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Nahost

Ein ständiger Schatten über Israels Geschichte

Bis zum Eichmann-Prozess 1961 galt der Holocaust in Israel als tabu. Erst danach setzte ein Umdenken ein. Tom Segev zeichnet diesen Wandel nach: in seiner Biographie des "Nazi-Jägers" Simon Wiesenthal.

Prozess gegen Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem (Foto:ap)

Der Prozess gegen Adolf Eichmann 1961 war ein Wendepunkt für den noch jungen Staat Israel

Israel war Ende der 40er Jahre eine zukunftsorientierte dynamische Gesellschaft, die den Holocaust schnell vergessen wollte. Wie ein Paukenschlag wirkte daher der Prozess gegen Adolf Eichmann, der 1961 den Holocaust in das politische Bewusstsein zurückholte. Eichmann war kurz zuvor vom israelischen Geheimdienst Mossad in Argentinien entführt worden. Mit dem Prozess und den aufwühlenden Details um die Ergreifung Eichmanns kam die Lawine der Erinnerung ins Rollen; sie wirkte wie eine Therapie für das neu gegründete Israel, das eigentlich nur vergessen und nach vorne blicken wollte. Der Holocaust wurde seit diesen Tagen Teil des kollektiven Unterbewusstseins.

Wiesenthal als tragische Figur

Simon Wiesenthal (Foto:ap)

Simon Wiesenthal trug wesentlich zur Aufklärung von NS-Verbrechen in der Nachkriegszeit bei

Simon Wiesenthal, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, NS-Verbrecher aufzuspüren und vor Gericht zu bringen, hielt die Erinnerung an die Opfer und Täter des Holocaust wach. Für Tom Segev war Wiesenthal eine tragische Figur, der sich mit seiner Lebensaufgabe nicht nur Freunde in Israel gemacht hatte. "In Israel neigt man dazu, sich besonders auf den Mord an den Juden zu konzentrieren, genauso wie in den USA," erzählt der israelische Historiker. "Wiesenthal betrachtete den Mord an den Juden als ein Verbrechen gegen die Menschheit und nicht in erster Linie als ein Verbrechen gegen das jüdische Volk."

Gleich zu Beginn seines Buches beschreibt Segev eine Schlüsselszene in der Geschichte des noch jungen jüdischen Staates. Auf Wiesenthals Veranlassung wird die Asche ermoderter Juden nach Tel Aviv überführt.

"Eine solche Beerdigung hatte es noch nicht gegeben. Noch nie waren in einem Grab die sterblichen Überreste so vieler Menschen beigesetzt worden. Ihre letzte Reise begann in Tel Aviv, am 26. Juni 1949. Das Grauen, das die große Synagoge umgab, war beinahe nicht zu ertragen, und immer wieder erhoben sich Schreie der Hysterie aus der Menschenmenge, die sich um das Gebäude drängte. Die Zeitungen meldeten, es hätten sich dort Zehntausende versammelt, und schilderten herzzerreißende Szenen. Manche brüllten 'Vater, Mutter' und viele wurden ohnmächtig. Auch kleine Kinder waren in der Menge auszumachen."

Angst vor dem zweiten Holocaust

Der israelische Historiker, Journalist und Buchautor Tom Segev (Foto:dpa)

Der israelische Historiker, Journalist und Buchautor Tom Segev

Segev schlägt einen weiten Bogen von dieser dramatischen Beisetzungszeremonie bis hin zum Sechstage-Krieg von 1967, dessen Heftigkeit durchaus auch als seine Reaktion auf den Holocaust und der damit verbundenen Angst vor einem zweiten Holocaust verstanden werden kann. Israels militärische Stärke und das seit den 60er Jahren vorangetriebene Atomprogramm sind auch tiefenpsychologisch erklärbare Reflexe auf einen nuklearen Holocaust. Tom Segev zeigt Verständnis für diese Entwicklung: "Wir brauchten damals ein Atomprojekt, weil viele Israelis glaubten, dass Ägypten Israel vernichten will." Das hebräische Wort 'Holocaust' bedeute ja auch 'Vernichtung des ganzen jüdischen Volkes', erklärt Segev. "Die allgemeine Angst war real und hatte Konsequenzen. Städtische Rabbiner sind in geheimer Mission auf Fußballplätze und in Stadtparks gegangen, um diese Stätten als Friedhöfe vorzubereiten."

Heute sei diese Bedrohung aktueller denn je, meint Tom Segev. Irans Präsident Ahmadinedschad wolle Israel vernichten, er leugne den Holocaust, er plane die Atombombe. "Auf Grund welcher Tatsache sollen man eigentlich glauben, das sei nicht ernst gemeint?", sagt der Historiker und mahnt die Welt zu äußerster Wachsamkeit.

Mahnendes Beispiel für die junge Generation

Buchcover Simon Wiesenthal Die Biographie

Der Holocaust, erzählt Segev weiter, werde sowohl im linken als auch im rechten politischen Lager als ideologisches Instrument eingesetzt, wenn nicht sogar missbraucht. Selbst unter Jugendlichen zirkuliere diese Angst, sagt Tom Segev. So etwa, wenn Schulkinder auf die Frage "Bist Du ein Holocaust-Überlebender?“ antworteten. "Dann", berichtet Segev, "sagen acht von zehn Kindern 'Ja!'". Auch wenn diese Kinder in Israel geboren seien und ihre Eltern aus Marokko stammten. Der Holocaust sei eben noch immer das Identität stiftende Element der israelischen Gesellschaft.

Simon Wiesenthal hat diesen Prozess mit seiner Jagt auf NS-Verbrecher in Gang gesetzt und musste viel Kritik dafür einstecken. Es ging sogar soweit, dass man ihn der Kollaboration mit den Nazis beschuldigte und später als Mossad-Agent denunzierte. Heute fragten sich viele, warum man John Demjanjuk in München den Prozess macht und ihn auf der Bahre in den Gerichtssaal schiebt. Die Antwort, sagt Segev, sei, "dass jeder junge Mensch in Uniform irgendwo auf der Welt wissen muss, dass es bestimmte Befehle gibt, die er nicht ausführen darf".

In die Zukunft blickt er eher skeptisch.Segev räumt ein, dass die israelische Regierung in der Palästina-Frage viele Fehler begangen hat und der Friedensprozess derzeit auf Eis liegt: "Den Prozess gibt es zwar seit vielen Jahren, aber in Wirklichkeit wird die Situation im Nahen Osten nicht besser. Und ich sehe auch nicht, wie sich das in den nächsten Jahren ändern soll."

Tom Segev: Simon Wiesenthal. Eine Biographie. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Siedler Verlag 2010, 574 Seiten, 29,95 Euro.

Autor: Sven Ahnert
Redaktion: Thomas Latschan

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