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Beethovenfest

Ein rares Vergnügen

Zur Entwicklung der Musikszene in der Ukraine - von Roman Kofman, Komponist und Dirigent (Auszüge)

Es gibt eine Reihe von herausragenden Künstlern, deren Lebenswege zu beweisen scheinen, daß persönliches Leiden der Inspiration dienlich ist. Vielleicht muß man, um ein Meisterwerk zu schaffen, wirklich krank werden wie Van Gogh oder unglücklich verliebt sein wie Schubert oder sich erniedrigen wie Schostakowitsch. Dient das Leiden also der Inspiration?

Natürlich gibt es viele Gegenbeweise für diese These und ich kann sie auch nicht als Grundkonzept der großen Kunst betrachten. Doch wie läßt sich sonst der gewaltige und unwiderlegbare Aufschwung der Musikkunst erklären - sowohl bei den Komponisten als auch den Interpreten der ehemaligen Sowjetunion? Wie sonst kann man Erscheinungen wie den Kannibalismus während der Hungersnöte in den 30er Jahren der strahlenden Musik von Sergej Prokofjew gegenüberstellen, die in der gleichen Zeit entstand. Oder wie setzt man die Völkerdeportation dem Schaffen von Aram Khatschaturjan entgegen? Man könnte die Reihe dieser Gegensätze beliebig fortsetzen.

Zu sowjetischer Zeit durfte man nichts aussprechen, aber man hatte große Möglichkeiten, sich musikalisch auszudrücken. Diese Ausdrucksmöglichkeiten waren breit gefächert, weil das Land über ein dichtes Netz von Musikschulen verfügte und ganze Scharen von kleinen Musikliebhabern in den kalten Wintertagen ihre Notenmappen oder eine kleine Geige im Stoff-Futteral so trugen, als seien es Juwelen.

Die Liebe und das Streben des sowjetischen Volkes zur Musik basierte nicht auf einer langjährigen Musiktradition. Vielmehr diente eine reine, von allen Definitionen befreite Musik der Schaffung eines relativen Raums der Freiheit, den man unbedingt betreten wollte. Es gibt noch einen Grund für die Anziehungskraft, welche die Musik auf sowjetische Bürger ausübte: Ist es doch jedem diktatorischen Regime eigen, daß seine Führer eine kleine Schwäche haben - sie wollen unbedingt wie ‚gebildete Monarchen' wirken und geben sich alle Mühe, die äußeren Seiten und Rituale des kulturellen Lebens zu verschönern. Zu sowjetischer Zeit suchten sie vielfach eine Annäherung an die besten Musiker, rühmten und priesen sie.

Die aus den Ruinen der Sowjetunion entstandenen Staaten änderten zwar ihren Wirtschaftskurs und erwarben sich damit westlichen Applaus. Aber nicht alles änderte sich zum Positiven. In der Ukraine leben unangenehme Eigenschaften des Vorgängerregimes fort. Bis heute werden Musiker in verschiedene Kategorien eingeteilt, die von offiziellen Titeln bestimmt werden. Und die Regierung amüsiert sich damit, Medaillen unter Musikern und anderen Künstlern zu verteilen. In diesem Zusammenhang gibt es eine schöne Anekdote: Man erzählt sich in der Ukraine, daß in den dreißiger Jahren der Begründer des großen Theatersystems, Konstantin Stanislawsky, nach Hause kam und sich an seine Frau mit den Worten wandte: "Es ist aus. Das Ende der Kunst ist da - die Künstler werden mit Medaillen belohnt!" Heute gibt es in der Ukraine keine materielle Fürsorge mehr für Künstler. Jetzt können sie nur auf ihre eigenen Kräfte hoffen - ein Zustand, der selbstverständlich ist für die in der ‚kapitalistischen Welt' aufgewachsenen Menschen. Für die post-sowjetischen ‚Kleinbürger' ist das allerdings schockierend. Und nicht nur für sie ... Die erste Ratlosigkeit dieser Übergangszeit legt sich allmählich. Die Konzerthallen beginnen sich wieder zu füllen, und die jungen Musiker beginnen sich als ein Teil der großen Welt der Kunst zu betrachten, wo ein freier Ideen- und Schaffensaustausch möglich ist. Ein Rezensent der Washington Post titelte zu einem Konzert des von mir geleiteten Kiewer Kammerorchesters: "Kiewer Orchester - ein rares Vergnügen!" Wenn er wüßte, auf welchen Instrumenten die Musiker gespielt haben, um ihm dieses Vergnügen zu bereiten!

  • Datum 23.01.2002
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