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Asien

Ein Rapper für Korea

Kang Chun-hyok kämpft. Seine Waffen sind seine Musik und seine Kunst. Der gebürtige Nordkoreaner will die Weltöffentlichkeit auf das Schicksal seiner Landsleute aufmerksam machen. Und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund.

"Steh deinen Mann oder halt den Mund" steht in Englisch auf seinem T-Shirt. Auf dem Kopf trägt er ein schwarzes Baseball-Cap, ebenfalls mit Schriftzug. Kang Chun-hyok ist lässig gekleidet, wie ein typischer Rapper. Das passt, denn Kang macht seit ein paar Monaten Musik, Ende des Jahres soll seine erste CD auf den Markt kommen. Außerdem studiert er in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul an einer Kunsthochschule. Optisch unterscheidet ihn wenig von seinen Kommilitonen. Was sein Style allerdings nicht verrät, ist seine Geschichte, das, was er in seinen 29 Lebensjahren bereits gesehen und erlebt hat.

Kang Chun-hyok ist Flüchling. Er stammt aus Nordkorea, wuchs auf in der Diktatur von Kim Il Sung und Kim Jong Il. In einem weitgehend abgeschotteten und international isolierten Land und einem politischen System, in dem Kritik am Regime lebensgefährlich ist. "Ich will die nordkoreanische Regierung für all die Verbrechen, die sie an ihrem Volk begangen hat, an den Pranger stellen", sagt er gegenüber der Deutschen Welle. "Menschen werden öffentlich exekutiert, sterben an Hunger, oder werden beim Versuch, ins Ausland zu fliehen, Opfer von Menschenhändlern. Und das ist nur ein kleiner Teil der alltäglichen Menschenrechtsverletzungen."

Fernsehauftritt mit Folgen

Von diesen Grausamkeiten möchte Kang dem Rest der Welt erzählen. Aus diesem Grund tritt er im Juli 2014 in der TV-Sendung "Show me the Money" auf, so etwas wie eine Hip-Hop-Variante des international erfolgreichen Formats "X-Factor". Mit provokanten Texten schockiert er Publikum und Jury - und klagt das nordkoreanische Regime an: "Meine Mutter hat sich in in den Minen der Arbeitslager Tuberkulose eingefangen. Und ihr habt das Geld, das wir mit unserer Arbeit aus der Erde gegraben haben, genommen, um Atomwaffen zu finanzieren. Nehmt das Fett aus euren Bierbäuchen" - heißt es da. Und an anderer Stelle: "Ich habe keine Angst! Los, attackiert mich doch. Deshalb bin ich hier."

Die erste Runde der Talentshow übersteht Kang Chun-hyok, in der zweiten versagen ihm dann die Nerven. Doch, so berichtet die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap, der Auftritt bleibt trotzdem nicht ohne Folgen. Denn

Yang Dong-geun

, ein bekannter Hip-Hop-Künstler in Südkorea, wird auf Kang aufmerksam und beschließt, ihn musikalisch unter seine Fittiche zu nehmen. Zurzeit produziert er mit ihm das Album, das noch in diesem Jahr fertig werden soll.

Schon lange bevor er zur Musik findet, und auch bevor er in Seoul sein Kunststudium aufnimmt, beginnt Kang zu malen. Bilder, die auf beklemmende Weise die Zustände in Nordkorea abbilden. Beispielsweise eine Bleistiftzeichnung, auf der zwei bewaffnete Soldaten gerade einen Mann wegschleifen. Oder ein in Lumpen gehüllter und im Gesicht blutender Junge, der - an den Händen gefesselt - abgeführt wird. Und dann gibt es noch das farbige Porträt eines Mannes, dessen eines Auge das Symbol der südkoreanischen Flagge zeigt, das andere das der nordkoreanischen. Im August 2014 wurden Kangs Werke in Seoul im Rahmen einer von der NGO

"Citizens‘ Alliance for North Korean Human Rights"

organisierten Ausstellung öffentlich präsentiert. Gewalt, Trostlosigkeit, Verzweiflung, Hunger - das spricht aus vielen seiner Bilder.

Kindheit voller Entbehrungen

Bild von Kang Chun-hyok: darauf drei Männer vor nebeligem Hintergrund (Foto: Citizens‘ Alliance for North Korean Human Rights / privat)

Trostlosigkeit mit wenigen Farben: Viele von Kangs Bildern thematisieren Gewalt und Schrecken in Nordkorea

Hunger ist auch in Kangs eigener Kindheit in der nordöstlichen Provinz Hamgyong ein ständiger Begleiter. Er ist noch ein kleiner Junge, als Mitte der 1990er Jahre eine Hungerkatastrophe über Nordkorea hereinbricht. Schätzungen zufolge kommen mehr als 200.000 Menschen ums Leben, genaue Zahlen kennt niemand. Auch er und seine Angehörigen kämpfen ums Überleben. "1997 war meine Familie am Verhungern. Aus Verzweiflung entschied mein Vater sich, nach China zu gehen, um Geld zu verdienen. Nur meine Mutter wusste davon." Den Sohn weiht der Vater nicht ein, sagt ihm nur, er müsse aus beruflichen Gründen fort. Dass das nicht die ganze Wahrheit ist, erfährt Kang ein paar Monate später. "1998 hat uns die Polizei mitgeteilt, dass mein Vater im Gefängnis saß. So habe ich schließlich erfahren, dass er in China war, und dass er auf dem Rückweg von der Polizei gefasst wurde."

Das Gefängnis setzt dem Vater stark zu. "Er war so geschwächt, dass er fast gestorben wäre", sagt Kang Chun-hyok. Um wieder zu Kräften zu kommen, wird ihm gestattet, vorübergehend nach Hause zu gehen. Mit der Auflage, zurückzukehren, sobald er wieder gesund ist. "Aber eine solche Fluchtgelegenheit wollte mein Vater nicht verstreichen lassen. Er überredete meine Mutter und mich, gemeinsam mit ihm nach China zu fliehen." Ein gefährlicher Plan - der auch den Nachbarn nicht verborgen bleibt. "Fünf oder sechs Nachbarn wussten, dass mein Vater schon einmal in China war. Sie kamen zu unserem Haus und baten ihn, sie mitzunehmen. Mein Vater willigte ein."

Drei Länder, drei Jahre - Geschichte einer Flucht

Als die kleine Gruppe im März 1998 den Tumen-Fluss überquert, ist Kang zwölf Jahre alt. Doch auch das Leben jenseits der Grenze ist von Angst beherrscht. Die nordkoreanischen Flüchtlinge leben in China in ständiger Sorge, entdeckt oder verraten zu werden. Drei Jahre geht alles gut, dann aber passiert es. "An einem Morgen im Frühjahr 2001 durchsuchten Polizisten unser Haus und nahmen uns alle gefangen. Unsere Nachbarn hatten uns verpfiffen", erinnert sich Kang Chun-hyok. Ein Familienmitglied aber kann der Festnahme entkommen: Kangs Cousin flieht durch ein Fenster. Während der Rest der Familie im Gefängnis auf die Rückführung nach Nordkorea wartet, schafft er es, sich von Freunden Geld zu leihen. "So konnte er die chinesischen Beamten bestechen. Sie haben das Geld genommen und uns laufen gelassen."

Porträt des nordkoreanischen Flüchtlings und Buchautors Shin Dong-hyuk (Foto: Reuters)

Er ist der vielleicht bekannteste Flüchtling aus Nordkorea: Shin Dong-hyuk, Autor des Buches: "Flucht aus Lager 14"

Nach dieser Erfahrung treffen Kang und sein Cousin eine Entscheidung. Sie wollen nicht länger in China bleiben, sondern stattdessen versuchen, irgendwie nach Südkorea zu kommen. "Zuerst waren wir in Vietnam und dann in Kambodscha", berichtet Kang Chun-hyok gegenüber der Deutschen Welle. Dort sei es den beiden jungen Männern gelungen, mit Hilfe des südkoreanischen Konsulats einen sicheren Aufenthaltsort zu finden. Auf Bitten Kangs können schließlich auch seine Eltern nachgeholt werden, und nachdem sämtliche Papiere vollständig sind, kommt die Familie noch im selben Jahr in Südkorea an.

Seit 13 Jahren lebt Kang Chun-hyok mittlerweile dort. Er sagt, Südkorea ist jetzt auch sein Zuhause - und unabhängig von jeder Staatsgrenze. "Für mich ist Korea eine Nation, auch wenn die Menschen in Nord und Süd einander fremd geworden sind." Doch bis heute empfindet er manchmal Heimweh. "Es ist egal, wie schlimm der Hunger damals war: Meine Freunde, mit denen ich gespielt habe und mit denen ich zu Schule gegangen bin, vermisse ich trotzdem." Auch viele schreckliche Erinnerungen begleiten ihn. "Wenn ich mich mit Freunden treffe, die ebenfalls aus Nordkorea geflohen sind, spenden wir uns gegenseitig Trost. Wir sprechen über unsere Kindheit und lachen und weinen zusammen."

Kang Chun-hyok vor einem seiner Bilder (Foto: Citizens‘ Alliance for North Korean Human Rights / privat)

Mit seiner Musik und seiner Kunst will Kang die Menschen wachrütteln und für das Thema Nordkorea sensibilisieren

Öffentliche Vergangenheitsbewältigung

Seine Kunst und jetzt auch die Musik sind für Kang ein Ventil. Eine Möglichkeit, die eigene Geschichte zu verarbeiten. Die Zuhörer seien anfangs verwirrt und verstört gewesen, erinnert er sich an seinen Auftritt im Fernsehen. "Aber dann hat das Publikum durch meine Erfahrungen und meine Musik verstanden, wie es wirklich in Nordkorea ist. Das finde ich sehr ermutigend."

Kang Chun-hyok träumt davon, eines Tages ein vereintes Korea zu erleben. "Falls Korea in absehbarer Zeit wiedervereinigt wird, werde ich definitiv meine Heimatstadt im Norden besuchen." Er würde gern beim Wiederaufbau helfen, sagt er. Dass seine künstlerische und musikalische Botschaft in Pjöngjang nicht gern gesehen und gehört wird, ist ihm klar. Aber das schreckt ihn nicht ab. Im Gegenteil. Angst vor dem Regime hat er nicht. "Wenn die nordkoreanische Regierung auf mich reagiert, ist das so etwas wie ein Schuldeingeständnis. Es bedeutet nur, dass ich mit dem, was ich über Nordkorea sage, Recht habe."

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