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Politik

Ein Rat für alle Stämme

Die Loya Dschirga, der große Rat, soll Afghanistan den Weg in eine stabile und demokratische Zukunft weisen. Die Loya Dschirga hat in der Geschichte Afghanistans eine lange Tradition. Ein Hintergrund von DW-WORLD.

Die Institution der Loya Dschirga, was soviel wie Große Rats- oder Stammesversammlung heißt, ist tief in der Tradition der Völker am Hindukusch verwurzelt. Angeblich sollen schon die Ureinwohner des Landes zur Regelung ihres sozialen Lebens stets beratende Versammlungen abgehalten haben.

Antike Tradition lebt

Laut afghanischen Historikern wurden auf diese Weise schon in der Antike nicht nur innere Probleme von Dorfgemeinschaften, sondern auch die Außenbeziehungen mit benachbarten Dörfern geregelt. Der Name der beiden Modelle: Kleine Ratsversammlung, "Sabha", und Große Ratsversammlung, "Simathy". Im Hinblick auf die Konsensfindung sprechen Experten von einem "urdemokratischen Charakter" dieser Versammlungen. Die Gemeindemitglieder bezogen dort entweder unmittelbar zu bestimmten Fragen selber Position, oder so genannte Aufgeklärte, "Rishies", fassten in ihrem Namen die Beschlüsse.

Niemand kommt daran vorbei

In späteren Jahrhunderten waren am Hindukusch selbst despotische Herrscher, erbarmungslose Eroberer und ambitionierte Imperatoren gezwungen, in entscheidenden Fragen auf dieses traditionelle Instrument der Beschlussfassung zurückzugreifen - etwa wenn es um das Schicksal des ganzes Landes ging.

Einen besonderen Stellenwert in der neueren Geschichte des Landes hatte die beratende Versammlung von "Schir Sorkh", zu deutsch: Roter Löwe. Schir Sorkh ist eine kleine Ortschaft an der Peripherie der heutigen afghanischen Stadt Kandahar. Eine beratende Versammlung führte dort 1747 zur Gründung der afghanischen Staatsdynastie durch Ahmad Khan, bekannt auch als Ahmad Shah Baba.

Die Ratsversammlung im Tauziehen der Politik

Als Forum des Meinungsaustausches wurde die Institution der Loya Dschirga in Afghanistan seit Beginn des letzten Jahrhunderts zu einem wichtigen Entscheidungsgremium. Sie diente der Legitimation politischer Autorität. Allerdings: Von den zehn wichtigen Loya Dschirgas im 20. Jahrhundert wurden mindestens sieben zur Zementierung despotischer Herrschaftsstrukturen instrumentalisiert.

In den letzten zehn Jahren widersetzten sich vor allem islamisch orientierte Kräfte diesem traditionellen Instrument der Konsensfindung. Sie versuchten stattdessen, einen anderen Rat durchzusetzen: die "Schora", eine Versammlung islamischer Gelehrter.

Konsens verpflichtet

Nach traditionellem Muster müssen Entscheidungen in Loya Dschirgas auf Konsensbasis getroffen werden. Die Wortführer der Versammlungen, die sogenannten "Dschirga-Maran", sind damit quasi verpflichtet, einen Konsens zu erzielen. Die so getroffenen Entscheidungen gelten dann als verbindlich. Von immenser Bedeutung ist deswegen auch, dass die Entscheidungsträger ein breites Spektrum repräsentieren. Sie müssen aufgrund ihres sozialen Status in der Gemeinde in der Lage sein, getroffene Beschlüsse auch daheim in die Tat umzusetzen.

Repräsentative Zusammensetzung als Basis des Erfolgs

Ebenso klar ist: Eine Loya Dschirga kann in heutiger Zeit nur dann zur Stabilisierung politischer Verhältnisse führen, wenn einige weitere Bedingungen erfüllt sind. So muss durch demokratisch legitimierte Mechanismen sicher gestellt sein, dass die Delegierten tatsächlich repräsentativ für die ethnische Vielfalt Afghanistans sind. Zudem müssen realistische Perspektiven für den Aufbau einer Zivilgesellschaft entwickelt werden, um breite Rückendeckung der Bevölkerung zu gewinnen und den Widerstand der Kräfte zu überwinden, die bislang von chaotischen Verhältnisse profitiert haben.

Der Chef der unabhängigen Kommission für die Einberufung der außerordentlichen Loya Dschirga, Mohammad Ismail Qasemyar, betonte gegenüber der Deutschen Welle, die jetzigen rund 1500 Delegierten, darunter 160 Frauen, stammten aus allen Gesellschaftssparten.