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Welt

Ein richtungsweisendes und faires Abkommen in Kopenhagen

In nur wenigen Tagen wird die Welt erfahren, ob sich der Klimagipfel als Sackgasse erweisen wird, als Verzögerung oder Umweg, oder ob in einer Sache, die alle Menschen betrifft, ein neuer Gang eingelegt wird.

Achim Steiner (Foto: dpa)

Achim Steiner

Das Ergebnis wird für jeden Mann, jede Frau, jedes Kind in Industrie- wie Entwicklungsländern von höchster Bedeutung sein. Es geht um das vielleicht wichtigste internationale Vertragswerk seit dem Zweiten Weltkrieg, das über 190 Nationen auf den Weg zu einer ressourceneffizienten, grünen Weltwirtschaft mit niedrigem Treibhausgasausstoß führen kann, und das wir für das Gedeihen oder auch nur Überleben der Welt in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten so notwendig brauchen.

UNited – Vereint

Das Gipfeltreffen in Kopenhagen hat die Welt auf eine wohl seit einem halben Jahrhundert nicht mehr erlebte Weise zusammengeführt – und auch die Vereinten Nationen.

In Anerkennung der Tatsache, dass der Klimawandel im 21. Jahrhundert die allergrößte Bedrohung für unsere Sicherheit, unsere Entwicklung und das menschliche Wohlergehen bedeutet, hat UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sich von Beginn an unermüdlich dafür eingesetzt, im Jahr 2009 ein neues, wissenschaftlich tragfähiges Abkommen zu erzielen.

Der Klimawandel bietet aber auch die außerordentliche Gelegenheit für eine Beschleunigung des Umschwenkens auf eine Grüne Weltwirtschaft, die durch effizienten Umgang mit den vorhandenen Ressourcen und geringen Kohlendioxidausstoß den Bedürfnissen und Bestrebungen von zurzeit sechs Milliarden Menschen und im Jahr 2050 bereits neun Milliarden gerecht wird.

Mobilisierung

Die dafür erfolgte Mobilisierung des UN-Systems – sowie auch der Kollegen der UN-Klimarahmenkonvention – ist geschichtlich einmalig, und das Umweltprogramm der Vereinten Nationen UNEP sowie sein Personal hatten großen Anteil an diesem Wandel und der Kampfansage an den Klimawandel. Wir haben uns mit Institutionen und Einzelpersonen in den Vereinten Nationen und in Bereichen wie Management von Wissenschaft, Unternehmen, Energie und Naturressourcen bemüht, die große Bandbreite an Optionen für Regierungen zur Erschließung neuer Märkte zu beleuchten und Motor von Innovationen zu werden.

Der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen (IPCC), gegründet von UNEP und der Weltorganisation für Meteorologie, hat die Realität eines wachsenden Treibhausgasausstoßes unterstrichen. Der wegweisende Bericht von 2007 ist die Bestätigung der wissenschaftlichen Forschung. In ihm sind die ernüchternden Folgen beschrieben und die Kosten für ein Gegensteuern kalkuliert – und die Rettung der Welt wird nicht die Welt kosten.

Finanzierung des Nullausstoßes

Durch die Finanzinitiative des UNEP und Foren wie Global Compact bei der UN wurden unter anderem Versicherer, Banken und Rentenfonds mobilisiert, Investitionen zu unterstützen, die Märkten das Umschwenken auf Unternehmen mit niedrigem CO2-Ausstoß und effizienterem Umgang mit Ressourcen ermöglichen.

Die Mobilisierung der öffentlichen Meinung durch Initiativen wie die Baumpflanzaktion "Billion Tree Campaign" und die Kampagne "Seal the Deal" (Schließt den Vertrag ab!) hatte wesentlichen Anteil daran, Millionen Menschen eine Stimme zu verleihen, die sich nicht imstande fühlten, zu sprechen.

Der Fonds für "Blue Carbon"

Auch die entscheidende, aber meistens übersehene Rolle von Ökosystemen bei der Anpassung von Ökonomien an den Klimawandel wurde durch Einschätzungen wie den Blue-Carbon-Bericht ins Rampenlicht gerückt. Er wurde in Zusammenarbeit mit der UNESCO, der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) und einem Wissenschaftlerteam aus aller Welt erstellt. Der Bericht enthält die Einschätzung, dass Meeresökosysteme wie Mangroven, Salzmarschen und Seegras einen Kohlendioxidausstoß speichern können, der der Hälfte des jährlichen Ausstoßes des weltweiten Transportsektors entspricht. Um das Ökosystem zu erhalten und wiederzubeleben, wurde unter anderem die Idee entwickelt, einen Fonds für "Blue Carbon" zu gründen, mit dem die Länder des Nordens Länder und Gemeinden des Südens finanziell unterstützen könnten.

Die REDD-Partnerschaft

Diese Idee ist gar nicht so weit hergeholt. Es ist denkbar, dass sich Staaten darauf einigen, Entwicklungsländern finanziell unter die Arme zu greifen, damit diese im Rahmen einer Partnerschaft das "Green Carbon" in Waldgebieten erhalten: Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation (Reduktion von Emissionen aus Entwaldung und Schädigung von Wäldern, REDD). UNEP beherbergt das Sekretariat für UN REDD, zu dem auch das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen UNDP und die FAO gehören. Sie bereiten finanziert durch Norwegen und andere Staaten neun Pilotländer in Afrika, Asien und Lateinamerika für diese sich eröffnenden Chancen vor.

Nach Schätzungen könnte ein Land wie Indonesien 1 Milliarde US-Dollar im Jahr verdienen, wenn es die Entwaldungsrate um die Hälfte senkt.

Das Projekt "Carbon Benefits"

Entwicklungsländern Geld zu geben, damit sie die Kohlendioxidspeicher der Ökosysteme pflegen, führt auf neue und umgestaltende Pfade mit ähnlich breitgefächertem Nutzen für die Grüne Weltwirtschaft. In Kooperation mit dem Zentrum für agroforstliche Forschung (World Agroforestry Centre) und finanziert durch die Globale Umwelteinrichtung (Global Environment Facility) hat UNEP gemeinsam mit Bauern und Landbesitzern in Westkenia, China, Niger und Nigeria das Projekt "Carbon Benefits" ins Leben gerufen.

Ziel ist dabei die Entwicklung eines Standardsystems, der es Investoren ermöglicht zu berechnen, wie viel Kohlendioxid je nach Landbewirtschaftung abgesondert wird.

Einige entwickelte Ökonomien bereiten sich darauf vor, Milliarden Dollar in das Abscheiden und Speichern von Kohlendioxid bei Kraftwerken (Carbon Dioxide Capture and Storage, kurz CCS) zu pumpen. Ein Teil dieses Geldes davon ließe sich durchaus auch in das natürliche CCS investieren. Die natürlichen Speicher haben sich über Jahrtausende von Jahren bewährt und könnten sich bei einer schnell Aufwertung als viel preisgünstiger erweisen.

Ein richtungweisendes und faires Abkommen

Der Klimawandel wird nicht wie ein Albtraum am Morgen einfach verschwinden, wenn die Regierungen Kopenhagen ohne ein ernsthaftes Abkommen verlassen.

Wir können die Uhren anhalten, aber wir können nicht verhindern, dass die Klimauhr weitertickt, wenn wir keine umgestaltenden und engagierten Maßnahmen ergreifen.

Je länger die Welt wartet, desto mehr Schaden wird der Klimawandel verursachen und umso schwieriger und teurer wird es sein, ihn zu bewältigen. Der Klimagipfel in Kopenhagen ist der Moment, für die Zukunft zu planen. Lassen wir diesen Moment unverrichteter Dinge vorübergehen, wird die Zukunft sich hinsichtlich des Klimawandels selbst planen. Es gehört zu den großen Mythen, dass die Staaten sich zurücklehnen und abwarten. Die Realität ist sehr viel konstruktiver. Entwickelte Wirtschaften von der Europäischen Union bis nach Australien und Japan legen Kennziffern für die Emissionsreduzierung auf den Tisch, und wir können damit rechnen, dass die USA bald folgen werden.

Gleichzeitig gibt es freiwillige Verpflichtungserklärungen aus Entwicklungswirtschaften von Brasilien über die Republik Korea bis zu Indonesien und Mexiko. Während sich die Welt für Kopenhagen bereitmacht, könnten wir in Wahrheit angesichts von Wissenschaft, Ökonomie, außerordentlichen Optionen und einem neuerlichen Gefühl echten politischen Willens einem richtungweisenden und fairen Abkommen näher sein, als viele Pessimisten annehmen.

Achim Steiner ist Untergeneralsekretär bei den Vereinten Nationen und Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms UNEP

Aus dem Englischen: Rosemarie Nünning

Redaktion: Henrik Böhme

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