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Fußball

Ein Song für alle

"Polska bialo-czerwony“ heißt der polnische EM-Hit. Die heimischen Fans haben ihn geschmettert, als ihr Team noch im Turnier war. Nun singen die Gästefans einfach weiter und DW-Reporter Peter Wozny singt mit.

Wir sind 23 Menschen, die sich unter das schmale Dach einer Straßenbahnhaltestelle quetschen. Spanier, Kroaten, Holländer, Deutsche, Iren und Polen kann ich ausmachen. Es regnet eimerweise. Blitze zucken direkt über uns. Donner lassen unseren kleinen Unterschlupf erzittern. Danzig erlebt das heftigste Gewitter dieses Sommers und uns hat es voll erwischt. "Polska bialo-czerwony“ singen fünf Holländer, die trotz nasser Klamotten immer noch fröhlich sind und mittlerweile scheinbar zumindest drei Wörter polnisch gelernt haben.

Keine Bahn, keine Tram, keine Taxis nach dem Spiel

Irische Fans singen auf der Tribüne (Foto: Reuters)

Die Europameister im Fangesang: Irische Fans

Das Spiel zwischen Spanien und Kroatien ist vor einer Stunde abgepfiffen worden. Normalerweise wäre ich längst in meiner Unterkunft. Doch der Heimweg ist erfahrungsgemäß der schwierigste Teil eines Besuches im EM-Stadion von Danzig. Da Zufahrtswege und Parkplätze nicht fertig geworden sind, ist der Schnellzug zum Hauptbahnhof die beste Variante, um vom Stadion wegzukommen. Dumm nur, wenn der kurz nach dem Schlusspfiff wegen einer technischen Störung nicht fährt. Weil es kurz darauf auch noch heftig zu regnen beginnt, haben auch die Straßenbahnen den Betrieb eingestellt. Da die Polizei eine Bannmeile von knapp drei Kilometern um das Stadion gezogen hat, kommt auch kein Taxi durch. Tausende Fans sitzen also mit mir fest und kauern dort, wo sie auf dem Fußmarsch in die Stadt ein wenig Schutz vor dem Gewitter finden. "Polska bialo-czerwony" – jetzt singen es die Iren.

Zwei Kroaten aus Zagreb sind hier. Sie haben ihr EM-Quartier in Berlin aufgeschlagen. Dort wohnen sie bei Verwandten und fahren immer nur zu den Spielen nach Polen. Denn die Preise für Übernachtungen sind in Danzig während der EM astronomisch. Wo sie diese Nacht verbringen, bevor morgen der Zug nach Berlin fährt, wissen sie noch nicht. Und auch nicht, wo sie ihre Kleidung trocknen können. Doch für sie gehört das zum "Abenteuer", wie sie betonen, bevor nun sie anfangen zu singen: "Polska bialo-czerwony."

Spanische Fans singen auf der Tribüne (Foto:dapd)

Los cantantes: Auch die spanischen Fans sind bekannt für ihre stimmgewaltigen Gesänge.

Leeres Fancamp

Die Spanier hier unter der Bushaltestelle wohnen in der Fanbase nahe den Werften. Gut 1000 winzige Zelte stehen dort dicht an dicht. Jedes wird an zwei Personen vermietet, obwohl eigentlich nur eine Person ausgestreckt drin liegen kann. Drei Nächte für 210 Euro. Allerdings zahlt kaum einer diesen Preis. Im Schnitt verlieren sich höchstens 20 Leute in diesem Fancamp. Die Organisatoren bieten morgens noch nicht einmal mehr Frühstück an, weil die Nachfrage zu gering ist, erzählen mir die Spanier. Während der Regen weitere prasselt singen mittlerweile alle zusammen: "Polska bialo-czerwony".

EM-Reporter Peter Wozny (Foto: Wozny/DW)

Sang im Regen mit: EM-Reporter Peter Wozny

Der Wind hat aufgefrischt und drückt den Regen jetzt direkt in die Haltestelle. Wir haben keinen Schutz mehr. Jeder hier wird bald nass bis auf die Socken sein. Da öffnet einer der Polen seinen Rucksack, holt eine Rolle Mülltüten heraus und verteilt sie. Löcher für Arme und Kopf sind schnell gemacht, fertig ist das Regencape. Improvisation ist alles. Auch wenn organisatorisch bei dieser EM nicht alles rund läuft: Die Polen kümmern sich notfalls persönlich um ihre Gäste. "Polska bialo czerwony" bedeutet übrigens "Polen, die weiß-roten". Und ein Weiß-Roter hat uns heute Nacht vor einem bösen Schnupfen bewahrt. Da singen wir doch gerne auf ihn.