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Kultur

"Ein sehr unglücklicher Fall"

Auch nach Gesprächen zwischen dem deutschen und dem türkischen Außenminister ist keine Freilassung des 17-jährigen deutschen Schülers in der Türkei absehbar. Ihm wird sexueller Missbrauch einer 13-Jährigen vorgeworfen.

Der 17-Jährige Marco aus Uelzen während eines THW-Einsatzes ist seit Wochen in der Türkei inhaftiert, Quelle: dpa

Keine baldige Entlassung für Marco W.

Die türkische Regierung lehnt eine Freilassung des deutschen Teenagers Marco W. vorerst ab. "Wir können und wollen uns nicht in das Rechtsverfahren einmischen", sagte der türkische EU-Chefunterhändler Ali Babacan am Dienstag (26.6.) nach einem Gespräch mit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD). Er wies darauf hin, es sei gerade auch "ein wichtiger europäischer Grundsatz", dass sich die Regierung in die Arbeit der Justiz nicht einmischen könne. Beide Politiker erörterten den Fall Marco W. am Rande von Beitrittsverhandlungen zwischen der EU und der Türkei in Brüssel.

Frank-Walter Steinmeier, deutscher Außenminister (l.) und der türkische Außenminister Abdullah Gül (Archiv), Quelle: AP

'Nicht einmischen' - Nach den Gesprächen zwischen Steinmeier und Gül

Die türkische Regierung werde aber "alles Notwendige tun, damit er ein faires Verfahren bekommt". Der Fall des 17-Jährigen sei ein "sehr unglücklicher Fall", räumte Babacan ein. "Wir respektieren die Unabhängigkeit der türkischen Justiz", sagte Steinmeier. Zugleich drängte er aber alle türkischen Stellen "mitzuhelfen, dass eine Lösung gefunden wird, damit der Jugendliche möglichst bald wieder bei seinen Eltern in Deutschland sein kann".

Erstes Zeitungsinterview

Derweil hat sich der seit rund elf Wochen in der Türkei inhaftierte 17-jährige Marco W. erstmals in einem Interview aus dem Gefängnis gemeldet und seine Unschuld beteuert. In einem Gespräch mit der türkischen Zeitung "Hürriyet", das in Auszügen auch in der "Bild"-Zeitung veröffentlicht wurde, sagte der sichtlich abgemagerte Schüler, er werde in der Haft nicht misshandelt und müsse nicht hungern.

Auf einem in der "Bild" abgedruckten Foto ist der Jugendliche zu sehen, wie er lächelnd neben einem "Hürriyet"-Reporter steht. Bisher hatte Marco nach Angaben seiner Eltern noch nicht einmal direkten Kontakt zu ihnen haben dürfen. Lediglich zehn Minuten pro Woche hatten sie ihn getrennt durch eine Glasscheibe sprechen dürfen. Der deutsche Anwalt der Eltern, Jürgen Schmidt, sagte dazu: "Jede Besserung für den Sohn freut mich." Er könne nicht beurteilen, ob sich durch das massive öffentliche Interesse eventuell etwas positiv für Marco verändert habe. Er würde sich aber im Namen der Eltern sehr darüber freuen, sagte er.

Wer hat zuerst geküsst?

Die 13-jährige Charlotte forderte der Schüler in seinem Interview dazu auf, die Wahrheit zu sagen und ihre Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs gegen ihn zurückzuziehen. Nach seinen Worten ging die Initiative von dem Mädchen aus. Die Engländerin habe ihn nachts in ihr Hotelzimmer gerufen. "Sie hat mich zuerst geküsst", sagte Marco. Zum Geschlechtsverkehr sei es nicht gekommen. Als er das Zimmer verlassen habe, habe sie ihn böse angesehen. "Sie hat mehr von mir erwartet." Seinen Angaben zufolge hatte sich das Mädchen als 15-Jährige ausgegeben.

Türkische Touristenhochburg Antalya, Foto: AP

Die türkische Touristenhochburg Antalya

Unterstützung erhält der der 17-Jährige derweil aus Deutschland: Durch einen Spendenaufruf seiner Freunde vom Technischen Hilfswerk kamen bereits 10.000 Euro zusammen, und auch in anderen Städten, wie Berlin, Stuttgart und Cottbus haben sich Menschen bereit erklärt, für den Schüler zu sammeln.

Keinen Druck ausüben

Die türkischstämmige Bundestagsabgeordnete Lale Akgün (SPD) warnte vor übertriebenem Druck auf die Türkei. Je mehr Druck auf die Justiz dort ausgeübt werde, desto mehr beharre sie auf ihrer Unabhängigkeit, sagte Akgün in einem Fernsehinterview. Aber auf der anderen Seite müsse man natürlich auch der Türkei deutlich sagen, dass eine Unverhältnismäßigkeit der Mittel vorherrsche. Deswegen müsse die Türkei auch ein Stück nachgeben.

Auch der Trierer Rechtswissenschaftler Hans-Heiner Kühne warnte davor, von deutscher Seite zu dominant aufzutreten. Sachlich völlig unangemessen sei es, der Türkei wegen der Inhaftierung des Schülers mit Sanktionen bei den EU-Beitrittsverhandlungen zu drohen. Kühne rechnet dennoch mit einer schnellen Lösung des Falles. Weder die Regierung noch die Justiz in der Türkei seien daran interessiert, dass wirkliche Probleme entstünden, sagte Kühne am Dienstag in einem Radiointerview. Der Wissenschaftler berät auch das türkische Außenministerium in Menschenrechtsfragen. Bei Verurteilung drohen dem 17-Jährigen acht Jahre Haft. (ina)

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