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Kultur

Ein neues Gefühl: Sicherheit beim Spaziergang

In ihrer Heimat wurde Maria Isabel Gamez bedroht. Deshalb hat die Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte die Journalistin nach Deutschland geholt. Am 12. September feierte die Stiftung ihr 25-jähriges Bestehen.

Isabel Gamez im Grünen. Foto: Janine Albrecht

"Küche", "Schreibtisch", "Ich gehe nach draußen" - überall hängen kleine Zettel mit deutschen Worten oder Sätzen. An den Türen, den Wänden oder auf den Möbeln. Maria Isabel Gamez hat diese weißen und gelben Zettel in ihrer Wohnung verteilt, als kleine Hilfestellung beim Deutschlernen: "Ich bin in Deutschland, weil es 2009 in meiner Heimat El Salvador für mich zu gefährlich wurde", sagt sie. Sie sei bedroht worden, weil sie als Journalistin über Umweltverbrechen im Bergbau berichtet hatte. Sie deckte soziale Missstände auf, Menschenrechtsverletzungen und Korruption in der Region Santa Marta, in der sie lebte. Irgendwann wurde es für sie unmöglich, nur noch journalistische Beobachterin zu sein. Sie wurde selber immer mehr auch Aktivistin für Umweltschutz und Menschenrechte. "Es war schwer, das zu trennen", sagt Gamez.

Radiojournalistin mit 13 Jahren

Zuletzt leitete Maria Isabel Gamez die Nachrichtenredaktion von Radio Victoria - ein privater Sender, der während des Bürgerkrieges von Rebellen als Sprachrohr gegen die Regierung gegründet worden war. Ihre Tante gehörte zu den Gründern und holte die damals erst 13-jährige Nichte ins Programm. Das Mädchen brauchte einen Job, um seine Familie finanziell zu unterstützen: "Dort habe ich gelernt, wie man als Radiojournalistin arbeitet", erzählt sie. Es sei für sie von Anfang klar gewesen, dass Radio Victoria dazu da war, kritisch zu berichten, ohne Zensur.

Sie wusste, dass diese Arbeit daher gefährlich werden konnte. Die junge Journalistin sitzt auf dem braunen Sofa in ihrem Wohnzimmer, irgendwo in Hamburg. Seit gut einem Jahr ist die 28-Jährige als Stipendiatin der Stiftung für politisch Verfolgte in Deutschland. Ihr Sohn sei der eigentliche Grund gewesen, warum sie El Salvador verließ. "Wir konnten nur noch mit Leibwächtern auf die Straße." Der Kleine habe nicht mehr wie ein normales Kind leben, geschweige denn draußen spielen können.

Kein Schutz durch die Polizei

2009 sorgte eine Mordserie im Norden El Salvadors für erhebliche Unruhe bei sozialen Organisationen, Basismedien, der katholischen Kirche und der Regierungspartei FMLN und vor allem bei Umweltschutzgruppen. Alle Opfer waren engagierte Gegner von Goldminenprojekten in der Provinz Cabañas.

Proteste gegen Minenprojekte: Aktivisten wurden ermordet

Die Gefahr war greifbar. In einem Bericht der Menschenrechtsorganisation "Amnesty International" wird die Journalistin namentlich als "bedroht" erwähnt. Sechs Motorradfahrer seien in ihrem Garten vor dem Haus gesehen worden. Sie hätten mit Taschenlampen durch die Fenster geleuchtet, heißt es in dem Bericht. Maria Isabel Gamez war nicht zu Hause. Nach diesem Vorfall habe ihr die Polizei empfohlen, den Wohnort zu wechseln. Die Sicherheitskräfte konnten ihre Sicherheit nicht gewährleisten. Sie erinnert sich, dass ihr Sohn sie damals kindlich-naiv fragte, warum sie bedroht wurde. Verstanden hatte er es nicht.

Den Sohn in Sicherheit gebracht

Mitten in unserem Gespräch kommt der inzwischen neun Jahre alte Junge herein. Maria Isabel Gamez lächelt stolz, wie nur eine Mutter lächeln kann, wenn sie ihr Kind betrachtet. Der Junge ist freundlich. Er wirkt unbeschwert, als lebe er schon immer in Hamburg. Es gefalle ihm gut in Deutschland, sagt er in noch etwas holperigem Deutsch. Er habe hier schon Freunde gefunden, allerdings keine deutschen. In den vergangenen Monaten besuchte er eine sogenannte Integrationsklasse an einer Hamburger Grundschule. In diesen Klassen werden Kinder auf den regulären Schulunterricht vorbereitet.

"Ich lerne Deutsch, und nach dem Sommer gehe ich in eine normale Schule", sagt er stolz - und verschwindet auch schon wieder, nach draußen zum Spielen. Von dem Balkon aus sieht man die Bäume des Parks, der gleich hinter dem kleinen Mehrfamilienhaus beginnt. Seine Mutter geht hier gerne spazieren. "Das ist ein sehr schönes Gefühl von Sicherheit", sagt sie. Sie müsse nicht mehr darauf achten, ob ihr jemand folgt. Ein vollkommen neues Gefühl.

Zwei Radio-Mitarbeiter wurden ermordet

Gedenkstätte für die Opfer des Bürgerkrieges (Foto: Ina Rottscheidt)

Trauma Bürgerkrieg: Gedenkstätte für die Opfer

"Ich war sauer und empört, dass ich meine Kollegen zurücklassen musste, denn eigentlich müsste ich sie doch beschützen", sagt sie mit Nachdruck. Schließlich sei sie die älteste im Team gewesen. Sie fühlt sich immer noch verantwortlich für ihre Kollegen. Aber es sieht nicht so aus, als ob Maria Isabel Gamez so bald nach El Salvador zurückkehren könnte. In diesem Jahr wurden zwei ihrer Kollegen von Radio Victoria ermordet. Daher hat die Stiftung ihr Stipendium um ein halbes Jahr verlängert.

Weiterkämpfen für die Menschenrechte

So richtig eingelebt hat sich die junge Frau in Hamburg noch nicht. Dazu fehlt ihr der alltägliche Austausch mit anderen Menschen. "Eigentlich bin ich gewohnt, am Tag Tausende Gespräche zu führen. Dass ich hier nicht kommunizieren kann, ist frustrierend." Für die Journalistin ist es daher besonders wichtig, Deutsch zu lernen. Ihre mittelamerikanische Heimat lässt sie dennoch nicht los. Maria Isabel schreibt weiterhin Berichte für Radio Victoria und hält Vorträge über die Lebenssituation in El Salvador, über die Zeit nach dem Bürgerkrieg ab 1992, über sich selbst und ihre Arbeit.

Sie möchte gerne studieren. "Ich möchte meinen Horizont erweitern und vielleicht gar nicht mehr als Journalistin arbeiten", überlegt sie. Jura vielleicht. Sie möchte Anwältin werden. Denn im Kampf gegen Korruption und Menschenrechtsverletzungen könne sie so noch mehr erreichen.

Autorin: Janine Albrecht
Redaktion: Cornelia Rabitz / Aya Bach

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