1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Alltagsdeutsch – Podcast

Ein Puzzle aus Stasiakten

Wie ein Puzzle entstehen sie aus Millionen zerrissener Papierfetzen wieder: Spionageakten der ehemaligen DDR-Staatssicherheit über ihre Bürger. Moderne Technik soll bei der Wiederherstellung helfen.

Audio anhören 07:33

Ein Puzzle aus Stasiakten – die Folge als MP3

DAS MANUSKRIPT ZUR FOLGE

Sprecherin:
Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Mehr als 28 Jahre waren Deutsche auf beiden Seiten der Mauer, die Berlin in einen Ost- und einen Westteil teilte, voneinander getrennt. Östlich dieser Mauer und der stark gesicherten Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland lebten die Menschen in einer Diktatur. Und diese bespitzelte, beobachtete also heimlich, Bürger und Bürgerinnen, die verdächtigt wurden, gegen das Regime zu arbeiten oder Kontakte zum Westen zu haben, und schikanierte sie. Hauptverantwortlich dafür war das sogenannte Ministerium für Staatssicherheit, das MfS – umgangssprachlich auch „Stasi“ genannt. Jedes Stasi-Opfer hatte eine Akte, die über sie oder ihn angelegt wurde. Nach dem Mauerfall begannen Stasi-Mitarbeiterinnen und -mitarbeiter, Akten zu vernichten. Was der Reißwolf, eine Maschine, die Papier in kleine Stücke reißt, nicht schaffte, wurde mit der Hand zerrissen. Durch den Einsatz engagierter Bürgerkomitees konnten aber dennoch etwa 180 Kilometer unbeschädigter Akten sowie etwa 16.000 Säcke mit geschätzt 600 Millionen Papierfetzen gesichert werden. Seit 1995 beschäftigt sich ein Team der „Stasi-Unterlagen-Behörde“ – wie die zuständige Bundesbehörde umgangssprachlich genannt wird – damit, diese Papierfetzen wieder zusammenzusetzen. Das geschieht überwiegend in Handarbeit und ist, wie Mitarbeiterin Ines sagt, vergleichbar mit dem Zusammensetzen eines Puzzles:

Ines:
„Das ist ‘n Sack mit zerrissenen Unterlagen vom MfS, manchmal kleiner und manchmal größer. Ich nehm mir ‘n Stapel raus, wo ich sehe, wo Ähnlichkeiten sind, und versuch, die zusammenzupuzzeln.“

Sprecherin:
Ines und drei Kolleginnen sitzen im dritten Stock des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg an riesigen Schreibtischen. Vor sich haben sie Papierstücke in allen Farben, Formen und Größen. Ines greift in einen Sack und holt einen Stapel, zahlreiche übereinanderliegende Papierfetzen heraus. Zerrissene Papierstücke werden in der Alltagssprache auch als Schnipsel bezeichnet, ein Begriff, der das Geräusch einer schneidenden Schere nachahmt. Jeder beziehungsweise jedes Schnipsel wird anschließend in einen der Archiv-Kartons sortiert und später von Hand – Seite für Seite – zusammengeklebt. Das ist mühsam, denn weder weiß man, wie die Seite aussehen soll, noch ob überhaupt alle Teile im gleichen Sack sind, sagt Joachim Häußler, einer der Leiter des Projekts:

Joachim Häußler:
„Je nachdem wie so ‘n Sack ausgesehen hat und wie groß der Sack war – die Säcke sind auch sehr unterschiedlich in der Größe –, kam es dann schon mal vor, dass ‘n Mitarbeiter ein Jahr oder zwei Jahre vor so einem Sack gesessen hat und möglicherweise nicht alles zusammenbekommen hat, weil die Schnipsel dann eben doch zu klein waren.“

Sprecherin:
Obwohl manchmal lange an der Wiederherstellung einer Akte gearbeitet wird, kann es vorkommen, dass man nicht immer erfolgreich ist und doch noch Stücke fehlen. Da die Aktenwiederherstellung so noch weitere Jahrzehnte brauchen würde, beauftragte die Bundesregierung im Jahr 2007 das Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik, IPK, mit der Entwicklung eines Computerprogramms. Joachim Häußler und sein Kollege Bertram Nickolay leiten das Projekt „ePuzzler“. Seit Anfang 2013 läuft eine Testphase, bei der zunächst der Inhalt von 400 Säcken bearbeitet wird. Nach Ende der Testphase wird über einen Einsatz des „ePuzzler“ entschieden. Mittels eines Spezialscanners werden hierbei die Schnipsel zunächst digitalisiert und anschließend automatisch am Bildschirm zusammengesetzt. Bertram Nickolay erklärt, wie das Computerprogramm funktioniert:

Bertram Nickolay:
„Von jedem Schnipsel berechnen wir eine Vielzahl von den Merkmalen, und zwar Merkmale, die das Schnipsel an sich charakterisieren. Das heißt die Farbe, die Art der Texturierung, die Art des Papiers, die Merkmale der Form. Und daneben spielt für uns auch eine Rolle: Ist das Schnipsel beschrieben mit Handschrift? Ist es mit Maschinenschrift beschrieben? Das heißt, ein Computerprogramm sucht sich die Schnipsel zusammen, die in möglichst vielen Eigenschaften gleich sind.“

Sprecherin:
Jeder Schnipsel hat laut Bertram Nickolay nicht nur eine andere Größe und Form, auch die Papiersorte spielt eine Rolle, ebenso wie die Textur, die Struktur. Papier knittert, die Knitterlinien sind bei jedem Schnipsel anders, ebenso die Farbe. Ein weiteres wichtiges Merkmal ist die Schrift: Sie spielt eine Rolle. Gelöst werden muss allerdings noch manches Problem, beispielsweise wie man automatisch die Schnipsel reinigen, glätten und auf den Scanner legen kann. Denn dafür ist bisher noch zu viel Personal nötig. Obwohl der „ePuzzler“ noch nicht ausgereift ist, besteht laut Bertram Nickolay Interesse für seinen Einsatz auch in anderen Bereichen:

Bertram Nickolay:
„An uns wurden Anfragen herangetragen, Gemälde wieder zusammenzusetzen oder auch von der Finanzfahndung geschredderte Unterlagen, und da wird dieses Projekt natürlich zu entsprechenden Innovationen führen, dass wir denn auch neue Themen haben, wo natürlich dieses Know-how ‘ne gute Grundlage sein wird.“

Sprecherin:
An das IPK wurden – wie Bertram Nickolay formuliert – Anfragen herangetragen. Man hat sich über das Programm und seinen Einsatz informiert und Interesse geäußert. Zu den Interessenten gehörten etwa Museen oder Galerien, aber auch Finanzbehörden. Für sie könnte es hilfreich sein, wichtige Unterlagen, die Steuerfahnder in den Reißwolf gesteckt, geschreddert, haben, wiederherzustellen. Doch ohne Handarbeit wird es trotz „ePuzzler“ auch in Zukunft nicht gehen. Denn jemand muss entscheiden, was wiederhergestellt wird, jemand muss helfen, wenn der „ePuzzler“ mal nicht richtig arbeitet, und jemand muss die elektronisch gepuzzelten Teile überprüfen.






Arbeitsauftrag
Engagierte Bürgerinnen und Bürger sorgten bereits im Winter 1989 dafür, dass die Aktenvernichtung gestoppt wurde. Unter folgendem Link findet ihr einige Zeitzeugenberichte von Stasi-Opfern: http://bit.ly/1pFrGDB. Wählt eine Person aus und erstellt eine kurze Biografie. Bettet diese Biografie ein in den geschichtlichen Hintergrund, was in den Monaten nach dem Mauerfall geschah. Informationen findet ihr unter anderem hier: http://bit.ly/1DZ5YFt.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema

Downloads