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Politik & Gesellschaft

Ein muslimischer Friedhof für Wuppertal

Bisher gibt es in Deutschland keinen Friedhof in muslimischer Trägerschaft. Ein neues Bestattungsgesetz in Nordrhein-Westfalen soll das künftig ändern. In Wuppertal laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren.

Samir Bouaissa steht vor dem jüdischen Friedhof in Wuppertal und deutet auf eine brachliegende Wiese auf der gegenüberliegenden Seite. "Dort soll er hinkommen", sagt er, nicht ohne Stolz in der Stimme. Wenn nichts mehr schiefgeht, wird der Landtag von Nordrhein-Westfalen spätestens im November grünes Licht geben. Ein neues Bestattungsgesetz soll es gemeinnützigen Religionsgemeinschaften und religiösen Vereinen ermöglichen, Friedhofsträger zu sein. Anfang 2014 wird das Gesetz voraussichtlich in Kraft treten. In Wuppertal soll der erste muslimische Friedhof Deutschlands entstehen - Tür an Tür mit den Ruhestätten der Juden und Christen.

Samir Boussaia, der Generalsekretär der Wuppertaler Moscheen, steht vor dem jüdischen Friedhof in Wuppertal. (Foto: Christian Ignatzi).

Auf der brachliegenden Wiese soll der muslimische Friedhof entstehen.

Samir Bouaissa ist Wuppertaler mit marokkanischen Wurzeln. Seine Familie lebt in der zweiten Generation in Deutschland. Bei der Stadt arbeitet Bouaissa als Personalratsvorsitzender - in seiner Freizeit führt er als Generalsekretär die Wuppertaler Moscheen. Rund zehn Prozent der 340.000 Einwohner der Stadt im Bergischen Land bekennen sich heute zum muslimischen Glauben. "Anders als unsere Eltern zieht es uns nicht mehr so oft in den Urlaub in die alte Heimat", erzählt er. Während die so genannte Gastarbeitergeneration einmal im Jahr nach Hause zurückkehrt, zieht es Bouaissa nur noch alle vier bis fünf Jahre nach Marokko. Die Grabpflege der Angehörigen, die dort ihre letzte Ruhe gefunden haben, wird damit immer schwieriger. Und die ist im Islam wichtig: "Wir glauben daran, dass das Leben nach dem Tod weitergeht. Der Gestorbene gehört immer noch zur Familie. Irgendwie wird er immer noch eingebunden und dann ist es gut, wenn das Grab in der Nähe ist."

Viele Muslime sind mittlerweile in Deutschland tief verwurzelt

Ein Grund, warum viele Muslime, die in ihrem Geburtsland Deutschland tief verwurzelt sind, auch nach dem Tod gerne bleiben würden. Religiöse Traditionen und Pflichten erschweren das Begräbnis aber. Zwar gibt es auf dem städtischen Friedhof in Wuppertal ein muslimisches Grabfeld, vor allem eines schreckt viele Muslime aber ab: "In unserer Religion gibt es das Ewigkeitsrecht", sagt Samir Bouaissa. Ein Grab sollte unbegrenzt bestehen. Auf deutschen Friedhöfen wird ein Platz aber nur für 25 Jahre vergeben, danach müssen Angehörige ihn verlängern.

Die Stadt steht dem Projekt aufgeschlossen gegenüber

Auf dem geplanten Grabfeld soll das anders aussehen. Das Ewigkeitsrecht wird dann vermutlich dafür sorgen, dass die Bestattungskosten höher sein werden als auf dem städtischen Friedhof. Wie die Finanzierung generell aussehen wird, ist noch nicht klar. Viel dürfte zunächst aber durch Spenden ermöglicht werden. Betreiben wollen die 15 Wuppertaler Moscheevereine die neue Begräbnisstätte - vermutlich mit Hilfe eines Trägervereins. Die Stadt selbst beteiligt sich nicht an den Kosten. "Das tun wir auch nicht bei den christlichen Kirchen", sagt Integrationsamtsleiter Hans-Jürgen Lemmer. Dem Projekt steht die Stadt aber aufgeschlossen gegenüber: "Ohne die Migranten selbst geht Integration nicht. Die Moscheegemeinden machen das gut und kümmern sich auch um soziale Themen. Deshalb gehört es selbstverständlich zu unserer Toleranz, dass wir solch ein Projekt positiv sehen", sagt Lemmer.

Die Vielfalt an Religionsgemeinschaften in Wuppertal ist gewachsene Tradition - und mit ihr auch die Akzeptanz und der Dialog zwischen den einzelnen Glaubensrichtungen. "In unserer Stadt sind ganze Stadtteile entstanden, weil einzelne Religionsgemeinschaften dorthin gezogen sind und einen neuen Ortsteil gegründet haben", sagt Hans-Jürgen Lemmer. "Das ist einer der Gründe, die es in Wuppertal ermöglichen, dass wir hier einen Friedhof planen, auf dem sich die Weltreligionen friedlich treffen können." Er kenne keine zweite Stadt, in der es so viele unterschiedliche Glaubensgemeinschaften gebe. "Außerdem sind wir nach Berlin die Stadt mit den meisten Friedhöfen in Deutschland. Auch da macht sich die religiöse Vielfalt bemerkbar."

Drei Weltreligionen auf einem Friedhofsgelände

Samir Boussaia, der Generalsekretär der Wuppertaler Moscheen, vor Friedhof in Wuppertal. (Foto: Christian Ignatzi).

Durch einen gemeinsamen Zugang sind in Zukunft die Friedhöfe der drei Weltreligionen zu erreichen.

Samir Bouaissa steht mittlerweile vor dem Eingang zum Friedhof im Wuppertaler Stadtteil Varresbeck und blickt auf das eiserne Tor. Es bietet Zugang zum evangelischen- und zum jüdischen Friedhof. 2014 soll mit dem muslimischen Grabfeld eine dritte große Begräbnisstätte hinzukommen. "Das wird einmalig in Deutschland sein", erklärt Bouaissa. Der erste muslimische Friedhof entsteht auf einem Friedhofsgelände für drei Weltreligionen. "Durch einen einzigen Zugang gelangt man auf alle drei Friedhöfe."

Zwar sind die einzelnen Bereiche durch Zäune und separate Zugänge innerhalb des Geländes voneinander getrennt; ein Zeichen der Annäherung sehen die Beteiligten darin aber trotzdem. "Das soll Vorbildcharakter für ganz Deutschland haben", fordert Bouaissa. "Wenn man Integration leben will, gehört dazu, dass man sich nicht nur als Lebender dafür entscheidet, Deutscher zu sein, sondern auch nach dem Tod nicht auf eine zweite Heimat angewiesen ist, in der man die ewige Ruhe bekommt."

Derzeit laufen zwischen den Religionen die Vorgespräche für den neuen muslimischen Friedhof. "Wir verhandeln mit der evangelischen Gemeinde über den Kauf der Friedhofsfläche, die gerade noch ungenutzt ist", berichtet Bouaissa. Noch sind die Gespräche nicht abgeschlossen, bisher sehe es aber gut aus. "Auch die evangelische Kirche steht unseren Plänen aufgeschlossen gegenüber." Bis es soweit ist, dass der erste Muslim mit Ewigkeitsrecht in Deutschland begraben wird, dauert es aber noch ein wenig. "Wir gehen davon aus, dass es in zwei Jahren soweit sein wird", sagt Bouaissa.

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