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Sport

Ein rosaroter Traum für Marcel Kittel

Mit seiner Dominanz beim Giro d'Italia lässt der deutsche Sprinter das schlimme Jahr 2015 vergessen. Marcel Kittel ist zurück - physisch so stark wie einst und zudem mental gereift.

Marcel Kittel hat gut Lachen. Nach zwei Tagessiegen und der Übernahme des

Rosa Trikots des Gesamtführenden

der Italien-Rundfahrt ist er der Mann der Stunde. Angesichts seiner Überlegenheit in den bisherigen Sprints sucht auch die ausrichtende "Gazzetta dello Sport" nach passenden Superlativen: "Kittel, potenza pura" - Kittel, die pure Gewalt, titelt das rosa Blatt und das französische Pendant "L'Équipe" spricht von einer "Machtübernahme" des deutschen Sprinters.

Angesichts des Lobes, glaubt Kittel etwas klarstellen zu müssen: "Ich denke, ich werde in Turin nicht mit dem rosa Trikot ankommen. Das ist ziemlich klar", meinte er schmuzelnd. In Turin endet am 29. Mai der 99. Giro d'Italia, der traditionell eine Sache für bergfeste Leichtgewichte ist. Kittel ist weder das eine, noch das andere. Dafür im Flachen mit einer brachialen Urgewalt ausgestattet. Im Sprint schafft er in Bestform bis an die

2000 Watt Tretleistung

heran, wie er der DW verriet.

Ein rosafabernes Geburtstagsgeschenk?

Bis Turin will Kittel aber noch ein paar weitere Akzente setzen. "Wir nehmen den von Tag zu Tag. Ich bin hier mit dem Fokus auf ein gutes Zeitfahren gestartet. Dann liefen die zwei Flachsprints perfekt. Und jetzt fliege ich mit dem rosa Trikot nach Italien. Das ist eine große Ehre." Gefallen würde ihm natürlich, wenn er das rosa Trikot noch bis Mittwoch behielte. Dann feiert er seinen 28. Geburtstag.

Marcel Kittel beim Giro d' Italia (Foto: picture-alliance/dpa/D. Stockman)

Alte, neue Dominanz: Kittel ist wieder der schnellste Sprinter der Welt. Beim Giro ist er im Flachland derzeit der Beste.

Aber schon jetzt ist alles rosig für den Supersprinter. Das Seuchenjahr 2015 ist komplett vergessen. Kittel litt lange an den Folgen einer Virusgrippe, die er sich zu Saisonbeginn zugezogen hatte. Er stieg zu früh ins Wettkampfgeschehen ein, die Form stimmte nicht, der geschwächte Körper forderte Tribut. Am Ende wurde er als achtfacher Etappensieger nicht für die Tour de France nominiert. Der Tiefschlag für Kittel, dem ein von reichlich Nebengeräuschen begleiteter Abschied vom Team Giant-Alpecin folgte.

Neue Reize - neues Glück

Bei seinem neuen Rennstall Etixx-Quick Step läuft es plötzlich wieder. Schon der Saisoneinstand mit Etappensiegen und Gesamtsieg bei der Dubai Tour war perfekt. "Da war viel Druck, eine hohe Erwartung und auch eine Ungewissheit nach dem letzten Jahr. Es hätte auch viel schief gehen können. Ich glaube, das war für uns alle ein ganz wichtiger Start", so Kittel im Gespräch mit der DW. Physisch ist er in dieser Saison auf dem selben Niveau wie 2014. Damals holte er vier Etappen bei der Tour de France und ebenfalls die ersten beiden Abschnitte des Giro d'Italia. Mental wirkt Kittel aber deutlich weiter: Reif und gelassen nimmt er den Rummel beim Giro hin, scheint in sich zu ruhen. Kittel hat auch durch die Rückschläge gelernt, besser mit Druck umzugehen.

"Meine Erfahrung von letzten Jahr ist, dass ich keinem anderen etwas beweisen muss außer mir selbst. Ich habe gemerkt, wenn man ein Jahr ausfällt, dann landen auf dem Handy viel weniger Nachrichten. Jetzt ist das wieder andersherum. Ich habe darüber eine Gelassenheit entwickelt", schätzt er selbst ein. Das neue Team brachte auch neue Erfahrungen und zusätzliche Stimuli. In seinem belgischen Team ist er gefodert: "Die Belgier fahren immer 'Kette rechts', auch im Training. Das tat weh, denn so war ich das nicht gewohnt. Aber ich bin froh, dass ich im Training einen Schritt nach vorne gemacht gemacht habe. Deswegen habe ich auch einen super Start gehabt."

Radsportler Tony Martin und Marcel Kittel

Nach Rosa auch Gelb? Marcel Kittel (r.) könnte auch bei der Tour zu Beginn die Gesamtführung übernehmen.

Kittel ist jetzt auch taktisch variabler. Er braucht nicht mehr den perfekt arbeitenden Zug, um zum Erfolg zu kommen, wie das noch bei Giant Alpecin der Fall war. Bei der zweiten Giro-Etappe in Arnheim wurde der Etixx-Zug von den Männern vom französischen FDJeux-Team überrumpelt. Kittel musste außen rum, gewann aber dennoch. Das macht das blonde Muskelpaket noch wertvoller für seinen neuen Arbeitgeber. Kittel selbst macht seine Arbeit einfach nur Spaß: "Sprinten und dieses besondere Gefühl im Zielsprint zu haben, das macht für mich den Reiz dieses Sports aus."

Comeback als Zeitfahrer

Kittels gute Vorbereitung im Winter war auch Ursache für den exzellenten fünften Platz beim Prolog in Apeldoorn. Zwar war der Thüringer zweimal Juniorenweltmeister im Zeitfahren. Seit vielen Jahren hat das aber nicht mehr speziell trainiert. Mit seiner guten Gesamtverfassung brachte er sich aber so nah an den Prologsieger und Lokalmatadoren Tom Dumoulin heran, dass die Zeitgutschriften bei den Etappensiegen ihm auch das Rosa Trikot brachten. Nach dem Gelben Trikot bei der Tour die nächste ganz große Auszeichnung für Kittel. Aber es soll nicht die letzte bleiben.

Denn am Horizont warten bereits die nächsten Ziele: Kittel will sich auch auf der großen Bühne der Tour de France zurückmelden und könnte während der flachen Auftaktetappen erneut in Gelb fahren. Zudem hat Kittel noch ein paar weitere Farben im Sinn: Die bunten Streifen des Regenbogentrikots. Bei der WM in Katar im kommenden Oktober soll die Stunde der Sprinter schlagen, auf einem flachen Kurs, der Kittel liegen könnte. Deshalb zählt das Straßenrennen auch zu seinen wichtigsten Saisonzielen. Es ist angesichts Kittels neuer, alter Stärke ein durchaus realistisches. Weltmeister - das würde den Sunnyboy mit stets gestylter Föhn-Tolle auf ein ganz neues Level heben.

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