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Deutschland

Ein Rheinländer an der Spree: Der neue Erzbischof von Berlin

Seit September war die Stelle vakant. Nun hat Berlin einen neuen katholischen Erzbischof: Heiner Koch. Ein Amt mit Ausstrahlung weit über die multikulturelle Hauptstadt hinaus.

Heiner Koch ist Rheinländer, gebürtiger Düsseldorfer, überzeugter Karnevalist. Er freut sich und leidet als Fußball-Fan mit Fortuna Düsseldorf. Zudem ist er der oberste deutsche Geistliche für den Bund der historischen deutschen Schützenbruderschaften. Das klingt nach Tradition und Frohsinn. Doch der bald 61-Jährige bringt für sein neues Amt als katholischer Erzbischof von Berlin viel mehr mit.

In den vergangenen zwei Jahren wirkte der Geistliche nämlich in einer Region, in der gut 80 Prozent der Bürger konfessionslos und Christen eindeutig in der Minderheit sind: Koch war Bischof von Dresden-Meißen im ostdeutschen Bundesland Sachsen. Seine Zeit in der sächsischen Landeshauptstadt hat ihm einen eigenen, sensiblen Blick auf die säkulare Stimmung in Osten Deutschlands gegeben, die erst allmählich auf die westdeutschen Länder der früheren Bundesrepublik übergreift.

Organisator des Weltjugendtages

Innerhalb der katholischen Kirche wurde Heiner Koch international bekannt, lange bevor er die Bischofsweihe empfing. Denn als Generalsekretär des Weltjugendtages 2005 in Köln sorgte Koch maßgeblich für den Erfolg und die religiöse Vielfarbigkeit der Großveranstaltung mit Teilnehmern aus aller Welt. Anfang 2013 folgte dann der Wechsel in den Osten Deutschlands - der Koch so überraschte, dass er zunächst mal in einer Buchhandlung Reiseführer zu Dresden und Sachsen erwarb, einer Region, in der er sich bis dahin kaum auskannte.

Bischof Heiner Koch bei Kirchenweihung in Leipzig - Foto: Jan Woitas (dpa)

Bischof Koch bei Kirchenweihung in Leipzig: "Ich werde immer Rheinländer bleiben"

Im Bistum Dresden-Meißen erlebte Koch den Katholizismus im weithin kirchenfernen Osten. Er wolle "die Frage nach Gott lebendig halten", sagte er. Und suchte fast neugierig das Gespräch auch mit jenen, die religiös nicht gebunden waren. Da saßen, erzählt er, auch schon mal weinende Familien bei ihm in der Stube, fassungslos darüber, dass sich einer aus ihren Reihen für ein Leben in der Kirche entschied - und das nach Generationen ohne jede religiöse Bindung.

Koch ist jemand, der dieses Gespräch führen und kirchenkritische Fragen aushalten kann. Diese Fähigkeit hat er in seiner Zeit Dresden noch weiter vertieft. Und als in der sächsischen Landeshauptstadt ab Herbst 2014 Tausende den populistischen, oft rechtsradikalen Parolen von Pegida-Aktivisten folgten und demonstrierend durch die Straßen zogen, stand Koch einige Male am Rand, schaute und fragte, wurde gelegentlich auch beschimpft.

Fragen der Ungetauften

Wenige Wochen nach seinem Amtsantritt als Bischof von Dresden-Meißen legte Koch den Grundstein für den größten Kirchenneubau in Ostdeutschland nach der Wende: für die Propsteikirche im Herzen von Leipzig. Vor einem Monat, im Mai 2015, weihte er das Gotteshaus in der sächsischen Metropole ein und wandte sich in seiner Predigt gerade an die mehrheitlich konfessionslosen Leipziger: "Wir sind dankbar für Sie, die Ungetauften, die Sie mit Ihren Lebenserfahrungen, mit Ihrem Suchen und Ihrem Fragen für uns ein Reichtum sind, lebens- und glaubensbedeutsam." Das neue Gotteshaus wird eines der Zentren des 100. Deutschen Katholikentags sein, den Bischof Koch für Ende Mai 2016 in die Messestadt einlud – ein Christentreffen mitten im weitgehend atheistischen Osten.

Dass Koch aber seine Wurzeln tief im Westen hat, merkt man ihm weiterhin an. Bei seinem Wechsel von Köln nach Dresden versprach er, "ich bin Rheinländer und werde immer Rheinländer bleiben." Das wird wohl auch bei seiner neuen Aufgabe in der deutschen Hauptstadt so bleiben, nun aber mit zusätzlicher Prägung in Dresden, wo er "sich sehr zu Hause" gefühlt habe.

Das Erzbistum Berlin - das sind Citykirchen in einer gerade für junge Leute spannenden Metropole ebenso wie riesige Diasporagemeinden in Nordostdeutschland. Das heißt Caritas-Arbeit an der Basis zwischen Suppenküchen, Nachtasyl und Flüchtlingshilfe, das erfordert aber auch gelegentliche Präsenz in der "großen Politik".

Ein Gesicht in der Politik

Denn seit dem Umzug von Parlament und Regierung von Bonn nach Berlin vor 16 Jahren ist das noch recht junge Erzbistum - die Gründung erfolgte erst 1930 - von herausgehobener Bedeutung. Die Zahl kirchlicher Einrichtungen und Vertretungen wächst, nach wie vor. Und der Berliner Erzbischof ist eben auch derjenige, der bei vielen Gelegenheiten auf der politischen Bühne der deutschen Hauptstadt der Kirche ein Gesicht gibt.

So dürfte Koch mittelfristig auch Kandidat sein für das Kardinalsamt. Seinen Vorgänger, den gleichsam aus dem Erzbistum Köln stammenden Rainer Maria Woelki, berief Papst Franziskus während dessen drei Jahren in Berlin in sein engstes Beratergremium. Die letzten fünf Berliner Bischöfe vor Koch, von Döpfner bis Woelki, waren oder wurden allesamt Kardinäle.

Koch wird bereits im Oktober an der mit Spannung erwarteten Familiensynode im Vatikan teilnehmen, zu der ihn die deutschen Bischöfe entsandt haben, schließlich leitet er die Kommission für Ehe und Familie der Bischofskonferenz. "Gottes Geist führt die Kirche, davon bin ich überzeugt", sagte er vor zwei Jahren bei seinem Amtsantritt in Dresden. "Wir wissen nicht, wohin er uns führt. Aber er führt uns." Im kircheninternen Ringen um das "wohin", das in den kommenden Monaten ansteht, wird Kochs Stimme als Erzbischof von Berlin wichtiger werden.

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