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Kultur

Ein Museum als ständiges Mahnmal

Im Sommer 1943 wird Hamburg durch alliierte Bomber in einem Feuersturm zerstört. Nun öffnet in dieser Stadt die erste deutsche Dauerausstellung zum Luftkrieg. Wie gerecht kann ein Bombenkrieg gegen Zivilisten sein?

Es ist das dunkle, tiefe Dröhnen von Propellermaschinen, das manchen Zeitzeugen bis heute erschaudern lässt; es ist das Knallen eines Feuerwerks oder der Geruch von brennendem Phosphor. Wer die Bombennächte im Zweiten Weltkrieg miterlebt hat, ob in Rotterdam oder in Dresden, in Warschau oder Coventry, dem gehen die Bilder, die Töne und Gerüche nicht mehr aus dem Kopf. Nun wird in Hamburg, wo im Sommer 1943 etwa 34.000 Menschen starben, eine Ausstellung zum Bombenkrieg eröffnet. "Es ist die erste Dauerausstellung zum Luftkrieg mit internationaler Perspektive, einmalig in Deutschland", sagt Malte Thießen, der an der Ausstellung mitgearbeitet hat. Der Oldenburger Historiker forscht seit Jahren zum Bombenkrieg - und zu der Weise, wie die Deutschen ihrer Opfer gedenken.

Museum im Glockenturm

Um ihr Ziel zu finden, orientierten sich damals die alliierten Piloten am höchsten Turm der Stadt, dem Glockenturm der Kirche St. Nikolai (Foto). Genau hier befindet sich nun das Museum zum Bombenkrieg. Wer die Ausstellung sehen will, muss in die alte Krypta hinabsteigen, wo kein Tageslicht den Raum erhellt. Ein durchaus passender Ort für das Gedenken an Bombennächte im Keller.

Ruinen in Hamburg (Foto: Keystone/Getty Images)

Hamburg im Juli 1943

Die Luftangriffe auf Hamburg waren die bis dahin massivsten in der Geschichte des Krieges. Über 700 Flugzeuge nahmen im Juli 1943 Kurs auf die Stadt. In ihren Waffenschächten trugen sie Tausende Tonnen von Bomben. Operation Gomorrha nannten die britischen Befehlshaber diese Angriffe, nach dem ersten Buch Mose, wo es heißt: "Da ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorrha und vernichtete die Städte und die ganze Gegend".

In den Audiobeiträgen, die man in der Ausstellung über Kopfhörer hören kann, berichten Zeitzeugen wie der 1930 geborene Andreas Hachingen von ihren Erlebnissen. "Die Eisentür des Bunkers wurde zugeschlagen", erzählt Hachingen, "und draußen hörte ich die Todesschreie der Leute. Ich weiß noch, dass ein Mann mit den Fäusten gegen die Türe schlug und rief: Macht die Tür auf!" Verzweifelt suchten die Menschen Schutz vor den Attacken, die in Wellen kamen. Zuerst sprengten Luftminen die Dächer weg, denn warf eine zweite Staffel von Flugzeugen Stabbrandbomben ab, die sogar unter Wasser brennen konnten. Die dritte Welle, explodierende Sprengladungen, sollte schließlich die Helfer davor abschrecken, zum Einsatz zu fahren.

Mancher Pilot war nach den Einsätzen traumatisiert

Ein solches Inferno hatten selbst Feuerwehrleute noch nie gesehen. Auf einem Monitor zeigt die Ausstellung die Filmaufnahmen eines Feuerwehrmanns: Turmhohe Flammen schlagen da aus Häusern, als wären sie mit einem riesigen Blasebalg angefacht. Selbst die gigantischen Hochbunker schwankten.

Malte Thießen deutet auf eine echte, aber natürlich entschärfte Fliegerbombe, die in der Ausstellung zu sehen ist, neben Gasmasken und geschmolzenen Glasflaschen, die der ungeheuren Hitze nicht standhielten. "Auch die Bomberpiloten hatten Angst", sagt er. Die britischen Soldaten, die meisten von ihnen kaum älter als 20 Jahre, flogen in tiefdunkle Nächte hinein. Viele Maschinen wurden schon in den ersten Einsätzen abgeschossen. Wer es zurück zur Basis nach England schaffte, verstand erst nach und nach, was er da getan hatte. Mancher Pilot war nach den Einsätzen traumatisiert.

Der Hamburger Stadtteil Eilbek kurz nach der Zerstörung im Juli 1943 (Foto: picture-alliance/dpa)

Der Hamburger Stadtteil Eilbek nach der Zerstörung im Juli 1943

Als die Angriffe dann vorüber waren, ließen die deutschen Behörden die gefährlichsten Arbeiten von KZ-Häftlingen verrichten. Bilder zeigen, wie Menschen in gestreifter Sträflingskleidung die Opfer aus den Häusern karrten, immer unter der Gefahr, von einstürzenden Bauten begraben zu werden. Aber selbst ihre Mühen reichten nicht aus. So sehr stapelten sich in manchen Vierteln die Leichen, dass ganze Straßenzüge zugemauert wurden. Die Seuchengefahr war einfach zu groß.

Doch die Ausstellungsmacher wollen nicht nur das Leid der deutschen Opfer zeigen. Schließlich war es die deutsche Luftwaffe, die schon wenige Tage nach Kriegsbeginn große Städte bombardiert hatte, darunter Warschau. Ein eigener Abschnitt in der Ausstellung erinnert an diese Bombardements und zeigt, dass der Krieg eben von Deutschland ausging.

Ist ein Krieg je gerecht?

Eröffnet wird die Ausstellung deshalb auch am 1. September, dem Tag, an dem 1939 der Zweite Weltkrieg begann. Alle Infotafeln sind zweisprachig, auf Deutsch und Englisch. "Wir wollen, dass die internationalen Besucher in der Ausstellung sehen: Die Deutschen beschäftigen sich nicht nur mit sich selbst", erläutert Thießen. "Deswegen erzählen wir nicht nur eine einzige Geschichte, sondern stellen verschiedene Perspektiven nebeneinander: die der Verfolgten des Nazi-Regimes, die der Opfer in den Bombenkellern - und auch die der Bomberpiloten." Wie gerecht kann, wie gerecht muss also ein Krieg sein, der versucht, das Böse auszutreiben? Das, sagt Thießen, sei damals und heute die Leitfrage gewesen. Ein Problem, dass sich kaum lösen lässt, denn selbst ein gerechter Krieg würde Tote fordern.

Als Beispiel fällt ihm der deutsche Liedermacher Wolf Biermann ein: "Er hat dieses Dilemma sehr gut beschrieben", sagt Thießen. Wenige Monate vor der "Operation Gomorrha" war Biermanns Vater, Jude und Kommunist, nach Auschwitz gebracht worden. Der junge Biermann, damals sechs Jahre alt, zitterte derweil in einem Hamburger Bunker. "Ich verstand nichts im Luftschutzkeller", schrieb er später über diese Nächte, "außer Luftholen und Mamas Hand. Aber meine Mutter freute sich über die englischen Bomben. Es war nur so unpraktisch, dass sie uns auf den Kopf flogen."

"Gomorrha 1943 - Die Zerstörung Hamburgs im Luftkrieg" ist ab dem 1. September 2013 im Mahnmal St. Nikolai in Hamburg zu sehen; die Dauerausstellung ist täglich geöffnet.

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