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Politik

Ein Spanien ohne Katalonien?

Am 1. Oktober wollen die Katalanen über ihre Unabhängigkeit entscheiden, falls die spanische Regierung in Madrid das nicht verhindert. Die Stimmung in Barcelona ist heiter bis angespannt, aber vor allem: gespalten.

"Jedes Mal, wenn sie den Mund aufmachen, verlieren wir ein Recht mehr." Rentner Alfred Prats ist es wichtig, diesen Satz zuerst auf Katalanisch zu sagen, dann übersetzt er ihn erst auf Spanisch. "Jetzt werfen sie schon die Leute, die für Katalonien kämpfen ins Gefängnis. Da herrscht kein Recht mehr." Er ist sauer auf die spanische Zentralregierung, "die Kuppel", wie sie sie hier abfällig nennen. Deshalb kommt er regelmäßig zu Protestveranstaltungen vor dem Justizpalast in Barcelona. Immer mit dabei: seine Frau, seine katalanische Flagge und sein "Ja zum Referendum!"-T-shirt.

Er ist einer von etwa 2000 Demonstranten, die sich an diesem Freitag vor dem Justizpalast in Barcelona versammelt haben, um für "Independencia", Unabhängigkeit, zu protestieren. Am Vortag waren es noch 40.000. Es ist keine wütende Menge mehr: eine Mutter tanzt mit ihrem Baby im Arm, Jugendliche bilden Schlangen und bahnen sich singend durch die Menge, Alfred und seine Frau wippen Arm in Arm zum Takt der Musik. Eine Live-Band mit Blechbläsern stimmt bekannte Popklassiker an. Die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich.

Barcelona, Katalanen demonstrieren für Referendum und Unabhängigkeit, Alfred Prats, katalanischer Demonstrant (DW/Mariel Müller)

Überzeugter Katalane: Rentner Alfred Prats

"Herr Rajoy, ist das schon eine Diktatur?"

Bis sich zwei Polizisten der Guardia Civil, der Militärpolizei Spaniens, auf den Stufen des Justizpalastes zeigen: Die Menge beginnt zu buhen und zu pfeifen, die Band unterbricht ihren Song und stimmt mit ein. "Democracia!" - "Libertad!", Demokratie und Freiheit, skandieren sie. Die Polizei hatte am vergangenen Mittwoch Büros der katalanischen Regionalregierung durchsucht und vierzehn Regierungsbeamte vorläufig festgenommen.

Ein Demonstrant hält ein Schild hoch: "Herr Rajoy, nennen wir das jetzt schon eine Diktatur oder noch nicht?"

Unabhängigkeitsgegner in Barcelona zu finden, ist gar nicht so leicht. "Wir sind die schweigende Mehrheit", sagt Borja G. Mit seinem Anzug und der seriösen Brille sieht er älter aus als 26. Der Anwalt möchte seinen vollen Nachnamen nicht veröffentlicht sehen und wünscht, sich abseits von überfüllten Cafés zu treffen, um sich zu unterhalten. Warum? "Ich bin vorsichtig, in den letzten Tagen sind die Leute ein bisschen heiß gelaufen", sagt er. Er meint die "independentistas", die Unabhängigkeitsbefürworter. Er wolle sie nicht unnötig provozieren. In einer kleinen Fußgängergasse setzt er sich auf eine Parkbank vor ein Brillengeschäft und erzählt ein bisschen.

Barcelona, Borja G., Unabhängigkeitsgegner (DW/Mariel Müller)

"Wir sind die schweigende Mehrheit" - Borja G. ist gegen die Unabhängigkeit

Borja ist in Madrid geboren, er lebt in Barcelona, seitdem er vier ist. Seine Freundin ist Katalanin, "durch und durch". Sie will die Unabhängigkeit - er nicht. "Was die Liebe zusammenbringt, kann die Politik nicht trennen", sagt er dazu. Der Rest Kataloniens scheint ihm aber sehr gespalten zu sein. Es herrsche ein politischer Krieg zwischen der spanischen Zentralregierung und der katalanischen Regionalregierung, sagt er.

Gegen wen kämpft man hier? 

Aus der "stillschweigenden Repression" Kataloniens der letzten Jahre sei nun seit dem Eingreifen der Militärpolizei eine "offene Repression" geworden. "Sie haben Wahlurnen und Wahlscheine beschlagnahmt, da fragt man sich schon: Gegen wen kämpft man hier eigentlich? Gegen Menschen, die wählen wollen? Gegen Wahlzettel und Wahlurnen? Für den Großteil der Bürger hier ist das nicht normal. Normal wäre es gegen Terrorismus zu kämpfen, aber nicht gegen Menschen, die wählen wollen."

Borja ist für ein legales Referendum. Nicht so eines, wie es jetzt bevorsteht, nachdem das Verfassungsgericht die geplante Volksbefragung für ungültig erklärt hat. Er würde aber mit "Nein" stimmen. "Ich sehe kein Spanien ohne Katalonien, einfach, weil ich alles als mein Land betrachte: Von Galizien bis Katalonien, von Andalusien bis Castilla-La Mancha."

Aktuellen Umfragen zufolge wären 44 Prozent der Katalanen für eine Abspaltung Kataloniens von Spanien. Borja kann die Wut derjenigen verstehen, die sich über die hohen Steuerabgaben Kataloniens an Madrid beschweren. "Sie haben Recht, Katalonien bekommt nicht genug Geld von Madrid, im Vergleich zu dem, was Katalonien produziert. Ich fühle mich auch ungerecht behandelt." Seine Wahlentscheidung ändert das aber nicht.

Barcelona, Alfred Nogueres, Unabhängigkeitsbefürworter (DW/Mariel Müller)

Albert Nogueres wünscht sich, dass Katalonien wirtschaftlich erfolgreicher wird

"Spanien hat die katalanische Kultur angegriffen"

Albert Nogueres hat sich schon immer für Politik interessiert. Er sei vorgeprägt, Eltern und Großeltern seien leidenschaftliche "Independentistas", er ist es jetzt auch. Mit seinem Freundeskreis geht er seit Jahren auf Pro-Unabhängigkeits-Demonstrationen.

Er will, dass sich Katalonien unabhängig macht, "damit es wirtschaftlich erfolgreicher wird". Madrid stünde dabei im Weg und verhindere das. Studenten könnten besser unterstützt werden, die defizitäre Infrastruktur verbessert und der vernachlässigte Flughafen in Barcelona aufgewertet werden. Eine wichtige Rolle spielt für ihn die katalanische Kultur. "Spanien hat die katalanische Kultur angegriffen", sagt er. "Es gibt immer wieder Versuche, die katalanische Sprache aus dem Grundschulunterricht zu streichen." Das wolle er selbst für seine Kinder entscheiden, sagt er.

Seine Sprache ist geschliffen, seine Wortwahl ausgefeilt, als würde er täglich Diskussionen zu dem Thema führen. Ob er sich eine Zukunft in der Politik vorstellen könne? "Ja vielleicht, aber jetzt noch nicht." Erst einmal arbeitet er weiter in einer Bank.

Auf der Parkbank vor dem Brillengeschäft will Borja, der junge Anwalt, aufstehen, da meldet sich der Besitzer des Geschäfts lautstark zu Wort. Er hat die letzten Minuten des Gesprächs in der Tür gestanden und zugehört. "Ich würde Ihnen dringend raten, sich da noch eine andere Meinung einzuholen! Ich gebe Ihnen gerne ein Interview!"


"Sehen Sie? Das meine ich. Wenigstens hat er uns nicht unterbrochen", sagt Borja noch und geht.

 

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