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Europa

Ein neuer Sarkophag für Tschernobyl

Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) besucht Tschernobyl - fast 30 Jahre nach dem Reaktorunglück. Noch in diesem Jahr soll die neue Schutzhülle fertig werden. Aus Tschernobyl in der Ukraine berichtet Jens Thurau.

Ruhig, fast beiläufig schildert Vitali Petruk, was sich die Verantwortlichen des früheren Kernkraftwerks in Tschernobyl vorgenommen haben für die nächsten Jahre. Der Chef der staatlichen Leitung des Sperrgebiets 30 Kilometer rund um den Unglücksreaktor in der Ukraine sitzt zusammen mit der deutschen Umweltministerin Barbara Hendricks in einem Bus, der sie zum ehemaligen Atomkraftwerk bringen soll, in dem sich im April 1986 der bis dahin schwerste Reaktorunfall weltweit ereignete. Petruk schildert, dass hier bald ein Naturschutzgebiet geplant ist, dass Sonnenkollektoren auf den von Menschen verlassenen Flächen installiert werden könnten. Aber er sagt ebenso beiläufig: "Im zentralen Bereich, auf rund einem Drittel der Fläche der Sperrzone, werden nie wieder Menschen leben können, auch in hunderttausend Jahren nicht." Die radioaktive Belastung ist zu hoch.

Die alte Kernkraftanlage in Tschernobyl, Foto: DW

Die alte Kernkraftanlage in Tschernobyl

Millionen Betroffene bis heute

Damals, im April 1986, wollten die Techniker der damaligen UdSSR das Kraftwerk für einen Test herunterfahren, das misslang katastrophal, der Reaktor explodierte, eine riesige Menge an Radioaktivität wurde frei, die die Gegend im Norden der Ukraine für immer veränderte. Wie viele Menschen starben, ist unklar. Hunderte? Tausende? Die Schätzungen schwanken. 400.000 Menschen mussten umgesiedelt werden, auch in Weißrussland. Der Gesamtschaden wird auf astronomische 600 Milliarden Dollar geschätzt. Millionen Menschen in den umliegenden Ländern gelten heute als Opfer der Havarie, auch wegen der Spätfolgen. Tschernobyl wurde zum Symbol für die Gefahren der Kernenergie weltweit.

Eine neue Schutzhülle für 2 Milliarden Euro

Barbara Hendricks ist jetzt hier, um sich über die Arbeiten an der neuen Schutzhülle zu informieren, die im November dieses Jahres im Wesentlichen fertig sein soll. Und die den zerstörten Reaktorblock 4 des Kraftwerks zumindest für die nächsten 100 Jahre abschirmen wird von der Umwelt. Denn auch 30 Jahre nach der Havarie sind 95 Prozent der verstrahlten Materialien immer noch nicht geborgen, befinden sich in der Ruine, nur notdürftig verborgen unter einer Betonhülle (Sarkophag genannt), die nach dem Unglück in 200 Tagen über dem Reaktor errichtet wurde. Jetzt kommt also der neue Schutzbügel, 110 Meter hoch, 260 Meter breit, Kostenpunkt: über zwei Milliarden Euro, finanziert überwiegend von den G7-Staaten und einigen europäischen Ländern. 300 Meter vor dem Reaktor wird er errichtet. Ist er fertig, wird er auf Schienen über den Reaktor gefahren, das soll im Herbst geschehen. Eine gewaltige Investition, zu der auch Deutschland beigetragen hat, mit rund 300 Millionen Euro. "Wir haben darauf bestanden, dass die anderen drei Reaktorblöcke in Tschernobyl stillgelegt werden, wenn wir die neue Schutzhülle zu finanzieren helfen", erzählt Kai Weidendbrück, Tschernobyl-Experte im deutschen Umweltministerium.

B. Hendricks an Modell , Foto: DW

Barbara Hendricks (Mitte) lässt sich an einem Modell den Bau des neuen Sarkophags erklären

Die Ukraine setzt weiter auf die Atomkraft

Denn die Ukraine setzt weiter auf die Kernenergie, trotz des Unglücks. 15 Kernkraftwerksblöcke sorgen für bis zu 60 Prozent des Stroms. "Wir sind ein armes Land, wir brauchen die Kernenergie", sagt die junge amtierende ukrainische Umweltministerin Hanna Wronska, die Hendricks nach Tschernobyl begleitet. Die Katastrophe von damals ist im Land selbst kein großes Thema. "Es gibt den gewaltsamen Konflikt mit Russland, die Korruption, die schwankende Regierung, die Armut. Die Ukrainer haben andere Sorgen", sagt eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft, die selbst in der Nähe des Kraftwerks aufwuchs.

"Ich bin eigentlich ganz zuversichtlich, dass der Schutzbau fertig wird und seine Funktion erfüllen kann“, sagt Hendricks später, direkt auf der Baustelle. Ein französisches Konsortium baut die Hülle, die Ministerin glaubt deshalb auch, dass die Gelder für die Errichtung nicht in der notorischen ukrainischen Korruption versickern.

Ein Riesenrad im ukrainischen Pripyat, Foto: DW

Verlassen: Ein Riesenrad im Vergnügungspark von Pripyat

Pripyat: Ein Geisterort

Und dann besucht der Tross aus Deutschland noch Pripyat, drei Kilometer vom Unglückskraftwerk entfernt. 50.000 Menschen lebten einmal hier, der Ort wurde erst 1970 wegen des Kraftwerks gegründet. Nach der Katastrophe evakuiert, lebt hier heute niemand mehr. Häuser und Straßen, Hotels, Kindergärten: Alles von Wildwuchs überwuchert. Der Vergnügungspark: Eine Ruine. Er sollte wenige Tage nach dem Unglück eigentlich eröffnet werden, dazu kam es nie. "Das ist schon sehr bedrückend hier und eine Warnung an alle, die immer noch an der Kernenergie festhalten", macht die SPD-Politikerin aus ihren Gefühlen keinen Hehl. "Aber wir sollten als Deutsche nicht zu belehrend sein, alle Staaten müssen selbst entscheiden, wie sie mit dem Thema Kernkraft umgehen."

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