfestival Berlinale zurückkam. Würde er heute, ein Jahr später, zurück nach Poljice kommen, würde Mujić ein anderes Schild sehen, worauf "Müll abladen verboten" steht.

Nazif Mujic mit dem Silbernen Bären (AP Foto/Markus Schreiber)

Nazif Mujić: Der Gewinner des Silbernen Bären 2013

In seinem Heimatdorf sind seine Nachbarn und Verwandten nicht mehr gut auf ihren einstigen Helden zu sprechen. "Nazif ist mit Frau und Kindern nach Deutschland abgehauen und hat uns hier zurückgelassen. Niemanden schert sich darum, was aus uns wird", sagt Alija Arapović, der auf eine Krücke gestützt jeden Tag in die Stadt betteln geht, um sich ein paar Kartoffeln kaufen zu können. Auch Ismet Babić, ein Nachbar von Nazif, ist enttäuscht. "Er war hier unser Roma-Präsident und sollte sich für uns einsetzen, um unser Leben zu verbessern. Aber er denkt nur an sich", sagt Ismet. Und seine Brüder Rašan und Hašim sind sich sicher: "Irgendjemand hat ihn schlecht beraten.“

Das Märchen vom roten Teppich

Vor einem Jahr sah alles noch aus wie ein Traum. "Als sie meinen Namen nannten, Nazif Muijić, und dass ich in der Kategorie bester männlicher Darsteller gewonnen hatte, da spürte ich meine Arme und Beine nicht mehr. Ich flog die Bühne hoch, ich war überwältigt", sagt Nazif Mujić. "Auch jetzt, wenn ich daran denke, bekomme ich Gänsehaut“, schwärmt der 44-Jährige. Vor einem Jahr gewann der Film des bosnisch-herzegowinischen Filmemachers Danis Tanović "Eine Episode im Leben eines Eisensammlers" zwei silberne Bären bei der 63. Ausgabe des Berlinale-Filmfestivals - einen für den Film, und einen für den besten Schauspieler.

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Nazif Mujic kämpft um Asyl in Deutschland

Nazif spielte sich in der Geschichte selbst. Einen Eisensammler, der um medizinische Hilfe für seine Frau kämpft, die eine Fehlgeburt erlitten hat. Da sie Roma sind, haben sie es schwerer als andere: sie sind arm und Vorurteilen ausgesetzt. Nach einer dramatischen Odyssee folgt schließlich das Happy End: mit einer geliehenen Versicherungskarte, schaffen sie es zu einem Arzt, der die Frau behandelt. Die Preisverleihung war eine Sensation, wie sie die Berlinale gerne produziert. Mit viel Herz und Mitgefühl für schwere Schicksale. Über Nacht wurde Nazif Mujić ein Star. Als er nach Bosnien zurückkam, wurde er voller Bewunderung und Begeisterung empfangen.

Zurück nach Berlin

Das war vor einem Jahr. Inzwischen ist Nazif wieder in Berlin. Er sitzt auf dem Boden des 30-Quadratmeter-Zimmers, das er derzeit mit seiner Ehefrau Senada (33) und den drei Kindern im Flüchtlingswohnheim Gatow am Rande Berlins bewohnt. In einer Ecke des Raumes ist ein Waschbecken. Ein paar Plastikstühle stehen herum, zwei Sofas gibt es, ein Bett. Bunte Decken, ein Tisch. Nazif wartet hier auf sein Schicksal. Der silberne Bär habe ihm, außer einer schönen Erinnerung, nichts gebracht, so Nazif. Irgendwie fühlt er sich ausgenutzt, nur kann er nicht genau sagen, wie. "Die anderen machen weiter Filme, verdienen Geld und ich, wo bleibe ich?", fragt er.

Hasim Mujic und Sabahudin Kasumovic (Copyright: DW/M. Camdzic)

Hasim Mujić (l), der Bruder von Nazif, und der Nachbar Sabahudin Kasumović

Nazif hat Asyl beantragt und hofft, dass er und seine Familie in Deutschland bleiben können. Dafür setzt sich auch der ein, der die Mujićs bereits im Gatower Flüchtlingsheim besucht hat. Es ist eine unangenehme Geschichte, die Kosslick gerne loswerden würde. Auch deswegen hat die Berlinale inzwischen der Familie Mujić eine Rechtsanwältin zur Seite gestellt, die juristische Möglichkeiten des Falls prüft. Die Aussichten sind zurzeit allerdings nicht gut: der Antrag wurde abgelehnt, eine politische Verfolgung könne man nicht erkennen und die Armut sei kein Asylgrund, so die Begründung. Nazif und seine Familie sollten zurück, heißt es.

Ein Fremder im eigenen Dorf

So einfach ist das aber nicht mehr. Nazifs Brüder arbeiten in der kommunalen Abfallentsorgung. Da hatte auch Nazif eine Stelle bekommen: "Hier hatte er eine gute Arbeit. Wann immer er einen freien Tag brauchte, um ein Interview zu geben oder bei einem Fernsehbeitrag mitzuwirken, bekam er frei. Er wartete zwar immer auf eine neue Rolle, aber er ist kein Schauspieler. Er spielte in so etwas wie einem Dokumentarfilm mit", sagt Hašim. Er arbeitet seit 27 Jahren als Müllmann und es schwingt ein wenig Bitterkeit in seinen Worten mit.

Haus von Nazif Mujic (Copyright: DW/M. Camdzic)

Das Haus von Nazif Mujic in Poljice

Denn in seinen Augen hatte sein berühmter Bruder eine Chance: Im Frühjahr 2013 bekam Nazif einen Job als Animateur in einem Schwimmbad der nordbosnischen Stadt Tuzla. "Er arbeitete aber nur einen Monat lang, erhielt dafür 650 bosnische Mark (ca. 325 Euro) und kündigte", sagt der Direktor Maid Porobić. Mitte Juni 2013 wurde Nazif in der kommunalen Abfallentsorgung "Rad" (Arbeit) in nahegelegenem Städtchen Lukavac eingestellt. Der monatliche Lohn betrug 710 bosnische Mark, was für die dortigen Verhältnisse eine gute Bezahlung ist. Der Leiter von Rad, Sabahudin Kasumović, zeigt das Schichtbuch vor. "Nazif hat leider mehr Fehl- als Arbeitstage und nach dem Sarajevoer Filmfestival im Oktober ist er gar nicht mehr aufgetaucht", so Kasumović.

Das Leben ist weiter gegangen - ohne Nazif

"Das Leben in Poljice ist hart. Auch wenn man Arbeit findet", sagt Nazif. Er weiß, dass sich die Menschen in seiner Heimat um ihn bemüht haben. "Ich danke der Gemeinde Lukavac", sagt er. Nur, es ist eben nicht genug. Nach dem Gewinn des Bären, als er nicht glauben konnte, was ihm geschah, war er überzeugt, dass sein Leben besser würde. Aber es ging mehr oder weniger im alten Trott weiter. Und genau das wollte er nicht mehr.

Baum an der Einfahrt in das Dorf Poljice mit dem Schild: Müll abladen verboten (Copyright: DW/M. Camdzic)

Hier hing einst ein Schild mit der Aufschrift: "Der beste Schauspielers Bosniens". Heute steht darauf: "Müll abladen verboten"

Er versteht nicht, dass er für die Berlinale nur eine tolle Story war. Eine, die nur für einen Kinoabend ans Herz geht und nicht länger. "Schreiben sie bitte, dass ich in der nächsten Rolle, die mir jemand gibt, noch mehr von mir selbst geben werde, dass ich noch mehr Emotionen zeigen kann", sagt Nazif. Dass er aber noch mal eine große Chance bekommt, ist unwahrscheinlich. Weder in der Filmbranche noch in seinem Heimatdorf. Das Willkommensschild ist längst verschwunden.

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