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Europa

Ein Modell der Völkerverständigung

Aus Feinden sollten Freunde werden: Das war das Ziel des 1963 geschlossenen Elysée-Vertrags. Die Aussöhnung zwischen Deutschen und Franzosen könnte Vorbildcharakter für weitere Länder und für Konfliktregionen haben.

Der Elysée-Vertrag, gilt als Markstein in der Geschichte der beiden Länder: Die dort beschlossene Annäherung Deutschlands und Frankreichs trug maßgeblich dazu bei, dass aus den früheren Feinden die wichtigsten Partner in Europa geworden sind, die zu allen wichtigen Fragen der Außen-, Sicherheits-, Jugend- und Kulturpolitik Konsultationen abhalten und bilaterale Maßnahmen durchführen.

Gerard Foussier Chefredakteur der Fachzeitschrift Dokumente

Gérard Foussier: "Prägende Erfahrung"

Die Versöhnung sei auch deswegen so wichtig gewesen, weil sie bewiesen habe, dass Europa in Frieden leben kann, sagt Gérard Foussier, der Herausgeber von "Dokumente", der Zeitschrift für den deutsch-französischen Dialog. Noch Anfang der sechziger Jahre habe es Menschen gegeben, die von Erbfeinden gesprochen hätten. "Und es war sehr notwendig gewesen, dass zumindest zwei größere Völker in Europa in der Lage sind, nicht mehr von Erbfeindschaft, sondern von Freundschaft zu sprechen und von Zusammenarbeit", berichtet Foussier.

Modellcharakter der Aussöhnung

Die Entwicklung der deutsch-französischen Beziehungen gilt als vorbildlich. Andere europäische Staaten, vor allem benachbarte Staaten mit historischem Konfliktpersonal, verweisen immer wieder auf den „Modellcharakter“ der Aussöhnung. Mit diesem Thema befasst sich auch ein Buch, das Stefan Seidendorf vom "Deutsch-Französischen Institut" in Ludwigsburg herausgegeben hat. Es heißt "Deutsch-Französische Beziehungen als Modell einer Friedensordnung?" und beschreibt Faktoren, die auf andere Konflikte und bilaterale Beziehungen übertragbar sind.

Stefan Seidendorf, Leiter der Europaabteilung am Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg Foto: Deutsch-Französisches Institut

Stefan Seidendorf: "Bedeutung auch in Krisenzeiten"

Als ein übertragbares Element nennt Seidendorf, die im Elysée-Vertrag vereinbarten regelmäßigen Treffen, an denen politische Vertreter aller Ebenen teilnehmen müssen. "Keiner dieser verschiedenen Vertreter konnte sich diesen Treffen entziehen", sagt Seidendorf, "und insofern hat es bis heute eine Bedeutung auch in Krisenzeiten, wenn man sich lieber mal nicht sehen oder lieber aus dem Wege gehen würde." Häufig habe es zwar Treffen gegeben, bei denen man sich sehr wenig oder auch gar nichts zu sagen hatte. Dennoch seien es immer Gelegenheiten gewesen, "die Position des anderen zur Kenntnis zu nehmen, sich bewusst zu sein, dass vor dem Sitzungssaal die Medien und die Presse auf Ankündigungen warten. Dass eine Erwartungshaltung existiert und letztendlich Druck aufgebaut wird, zu Kompromissen und zu einer Einigung zu kommen."

Der französische Staatspräsident Charles de Gaulle und der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer Foto: Heinz-Jürgen Göttert (dpa)

De Gaulle und Adenauer konferieren 1962 in Baden-Baden über die Verbesserung der deutsch-französischen Beziehungen

Hoffen auf die Jugend

Dieser vertraglich geregelte und permanente Austausch sei auf andere Länder mit Konfliktpotential durchaus übertragbar. Neben der politischen Verflechtung führt Seidendorf die Zusammenarbeit auf zivilgesellschaftlicher Ebene als beispielhaft an. Visionär ist für ihn, dass Frankreichs Präsident de Gaulle und Bundeskanzler Adenauer damals auf die vertrauensbildende Kraft der Jugend Wert gelegt hätten.

Denn im Elysée-Vertrag ist die Einrichtung des "Deutsch-Französischen Jugendwerks DFJW" vereinbart worden, das am 5. Juli 1963 gegründet wurde. Das Jugendwerk ermöglicht jedes Jahr Tausende von Treffen zwischen Jugendlichen beider Völker. Seit seiner Gründung hat das DFJW rund 8 Millionen jungen Deutschen und Franzosen die Teilnahme an rund 300.000 Austauschprogrammen ermöglicht.

Ein Mitarbeiter einer Berliner Baufirma hilft beim Aufstellen des Adenauer-de Gaulle-Denkmals vor der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin am Mittwoch, 22. Januar 2003. Das Denkmal der franzoesischen Kuenstlerin Chantal de la Chauviniere-Riant soll am 23. Januar anlaesslich des 40. Jahrestag der Unterzeichnung des Elysee-Vertrages vom franzoesischen Staatspraesidenten Jacques Chirac enthuellt werden. (AP Photo/Markus Schreiber) An unidentified German construction worker helps to fix a memorial plate of former German Chancellor Konrad Adenauer, left, and Charles de Gaulle, right, in front of the Konrad-Adenauer foundation in Berlin, Wednesday, Jan. 22, 2003. On Thursday, Jan. 23, the memorial relief of French artist Chantal de la Chauviniere-Riant will be unveiled by French President Jacques Chirac to celebrate 40 years of reconciliation. (AP Photo/Markus Schreiber)

Adenauer-de-Gaulle-Denkmal in Berlin: Freunde statt Feinde

Die Besonderheit des Vertragswerks bestehe darin, dass das Jugendwerk zunächst als internationale Organisation geschaffen worden sei, sagt Seidendorf. "Also mit einem Statut, das außerhalb der nationalen Regierungen lag und das keine der beiden Regierungen wieder abschaffen konnte. Das heißt, das Jugendwerk war ein gleichberechtigter Akteur auf Augenhöhe mit den Regierungen und konnte deshalb diese besondere Wirkung entfalten."

Eine beispielhafte Erfahrung

Immer wieder mussten Hürden genommen und gegenseitige Vorurteile abgebaut werden, bis sich die deutsch-französische-Freundschaft verfestigte. Der Herausgeber von "Dokumente", der Zeitschrift für den deutsch-französischen Dialog, Gérard Foussier spricht deshalb von einer beispielhaften Erfahrung, die Deutsche und Franzosen gemacht hätten. Gerade weil es solche Schwierigkeiten gegeben hätte, sei eine Freundschaft entstanden, an der sich andere Länder orientieren könnten. "Wenn wir das richtig kommunizieren, könnten andere Regionen dieser Welt sagen, vielleicht wäre die Zeit endlich gekommen, uns Gedanken zu machen, wie beispielsweise wir Israelis und Palästinenser auch solche Fortschritte erreichen können."

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