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Nahost

Ein Plädoyer für mehr Nüchternheit in der Iran-Debatte

Der Atom-Poker mit Teheran geht mit Provokationen auf beiden Seiten in die nächste Runde. Dabei könnte größeres gegenseitiges Vertrauen die Lage entspannen. Peter Philipp kommentiert.

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"Was gibt es sonst Neues?", hätte man ja eigentlich spontan reagieren können, als der iranische Staatspräsident Mahmud Ahmedinejad am Wochenende verkündete, sein Land sei jetzt in der Lage, Uran industriell anzureichern, und gehöre nun dem Club der Atommächte an. Nur kaum jemand reagierte so. Die einen sahen eine neue Provokation des Westens, begannen zu spekulieren, wann wohl die erste iranische Atombombe fertig sein würde, und begannen, sich mit der amerikanischen Idee eines Raketenschildes iranische Angriffe anzufreunden. Die anderen hingegeben spotteten: Der Iran sei doch gar nicht so weit und Ahmedinedschad habe nur mal wieder sein Talent zum theatralischen Auftritt unter Beweis gestellt.

Fahrlässige Allgemeinplätze helfen nicht weiter

Fernschreiber Autorenfoto, Peter Philipp

So unterschiedlich und auch widersprüchlich die Reaktionen auch sind: Sie beweisen einmal mehr, dass die Welt nicht weiß, wie sie mit dem Iran umgehen kann und soll. Selbst ernst zu nehmende Fachleute verfallen beim Thema Iran allzu schnell in fahrlässige Verallgemeinerungen, sprechen von der "persischen Atombombe" und versuchen zu messen, wie sehr Teheran diesem Ziel nun näher gekommen sei.

Etwas mehr Nüchternheit und Zurückhaltung wäre stattdessen angebracht: Das Ziel der iranischen Atombombe existiert bisher nur in den Köpfen derer, denen das Regime in Teheran und die von ihm verkörperte Verquickung von Islam und Politik schon immer suspekt waren. Wie sonst ließe sich erklären, dass der Iran zwar immer wieder behauptet, Atomforschung nur zu friedlichen Zwecken zu betreiben, dass er auch längst schon dem Atomwaffensperrvertrag (NPT) angehört, man ihm aber doch jede böse Absicht unterstellt? Und dass man gleichzeitig noch nie den geringsten Versuch unternommen hat, die Nicht-NPT-Staaten in der Region - Israel, Indien und Pakistan - auf den rechten Weg zu bringen?

UN-Forderungen sind unzulässig

Die Schieflage wird noch deutlicher, wenn man sieht, dass ernst zu nehmende Kreise dem Iran die Anreicherung von Uran auch gar nicht vorwerfen, denn diese ist nach dem Nichtverbreitungsabkommen ja zulässig. Man wirft dem Iran stattdessen die Nichtbefolgung der Resolutionen des UN-Sicherheitsrates vor. Diese fordern aber genau das, was man eigentlich vom Iran nicht verlangen dürfte: die Einstellung der Anreicherungsbemühungen.

Glücklicherweise gibt es bei all dem auch noch Stimmen, die jetzt erst recht nach Verhandlungen mit Teheran rufen. Ohne Gegenleistung sind solche Verhandlungen aber sinnlos, und es ist nicht anzunehmen, dass Regierungen mit Teheran verhandeln, die gleichzeitig an der Schraube von Sanktionen drehen. Erst wenn der Westen dem Iran gegenüber offen, ehrlich und ohne ungerechtfertigte Vorbedingungen auftritt, gibt es eine Chance auf Entkrampfung und Entspannung.

Natürlich wird man dann dem Iran auch die Vorbehalte gegen mögliche Atomwaffen vermitteln können. Man muss ihm aber zugestehen, was man anderen ungefragt erlaubt. Eine Garantie gegen eine iranische Atombombe ist das zwar nicht. Aber besseres gegenseitiges Vertrauen wäre doch ein wertvoller Beitrag zur Entspannung.

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