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Wirtschaft

Ein Schluck aus der Pulle täte gut

Eine alte Diskussion flammt wieder auf: Hat sich Deutschland durch jahrelange Lohnzurückhaltung Wettbewerbsvorteile erkauft und damit die Ungleichgewichte in der Eurozone verschärft? Da ist was dran, meint Rolf Wenkel.

Themenbild Kommentar Grafik Symbolbild

Durch Europa zieht sich ein tiefer Graben. Auf der einen Seite sind die Nordländer wie Deutschland, das in den vergangenen zehn Jahren kaum Lohnzuwächse hatte, immer wettbewerbsfähiger wurde und dadurch wachsende Exportüberschüsse erzielte. Auf der anderen Seite gibt es die Südländer, die mehr importieren als exportieren und damit dauerhaft auf Pump leben. Die Lohnstückkosten - ein Maß für die Wettbewerbsfähigkeit von Volkswirtschaften - stiegen in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland um rund sieben Prozent, Frankreich dagegen um 20 Prozent, in Spanien um 30, in Griechenland und Italien sogar über 35 Prozent. Fachleute sind sich einig: Auf Dauer müssen die Ungleichgewichte in der Euro-Zone kleiner werden, sonst wird die Währungsunion gesprengt.

Rolf Wenkel, Wirtschaftsredaktion (Foto: DW)

Rolf Wenkel, Wirtschaftsredaktion

Doch wie ebnet man diese eklatanten Unterschiede wieder ein? Die Südländer müssen raus aus den roten Zahlen, der Norden kann nicht länger die Exzesse des Südens finanzieren, so argumentieren vornehmlich deutsche Politiker. Ihr einfaches Rezept: Länder wie Griechenland, Portugal, Spanien oder Italien müssen sparen, sparen, sparen. Und neue Schulden machen muss bestraft werden.

Es gibt aber auch eine Minderheit von Ökonomen, die andersherum argumentiert: Deutschland habe sich durch jahrelange Lohnzurückhaltung Wettbewerbsvorteile erkauft - auf Kosten der Arbeitnehmer, die de facto Reallohnverluste hinnehmen mussten. Prominenteste Vertreterin dieser Denkschule ist die ehemalige französische Finanzministerin und jetzige Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, die schon vor anderthalb Jahren behauptete, Deutschland verschaffe sich Vorteile auf Kosten Anderer. Und der Chefökonom der UNCTAD, der UN-Organisation für Welthandel und Entwicklung, Heiner Flassbeck, hat jetzt noch einen draufgelegt: Deutschland habe mit seinem Lohngefüge die gegenwärtige Eurokrise verschuldet, behauptet er. "Die deutsche Niedriglohnpolitik ist der Hauptgrund für die Euro-Krise", so Flassbeck wörtlich.

Wer hat nun recht? Vermutlich steckt in beiden Argumentationslinien ein Körnchen Wahrheit. Natürlich müssen die Südländer einen strengen Konsolidierungskurs fahren, um ihren Haushalt langfristig zu sanieren. Aber man kann nicht von ihnen verlangen, sich kaputt zu sparen - auf Kosten von Wachstum und Arbeitsplätzen. Diese Länder brauchen massive Investitionen in Bildung und Infrastruktur, um überhaupt die Chance zu bekommen, durch steigende Einnahmen ihre Defizite abzubauen. Andererseits hat Deutschland zehn Jahre lang faktisch eine Abwertungspolitik vollzogen und den europäischen Konkurrenten Weltmarktanteile abgejagt - auf Kosten der Arbeitnehmer. Deshalb stünde es den deutschen Gewerkschaften gut an, wieder einmal das Ende der Bescheidenheit einzuläuten und Lohnerhöhungen zu fordern, die deutlich über der Inflationsrate liegen. Die lag übrigens zuletzt bei knapp drei Prozent - nur zur Erinnerung.

Autor: Rolf Wenkel
Redaktion: Dirk Kaufmann

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