1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

Ein "Spectaculum": Flucht ins Mittelalter

Romane erklimmen die Bestellerlisten, Filme fesseln ein Millionenpublikum: Das Mittelalter zieht auch heute noch viele in seinen Bann. Ein Besuch auf einem Fest, das die Vergangenheit hochleben lässt.

Der Geruch von gegrilltem Fleisch liegt in der Luft, dazu Musik von Harfen, Geigen und Trommeln aus einer vergangenen Zeit, das Geräusch von Ketten, die gegeneinander schlagen. Schon an der Kasse ahnt man, dass hier der Zugang zu einer kleinen Zeitreise liegen muss. Die meisten Besucher und das Personal sind in mittelalterliche Gewandungen gehüllt, am Kassenhäuschen werden Euroscheine und -münzen gegen mittelalterliche Taler getauscht. Im Mittelalter hat der Euro natürlich keinen Wert. Ein freundliches "wohlauf, holder Jüngling" und schon ist man mitten im Mittelalter.

Ein Besucher des Mittelalterlich Phantasie Spectaculum, verkleidet als Krieger (Foto: DW/ Arne Lichtenberg)

Gestern noch im Büro, heute Krieger

Die Kulisse für das "Mittelalterlich Phantasie Spectaculum" ist passend gewählt. Am Fühlinger See in Köln sind die meisten Stände in weißen Zelten untergebracht. Vor einer großen Bühne haben sich Hunderte Zuschauer versammelt und lauschen einer Musikgruppe. Es gibt Bier, das hier und heute Met heißt, Stockbrot oder gegrillte Leckereien. Es wird gelacht, getanzt oder getratscht. Walter - im Mittelalter duzt man sich selbstverständlich - sitzt mit zwei Begleiterinnen entspannt an einem Tisch. Er hält zufrieden einen Steinkrug mit Bier vor seinen Händen - so und nicht anders will er feiern. "Gehen sie doch mal auf ein Biergartenfest, da gibt es überall Theater", sagt er. Schon seit mindestens sechs Jahren besucht er Mittelalterfeste, und obwohl auch hier Alkohol getrunken werde, gebe es keinen Ärger. "Die Leute gehen nett und vernünftig miteinander um, das macht Spaß."

Für alle was dabei

Eine verkleidete Besucherin starrt beim Mittelalterlich Phantasie Spectaculum auf ihr Handy (Foto: DW/ Arne Lichtenberg)

Ohne das Handy geht auch auf dem Mittelalterfest wenig

An verschiedenen Vergnügungspunkten verweilen die Besucher. Hier können sie ihr Talent im Bogenschießen unter Beweis stellen, sich mit Kissen auf einem Balken duellieren oder auf Ponys reiten. Schon nach wenigen Minuten auf dem Festgelände lassen viele den Alltag hinter sich. Der Endvierziger Stefan sitzt gedankenverloren auf einer Bank. Alleine. Seine Frau und Kinder sind auch dabei, aber die schauen sich gerade einen der vielen Stände an, sagt er. Er genießt die Ruhe. "Das Schöne ist einfach: Die Leute sind hier ungezwungen, jeder ist hier so, wie er sein will. Das finde ich einfach wunderschön."

Eine Frau spinnt Wolle an einer Spindel (Foto: DW/ Arne Lichtenberg)

Wolle spinnen - in der modernen Welt schon fast verschwunden

An den Ständen wird Brot gebacken, getöpfert oder handwerklich gearbeitet. Tätigkeiten, die aus dem Alltag vieler Deutscher schon lange verschwunden sind. Caroline besucht das Fest zum dritten Mal, wie viele trägt sie die angemessene Kleidung des Mittelalters auf der Haut. Vielleicht sei der Besuch eines Mittelalterfests schon als eine Fluchtbewegung aus dem Alltag zu sehen, gibt sie zu. "Vielleicht, um ein bisschen von diesem ganzen Massenkonsum wegzukommen."

Gleichzeitig vertraut und exotisch

Walter Pohl, Professor für mittelalterliche Geschichte und historische Hilfswissenschaften an der Universität Wien (Foto: Schubert)

Walter Pohl forscht über das Mittelalter

Viele scheint der Gedanke zu begeistern, wenigstens für ein paar Stunden ein vermeintlich unverbrauchtes und natürliches Leben zu erleben. Walter Pohl, Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Wien, wundert das nicht: "Das Mittelalter ist auf der einen Seite fremd und exotisch, auf der anderen ist es doch irgendwie vertraut." Die Gesellschaft der vergangenen Tage ließe sich leichter als eine vorstellen, in der alles noch ein bisschen einfacher und übersichtlicher war als heute, sagt Pohl. Viele würden aber ausblenden, dass das Mittelalter auch grausam und rückständig war und viele benachteiligt hätte.

Edwin Ball, Mitorganisator und Pressesprecher des Mittelalterlich Phantasie Spectaculum (Foto: DW/ Arne Lichtenberg)

Edwin Ball: "Das Mittelalter bildet die Säulen unserer heutigen Kultur"

Bei gutem Wetter tummeln sich bis zu 10.000 Besucher auf dem "Mittelalterlich Phantasie Spectaculum", das in nur zwei Tagen aus dem Boden gestampft wurde. Bis zu 1000 Künstler, Schausteller und -spieler stehen für eine Saison fest unter Vertrag und ziehen mit der Veranstaltung von einem Veranstaltungsort zum nächsten.

Ein verkleideter Schauspieler belustigt beim Mittelalterlich Phantasie Spectaculum die Zuschauer (Foto: DW/ Arne Lichtenberg)

Bis zu 1000 Menschen sind am Mittelalterfestival beteiligt

Edwin Ball, Mitorganisator des Mittelalterfestivals, trägt eine blaue Mütze mit Feder, ein blaurotes Gewand und eine große Kette mit einem Kreuz um den Hals, er gibt heute den Vogt, den Herrscher des Geländes. Für ihn sei die vergangene Zeit Geschäft und private Leidenschaft, sagt er. Zurück auf dem Gelände. Die Sonne geht langsam unter, das Treiben neigt sich seinem Ende entgegen. Die bunte Besucherschar bereitet sich darauf vor, das Mittelalter hinter sich zu lassen. Nicht allen fällt das leicht.

Audio und Video zum Thema