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Deutschland

Ein Patriarch aus Syrien zu Gast bei Bundespräsident Gauck

Nur knapp ist Ignatius Ephräm, das Oberhaupt der syrisch-orthodoxen Kirche, einem Anschlag entkommen. Jetzt besucht er Bundespräsident Gauck, auch, um auf die Verfolgung der Christen im Nahen Osten aufmerksam zu machen.

Er ist mit dem Leben davon gekommen. Gerade einmal gut zwei Wochen ist es her, dass ein Selbstmordattentäter den syrisch-orthodoxen Patriarchen Ignatius Ephräm II. töten wollte. Der Anschlag im Nordosten Syriens, in Kamischli, dem Geburtsort des 50 Jahre alten Kirchenoberhaupts, kostete mehrere Sicherheitsleute einer christlichen Miliz das Leben, zehn weitere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Sie hatten den Attentäter noch gestoppt, bevor er in jenes Gebäude dringen konnte, in dem sich der Geistliche aufhielt.

An diesem Donnerstag ist Patriarch Ephräm II. (Artikelbild) mit weiteren Bischöfen aus Syrien zu Gast in Berlin. Bundespräsident Joachim Gauck empfängt ihn in Schloss Bellevue. Das ist eine ungewöhnliche Ehre für einen der führenden Kirchenmänner aus dem Nahen Osten. Fast alle paar Wochen ist ein Patriarch oder ein Erzbischof aus Syrien und dem Irak, aus dem Libanon oder einem der weiteren Nachbarländer zu Gast an der Spree. Zuletzt kam Ignatius Youssef III. Younan, Patriarch der kleineren, mit Rom unierten syrisch-katholischen Kirche von Antiochien. Meist treffen sie - wie Younan - aber Kirchen-Experten oder einige Abgeordnete, die sich für die christliche Minderheit einsetzen.

Sie beten in der Sprache Jesu

Kämpfe zwischen YPG und IS in Syrien (Foto: Reuters)

Kamischli, der Geburtsort Ephräms im Nordosten Syriens, ist seit Jahren umkämpft

Gauck begegnet nun dem führenden Vertreter der direkt in der Verfolgung stehenden syrisch-orthodoxen Kirche von Antiochien. Sie gehört zu den sogenannten altorientalischen Kirchen, die sich bereits Mitte des fünften Jahrhunderts von der Gesamtkirche absetzten. Die Gemeinschaft mit rund zwei bis drei Millionen Gläubigen zählt zu den ältesten Kirchen weltweit. In ihrer Liturgie verwenden sie Aramäisch, die Sprache Jesu. Seit langer Zeit lebt der größte Teil, rund drei Viertel von ihnen, in Indien. In Deutschland, wo sich die Kirche derzeit um eine Anerkennung als "Körperschaft des öffentlichen Rechts" bemüht, sind es rund 100.000 Gläubige.

Seit gut zwei Jahren steht Ignatius Ephräm - gleichfalls gebräuchliche Schreibweisen sind Aphrem oder Afrem - an der Spitze. Der eigentlich in Damaskus, nun aber wegen der politischen Lage in Beirut residierende Patriarch ist eine bemerkenswerte Person. Seine Vorfahren wurden im Zuge des Völkermords des Osmanischen Reichs an den Aramäern 1915 aus dem Osten der heutigen Türkei, dem viele Jahrhunderte christlich geprägten "Tur Abdin", vertrieben. Als 20-Jähriger wurde er Mönch, studierte im Libanon und in Ägypten, lehrte in Damaskus.

Nach einem dreijährigen Aufenthalt in Irland betreute er von 1996 bis 2014 als Metropolit die syrisch-orthodoxen Christen im Osten der USA und war in New Jersey nahe New York ansässig. Ein weltkundiger Kirchenmann mit exzellentem Englisch. Er ist eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der altorientalischen Kirchen weltweit.

Syrien Ignatius Ephräm II Patriarch der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien (Foto: DPA)

Der Patriarch war im November 2015 in Moskau zu Besuch

Die Sorge um die Christen in Syrien und im Irak ist das eine, was Ephräm nach Europa und nach Deutschland führt. Immer wieder prangert er Gräueltaten der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) an und beklagt den Druck auf die Christen in der Region. So scheint es auch kein Zufall, dass der erste direkte terroristische IS-Anschlag auf ein Kirchenoberhaupt am 20. Juni ihm galt. Kurz zuvor hatte Ephräm mit dem syrisch-katholischen Patriarchen die Verfolgung und Vertreibung von Christen aus Mossul und der angrenzenden Ninive-Ebene durch Terrormilizen als "ethno-religiösen Völkermord" bezeichnet.

Warnung vor Anpassung

Doch ein weiteres Anliegen treibt Ephräm um. Er warnt die christlichen Flüchtlinge in Europa vor Anpassung an den Westen, vor "westlichem Atheismus und Laizismus". Christen, die zur Auswanderung aus dem Nahen Osten gezwungen seien, müssten ihre Identität bewahren, erklärte er Anfang des Jahres in einem Hirtenbrief. Das gelte auch angesichts der Schwierigkeiten, sich in die westliche Gesellschaft zu integrieren.

Nun ist der Patriarch zum zweiten Mal seit Amtsantritt in Deutschland zu Gast. Die Mehrzahl der syrisch-orthodoxen Christen lebt hier seit Jahrzehnten, viele Tausend kamen im letzten Jahr dazu. In mehr als zwei Dutzend Städten sind Priester tätig, allein in Berlin finden sich vier Pfarrgemeinden. Der Sitz des für Deutschland zuständigen Erzbischofs findet sich im Kloster "Sankt Jakob von Sarug" in Warburg im östlichen Nordrhein-Westfalen.

Unter Polizeischutz

Die syrisch-orthodoxe Kirche von Antiochien in Berlin (Foto: DW/C. )Strack

Die syrisch-orthodoxe Kirche von Antiochien in Berlin

Auch die Gemeinden in Deutschland stehen unter Beobachtung. Als der Patriarch am Wochenende in einem Wiesbadener Vorort ein neues Gotteshaus in einem umgebauten ehemaligen Supermarkt einweihte, riegelten Polizeibeamte nach Angaben der Lokalzeitung die umliegenden Straßen ab und kontrollierten bei Autos die Kofferräume. Und bei der Kirche Mor Afrem in Berlin-Charlottenburg fährt immer mal wieder ein Polizeiwagen vorbei, wie Gemeindemitglieder im Gespräch berichten. Am Donnerstagabend, nach dem Besuch bei Gauck, ist der Patriarch zum gemeinsamen Essen, Beten und zum Gespräch zu Gast.

Begleiter des Patriarchen sind am Donnerstag auch im Entwicklungsministerium und im Auswärtigen Amt zu Gast. Es wird deutlich, dass die syrisch-orthodoxe Kirche auch auf mehr deutsche Unterstützung hofft. Deutschland müsse alles tun, um das Erbe des religiösen und kulturellen Pluralismus in der Region zu bewahren, sagte der Vorsitzende des Bundesverbandes der Aramäer in Deutschland, Daniyel Demir, am Mittwoch. Und bei humanitärer Hilfe solle man "die bestehenden und gut funktionierenden kirchlichen Strukturen vor Ort" besser nutzen. Effektive Hilfe zur Selbsthilfe könne helfen, wieder Perspektiven zu eröffnen.

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