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Fokus Osteuropa

"Ein Monster wie die russische Propaganda kann man nicht besiegen"

Oleg Panfilow ist für seine oppositionellen Ansichten bekannt. Der Leiter des Moskauer Zentrums für Journalismus in Extremsituationen ist nach Georgien übergesiedelt. Er sprach mit der DW über seine Pläne.

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Oleg Panfilow

Deutsche Welle: Herr Panfilow, Sie werden künftig in Georgien als Journalist tätig. Sie verlassen Russland. Aber braucht das Land nicht gerade jetzt Menschen, die dazu beitragen, unabhängige Medien zu entwickeln?

Oleg Panfilow: Diese Frage stellen mir viele. Erstens, ich gehe dorthin, wo man mir einen guten Job angeboten hat, und ich finde, dass er sehr wichtig ist. Zweitens, ich war nie Staatsbürger Russlands, deswegen ist es unsinnig, mir vorzuwerfen, dass ich Russland verlassen, gar verraten habe. Ich bin nach Georgien gegangen, weil man mir eine Professur an der Tschawtschawadse-Universität angeboten hat. An dieser Universität ist ein Journalistik-Studiengang eingerichtet worden. Es besteht die Aussicht, dass dort eine Journalisten-Schule für den postsowjetischen Raum gegründet wird. Davon habe ich schon seit langem geträumt. Man kann den Journalismus im postsowjetischen Raum nur mit professionellen Journalisten-Schulen und guter Ausbildung verbessern. Es gibt natürlich auch persönliche Gründe. Ich mag Georgien sehr, es erinnert mich an meine Heimat Tadschikistan. Und ehrlich gesagt: Unter den heutigen Bedingungen ist es in Russland unglaublich schwierig zu arbeiten. Als ich mir aussuchen konnte, wo ich arbeiten will, entschied ich mich für Georgien, weil hier ganz andere Bedingungen herrschen.

Sie haben berichtet, dass Ihnen in Russland gedroht wurde. Gingen die Drohungen von Privatpersonen aus oder eher von höheren Stellen?

Das ist schwer zu sagen. Das, was im russischen Internet passiert, geht meiner Ansicht nach oft von Geheimdienst-Strukturen aus, oder steht zumindest mit ihnen in einem Zusammenhang. Die Drohungen wurden während des Georgien-Kriegs im vergangenen Jahr laut. Am 24. August 2008 wurde mein Blog bei Livejournal vernichtet und ich war gezwungen, einen neuen zu eröffnen. Ich bekomme die ganze Zeit böse Briefe, Kommentare und Texte, nicht nur im Blog, sondern seit kurzem auch bei Facebook. Darüber hinaus wird mir über Email und Telefon gedroht. Aber die Drohungen sind nicht der eigentliche Grund, warum ich nun in Georgien arbeite. Sie sind natürlich unangenehm. In einer solchen Atmosphäre fällt es schwer, professionell zu arbeiten.

Vor kurzem haben zwei georgische Journalisten in Russland politisches Asyl ersucht. Ist in Georgien in Sachen Meinungsfreiheit aus Ihrer Sicht alles in Ordnung?

Was den Journalismus angeht, so ist in Georgien nicht alles in Ordnung, aber der georgische Journalismus ist im Vergleich zum russischen viel freier. Zumindest bestehen in Georgien zwei oppositionelle Fernsehkanäle. Ich kann mir solche Kanäle in Russland nur schwer vorstellen. In Georgien gibt es wie auch in allen Ländern des postsowjetischen Raums ein Problem: Der Journalismus kämpft seit gut 15 Jahren ums Überleben. Die Lage in Georgien war sehr schwierig, weil es in jenen Jahren mindestens vier Kriege gab und die Amtszeit von Präsident Schewardnadse nicht gerade die beste war. Korruption und Kriminalität waren sehr verbreitet, und die Bürger befolgten keine Gesetze. Aber heute besteht in Georgien die Möglichkeit, dass guter Journalismus entsteht. Erstens gibt es gute Gesetze, die nach Ansicht vieler Experten sogar besser sind als in so machen Ländern Osteuropas. In Georgien gibt es keine Akkreditierung, die Verfassung verbietet staatliche Medien. Jetzt muss man nur noch gute Journalisten-Schulen schaffen und die Ausbildung verbessern. Ich denke, dass sich in den kommenden rund 15 Jahren in Georgien qualitativ guter Journalismus entwickeln wird.

Man sagt, sie werden der Anchorman des neuen Ersten kaukasischen TV-Kanals sein, der zurzeit in Georgien aufgebaut wird.

Diejenigen, die das in Russland verbreiten, wissen sehr wenig über den Aufbau dieses Fernsehsenders. Ich werde lediglich einer von vielen Moderatoren sein. Ich werde eine wöchentliche publizistische Sendung moderieren, die nichts mit Politik zu tun hat.

In russischen Medien heißt es, der neue Sender werde aufgebaut, um Russland im Informationsbereich im Kaukasus etwas entgegen zu setzen. Soll der Sender eine alternative Informationsquelle zur Lage in der Region werden?

Ich habe lange Zeit die russische Propaganda studiert und muss sagen: Ein solches Monster wie die russische Propaganda kann man sicht besiegen. Es ist unmöglich, sich unter Bedingungen völlig anderer materieller und technischer Möglichkeiten mit Gegenpropaganda zu befassen. Wenn ich diesen Sender aufbauen würde, dann würde ich allen sagen: Der Sender berichtet, was in Wirklichkeit in Georgien und im Kaukasus geschieht, wie die Reformen in Georgien laufen und wie man in Georgien lebt. Das genügt, um gegen die russische Propaganda vorzugehen.

Autor: Wladimir Sergejew / Markian Ostaptschuk
Redaktion: Birgit Görtz