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Europa

Ein Name mit Programm

Wegen der Verbrechen Stalins benannte Sowjetführer Nikita Chruschtschow die Stadt Stalingrad in Wolgograd um. Kehrt nun der Name des sowjetischen Diktators auf die russische Landkarte zurück? Einige Russen wollen das.

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Stalingrad: Schauplatz des Grauens

Stalingrad, das heutige Wolgograd, erlangte weltweite Bekanntheit, weil es im Zweiten Weltkrieg Schauplatz einer der grausamsten Schlachten der Geschichte war.

Eine Geschichte, zwei Erinnerungen

Wolgograd Mamajew Kurgan ewige Flamme

Halle mit der ewigen Flamme auf der Denkmalanlage Mamajew Kurgan in Wolgograd

Viele Deutsche verbinden daher mit "Stalingrad" Scham für den verbrecherischen Krieg und Trauer für das menschliche Leid. Im historischen Gedächtnis der Deutschen steht die Stadt wie Auschwitz für den politischen, militärischen und moralischen Tiefpunkt der deutschen Geschichte.

Ganz anders ist die Erinnerung in Russland: Die "Stalingrader Schlacht" erfüllt die Mehrheit der Russen noch heute mit Stolz. Wie zu Sowjetzeiten gilt der Sieg über Hitler-Deutschland auch in Putins neuem Russland als nationale Heldentat, an die intensiv erinnert wird. Mitte Dezember 2002 erklärte Präsident Wladimir Putin daher im russischen Fernsehen: "In die Geschichte unseres Vaterlandes ist die Schlacht um Stalingrad als eines der hellsten Kapitel eingegangen."

Vorwärts in die Vergangenheit

Angesichts dieses Stalingrad-Mythos verwundert es kaum, dass einige Politiker in Russland Kapital daraus schlagen wollen. In den vergangenen Jahren forderten russische Kommunisten immer wieder die Umbenennung Wolgograds in Stalingrad – in jüngster Zeit sogar verstärkt. Denn am 2. Februar 2003 wird der 60. Jahrestag der deutschen Kapitulation an der Wolga gefeiert.

Kommunistenführer Gennadi Sjuganow erklärte kürzlich, dass in der russischen Staatsduma, dem Parlament, ein Komitee zur Vorbereitung der Umbenennung Wolgograds in Stalingrad gegründet worden sei. Nach seiner Meinung symbolisiert Stalingrad "den Höhepunkt der Tapferkeit, des Heldentums, des Kriegstalents und der Einigkeit der Volkshandlungen".

Im Januar 2003 erhielt Sjuganow Unterstützung von seinen Wolgograder Genossen. Das von den Kommunisten dominierte Regionalparlament des Wolgograder Gebietes sprach sich ebenfalls für die Umbenennung aus und schickte ein entsprechendes Gesetzesprojekt an die Staatsduma nach Moskau.

Wolgograder gegen Stalingrader

Die Aussichten auf eine Rückbenennung der Stadt sind jedoch gering. Denn die Wolgograder sind gegen eine Namensänderung. Im Dezember 2002 berichtete das Web-Magazin VolgogradCity.ru von einer aktuellen repräsentativen Umfrage. Demnach unterstützten nur 17 Prozent der Wolgograder Bürger eine Umbenennung in "Stalingrad". Mehr als 60 Prozent sprachen sich für den bisherigen Namen aus. In früheren Umfragen war vor allem die überwiegende Mehrheit der jungen Wolgograder gegen eine Namenswechsel.

Putin bei Militärparade in Moskau

Präsident Wladimir Putin bei Militärparade in Moskau

Entscheidend für die Beibehaltung des Namens Wolgograd dürfte jedoch sein, dass sich Präsident Putin gegen eine Rückbenennung ausgesprochen hat. Nach Putins Auffassung weckt eine Wiederkehr des Namens Stalingrad Befürchtungen, dass Russland in die Zeit des Stalinismus zurückkehre. Und das sei nicht in Russlands Interesse.

Kommunisten für Stalin(grad)

Bei ihrer Agitation für die Umbenennung geht es den Kommunisten mehr als nur um die Würdigung der tapferen Rotarmisten von einst. In rund elf Monaten finden die Wahlen zur Staatsduma statt. Und im Frühjahr 2004 steht die russische Präsidentschaftswahl an. Mit dem Mythos Stalingrad können die Kommunisten daher nicht nur schon jetzt patriotische Gefühle der Weltkriegs-Veteranen und anderer Sowjetnostalgiker mobilisieren. Vielmehr steht die Bezeichnung Stalingrad auch für den von Stalin betriebenen "Aufbau des Sozialismus". Damit symbolisiert Stalingrad auch in plakativer Form das Gegenprogramm zu den von Putin favorisierten Wirtschaftsreformen.

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