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Deutschland

Ein Piekser gegen die Schweinegrippe

Bis zu 50 Millionen Menschen sollen in Deutschland gegen die Schweinegrippe geimpft werden - soweit der Plan. In der Praxis jedoch gestaltet sich das schwieriger als gedacht. Ein Arztbesuch in Zeiten des Impfchaos.

Patientin und Sprechstundenhilfe (Foto: DW)

Eine Patientin kommt in die Praxis, um sich impfen zu lassen

An diesem Morgen könnte Doktor Claudia Böhnke ein größeres Wartezimmer gebrauchen. Es ist neun Uhr, die Praxis hat gerade geöffnet und füllt sich schnell. An der Rezeption stehen mehrere Patienten, das Telefon läutet in kurzen Abständen. Eine der Arzthelferinnen gibt Formulare aus und beantwortet Fragen. Die andere hebt den Hörer ab, vergibt vier Termine auf einmal und trägt die Namen in eine Liste ein. Sie ist im Stress: "Ich weiß wegen der Schweinegrippe gar nicht, wie ich den normalen Tag in der Sprechstunde regeln soll, weil ohne Unterbrechung das Telefon klingelt. Es ist Wahnsinn."

Sprechstundenhelferinnen (Foto: DW)

Sprechstundenhelferinnen haben alle Hände voll zu tun

Die größte Impfaktion in der Geschichte Deutschlands läuft. Anfangs waren die Deutschen zurückhaltend, von "Impfmüdigkeit" war die Rede. Jetzt allerdings breitet sich die Schweinegrippe stärker aus. 16 Menschen sind laut Robert-Koch-Institut bisher in Deutschland daran gestorben, mehr als 50.000 haben sich mit dem H1N1-Virus infiziert. In der Bonner Praxis von Claudia Böhnke fragen deshalb jetzt jeden Tag bis zu 180 Leute nach, wann sie ihre Dosis bekommen können.

Angst vor den Nebenwirkungen

Rainer Vogel kommt gerade aus dem Sprechzimmer. Auch er hat sich die Spritze geben lassen. Schließlich sei die Schweinegrippe ja tödlich, sagt er. Die Entscheidung, sich impfen zu lassen, hat er sich nicht leicht gemacht. "Ich habe mich richtig informiert vor meinem Arztbesuch, das mache ich bei normaler Grippeimpfung nicht. Und zwar deshalb, weil ich mehr Angst hatte als bei anderen Impfungen", erzählt er. Vogel dachte vor allem an die unangenehmen Effekte, die der Wirkstoff Pandemrix haben kann: "Die Nebenwirkungen sollen ja schwerer sein als bei der normalen Grippeimpfung. Man bekommt einen dicken Arm und ein etwas grippiges Gefühl." Nachdem schwere allergische Reaktionen bekannt wurden, war Rainer Vogel, wie viele Impfwillige, irritiert.

Claudia Böhnke im Sprechzimmer (Foto: DW)

Die Ärztin Claudia Böhnke in ihrem Sprechzimmer

Die Ärztin Claudia Böhnke sitzt an ihrem dunklen Holzschreibtisch im Sprechzimmer, das Stethoskop um den Hals geschlungen. Sie hat mitbekommen, wie verunsichert ihre Patienten wegen der Nebenwirkungen sind. Diese Sorgen nimmt sie ernst, aber sie gibt Entwarnung: "Eine allergische Reaktion kann bei jeder Impfung vorkommen. Manche Allergien sind einfach vorher nicht bekannt. Dass aber tatsächlich so etwas auftritt, ist extrem selten." Böhnke impft pro Woche etwa 100 Patienten - und bis jetzt hätten das alle gut vertragen.

Nicht genügend Impfstoff geliefert

Allerdings beginnt der Kampf gegen die Neue Grippe in Deutschland nur stockend. Ärzte und Patienten sind irritiert darüber, wie die Ministerien und Behörden die Aktion organisieren. Nicht in jedem Bundesland der Republik gelten die gleichen Regeln. So dürfen in Hamburg nur ausgewählte Arztpraxen impfen, in Nordrhein-Westfalen hingegen kommt jeder Arzt, der sich bereiterklärt, auf die Liste der Impfstellen. Die Stadt Düsseldorf hat eine zentrale Impfstelle eingerichtet, in anderen Städten findet man so etwas nicht.

Der Impfstoff Pandemrix (Foto: DW)

Der Impfstoff Pandemrix

Laut Plan soll das Gesundheitsamt jede Woche die von den Impfärzten angeforderte Menge Serum verschicken. Doch oft müssen Ärzte und Patienten lange warten, bis die ersehnte Lieferung ankommt. "Es gab einen organisatorischen Fehler bei der Impfstoffzuteilung, und meine Praxis ging fast leer aus", berichtet Claudia Böhnke und schüttelt den Kopf. "Deshalb ist der Impfstoff letzte Woche sehr knapp gewesen."

Schon die Gesundheitsämter verfügen nicht über ausreichend Impfstoff, um alle Arztpraxen zu versorgen. Grund für den Engpass sind Produktionsschwierigkeiten beim Pharmakonzern Glaxo Smith Kline (GSK), der den Wirkstoff Pandemrix herstellt. Bei einem Treffen von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler mit GSK und den Gesundheitsministern der Länder in der vergangenen Woche sicherte der Impfstoff-Hersteller zu, dass bis Ende November 9,3 Millionen Dosen bereitstehen werden. Das Präparat soll außerdem schneller verteilt werden.

Die Bonner Ärztin Claudia Böhnke ist verärgert, denn auch diese Woche hat sie zu wenig Impfstoff geschickt bekommen. Obwohl sie 100 Dosen bestellt hatte, sind ihr nur 30 zugewiesen worden. "Das ist nicht genug, um all die zu impfen, die das wollen", sagt Böhnke. Trotz des zögerlichen Anlaufs ist die Ärztin aber optimistisch, dass die Impfaktion die Bürger gegen die große Schweinegrippewelle rüstet. Denn die, ist sich Böhnke sicher, kommt erst noch.

Autorin: Brigitta Moll

Redaktion: Dеnnis Stutе

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