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Deutschland

Ein Rucksack voller Probleme

Beim 98. Deutschen Katholikentag in Mannheim geht es um aktuelle Fragen in der Kirche. In schwierigen kirchlichen Zeiten soll das Treffen "einen neuen Aufbruch wagen" - in offiziellen wie nicht-offiziellen Kreisen.

Pilger auf dem Weg zum Katholikentag (Foto: dpa)

Katholikentag Mannheim 2012 Pilger

Mannshohe rote Rucksäcke begegnen in diesen Tagen den Besuchern der Mannheimer Innenstadt an zentralen Plätzen. Die auffallenden Plastiken sollen das Motto des 98. Deutschen Katholikentages veranschaulichen, "einen neuen Aufbruch wagen". Zu dem bunten Treffen sind gut 30.000 Dauergäste in die Universitätsstadt im Norden Baden-Württembergs gekommen. Ähnlich viele Tagesgäste sollen bis zum Sonntag (20.05.2012) jeweils hinzustoßen. Sie wollen beten, singen, feiern, diskutieren. Und streiten.

Rucksackskulptur (Foto: dapd)

Aufbruch kann schwer sein

Denn die Katholische Kirche in Deutschland bewegt sich zwischen Verunsicherung und Neuorientierung. Anfang 2010 hatte das Bekanntwerden zahlreicher Fälle sexuellen Missbrauchs durch Kleriker oder in kirchlichen Einrichtungen für Erschütterung gesorgt und bundesweite Debatten angestoßen. Keine andere Großinstitution bemühte sich vergleichbar um neue Konzepte der Prävention. Doch Vertrauen ist verloren, die Zahl der Kirchenaustritte stieg an.

Zwischen Verunsicherung und Neuorientierung

Das Missbrauchsthema steht nun zwar noch im Raum. Und taucht auch im Programmheft des Katholikentreffens auf. Aber spätestens seit dem Deutschlandbesuch von Papst Benedikt XVI. im September 2011 und seinen Appellen, an der überkommenen kirchlichen Lehre festzuhalten, geht es wieder um das Selbstverständnis von Kirche und um die Forderung nach Reformen: um die Präsenz der Kirche vor Ort, Mitsprache der Gemeinden, einen anderen Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, mehr Mitwirkung von Frauen, auch um die verpflichtende Ehelosigkeit der Priester.

"Wir werden als Kirche kleiner werden in Deutschland", meint Erzbischof Robert Zollitsch. "Das haben wir noch nicht zur Kenntnis genommen." Der Vorsitzende der Katholischen Deutschen Bischofskonferenz ist als Freiburger Oberhirte zugleich Mit-Gastgeber des Mannheimer Treffens. So mahnt er immer und immer wieder Bischöfe, Kleriker und kirchliche Laien zum Dialog und zu Gemeinsamkeit. "Wir müssen gemeinsam den Weg nach vorne in den Blick nehmen und gemeinsam den Aufbruch gestalten."

Porträt von Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (Foto: Uwe Anspach dpa/lsw)

Warb für mehr Solidarität in der Gesellschaft: Erzbischof Zollitsch

Dabei zeigt ein Blick ins Programmheft der fünf Tage von Mannheim die Angebotsvielfalt. Da steht das feierliche lateinische Hochamt "in der außerordentlichen Form des römischen Ritus" gleich neben dem Wortgottesdienst der "Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen" unter dem Motto "Wandelt euch durch ein neues Denken". Um sexuelle Gewalt geht es, auch um Homosexualität in der Kirche. Bei all dem fällt in den diversen "Zentren" die Vielfalt geistlicher Angebote auf. Der Katholikentag ist nicht kirchlicher als vor Jahren oder Jahrzehnten, aber gewiss spiritueller und durchaus auch fromm. Das passt zum gesellschaftlichen Trend einer Sehnsucht nach Religiosität.

Bick zurück - in Mannheim feiern die Katholiken 50 Jahre Vatikanisches Konzil

Zugleich spricht der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, von einer "wachsenden Diskrepanz und ganz großen Entfremdung" im kirchlichen Milieu. Manchmal hört sich der langjährige CSU-Politiker selbst wie ein Revoluzzer an in diesen Tagen. Es gehe, sagt er, den Laien nicht um eine "Strategie des hinhaltenden Widerstands" vor einer ehrenvollen Kapitulation. "Wir wollen etwas anderes, einen offenen Aufbruch." Der 72-Jährige mag sich in diesen Tagen besonders an seine Jugend in der Kirche erinnern. Denn auch in Mannheim geht es um das Gedenken an den Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren. Die Beratungen von Kurie und Kirchenleitung im Vatikan zwischen 1962 bis 1965 sorgten damals für frischen Wind in der Kirche. Leute wie Alois Glück zehren davon bis heute. Aber bis heute dauert auch der Streit um die Auslegung dieses Konzils zwischen Reform und Tradition an.

Der Marktplatz von Mannheim ist am Mittwoch (16.05.2012) während der Eröffnungsfeier des Katholikentags voll mit Menschen. (Foto: Franziska Kraufmann dpa/lsw)

Bis Sonntag werden rund 50.000 Besucher auf dem Katholikentag in Mannheim erwartet

So passen das diesjährige Großthema "Aufbruch zum Dialog" und das leise Ringen mit den kirchenamtlichen Vorgaben zu den Katholikentagen seit den 1980er Jahren. Und längst steht das Zentralkomitee, dieses Gremium mit einem überkommen klingenden Namen, mit in der Reihe jener, die Änderungen in der kirchlichen Lehre wollen. Schon 1994, vor 18 Jahren, formulierte es in einem Papier "Dialog statt Dialogverweigerung" Forderungen, die letztlich heute noch im Raum stehen. Und vor dem Mannheimer Treffen beklagten die ZdK-Delegierten mal wieder "eine große Diskrepanz zwischen kirchlicher Lehre und der Lebenswirklichkeit" vieler Katholikinnen und Katholiken.

Welche Bedeutung hat der Katholikentag?

Immerhin: Im Sommer 2011 starteten Laien und Deutsche Bischofskonferenz einen "Dialogprozess". Beide Seiten bemühen sich, Eskalationen zu vermeiden und den Prozess der kirchlichen Veränderungen gemeinsam zu gestalten und durchzustehen. Aber Erzbischof Zollitsch und ZdK-Chef Glück haben ähnliche Probleme: Nicht alle Bischöfe sind von dem Vorhaben begeistert, einige bleiben gleich ganz zuhause. Und auf Seiten der Laien rumort es auch angesichts von Hoffnungslosigkeit und Ungeduld. Beides gilt auch für Mannheim: Einzelne Bischöfe bekundeten im Vorfeld ihre Geringschätzung der Katholikentage, und an der Basis rumort es.

Wie auch bei den anderen Katholikentagen der vergangenen 20 Jahre initiieren reformorientierte Gruppen in Mannheim ein kleines eigenes Programm. Und erneut sind die Aktivisten in einer evangelischen Kirche zu Gast, einige Gehminuten von der Innenstadt und den anderen Veranstaltungsorten entfernt. "Die Bischöfe haben nach dem Missbrauchsskandal den Ernst der Lage noch nicht erkannt", meint Christian Weisner, einer der Initiatoren des Zentrums.

Menschen feiern am Mittwoch (16.05.2012) in Mannheim bei der Eröffnungsfeier des Katholikentags. (Foto: Franziska Kraufmann dpa/lsw)

"Einen neuen Aufbruch wagen" - das Motto des Katholikentags 2012

Am Donnerstagmittag sprach da Friedhelm Hengsbach, Jesuit und der wohl derzeit bekannteste katholische Sozialethiker in Deutschland. Hengsbach nahm das Bild des Rucksacks auf. Das Gepäckstück sei prallvoll, "möglicherweise auch mit Füllpapier". Und: "Ein Rucksack macht noch keinen Aufbruch." Der Ordensmann beklagt eine Blockadehaltung der Bischöfe. Er fordert deshalb eine "rebellische Alternative". Vielen seiner Zuhörer sprach er aus dem Herzen.

Treffen der Reformgruppen und Brückenschlag zu den Protestanten

Und doch hat das Zentrum der Reformgruppen nicht den Zulauf vergleichbarer Treffen vor 15 oder 20 Jahren. Die einen mögen sich abgewendet haben, die anderen finden kirchlich heikle Themen eben auch im offiziellen Programm. Tabuthemen oder Maulkörbe gebe es da doch nicht, meint Claudia Lücking-Michel, eine der Vizepräsidentinnen des ZdK. Alle anstehenden Fragen sollten dort zur Sprache kommen. Auch Lücking-Michel verweist auf große Unruhe an der kirchlichen Basis. Wenn bisherige Pfarreien wegen des Priestermangels zusammengelegt würden, wenn plötzlich "XXL-Gemeinden" entstünden, schüre das vielfach Besorgnis und Skepsis.

Aber so ganz stimmt das nicht mit den Tabus. Am Samstag kommt ein Österreicher ins Veranstaltungszentrum der Reformbewegungen, der mittlerweile europaweit für Aufsehen sorgt und dessen Engagement in den Ostertagen sogar Papst Benedikt XVI. deutlich kritisch-mahnend ansprach. Pfarrer Helmut Schüller begründete Mitte vorigen Jahres die "Pfarrer-Initiative Aufruf zum Ungehorsam". Rund 400 priesterliche Mitstreiter fordern seitdem konkrete Reformen: die Priesterweihe für Frauen, mehr Kompetenzen für Laien. Und doch bleiben sie Priester.

"Aufruf zum Ungehorsam"

Schüllers Auftritt wird, so hoffen Weisner und seine Mitstreiter, dafür sorgen, dass die evangelische Johanniskirche überfüllt sein wird. Teil des offiziellen Programms wurde der streitbare Pfarrer nicht. Ein solcher Aufruf, meint Alois Glück, sei angesichts des "Dialogprozesses" in der Katholischen Kirche Deutschlands "absolut falsch". "Unser Weg ist der des ernst gemeinten Dialogs und des beharrlichen sachlichen Gesprächs und nicht der des Aufrufs zum Ungehorsam."

Nach den fünf Tagen von Mannheim wollen Laien und Bischöfe den Dialogprozess übrigens im September in Hannover fortsetzen. Rund 300 Teilnehmer werden dann wieder Erneuerung zwischen Reform und Tradition diskutieren. Wer auch immer von Mannheim nach Hannover reist, sein Rucksack wird vollgepackt sein mit Erwartungen.