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Kultur

Ein Methodist im Weißen Haus

Trotz strikter Trennung von Staat und Kirche gilt George W. Bush in den USA als einer der religiösesten Präsidenten der modernen Geschichte. Doch die Rückkehr der Religion ist in den USA kein Trend zur Staatsreligion.

Porträt von George W. Bush, Quelle: AP

Bekennend Methodist:
George W. Bush

In den USA leben die wohl mit Abstand religiösesten Bürger aller entwickelten Industriegesellschaften. Fast zwei Drittel aller Amerikaner sind nach eigenem Bekunden gläubig, die Kirchen sind am Wochenende voll. Die meisten Amerikaner beten täglich - auch in der Öffentlichkeit -, und sie glauben an ein Leben nach dem Tod. Kann es da verwundern, dass die Religion auch in der Politik eine wichtige Rolle spielt?

"Die Trennung zwischen Staat und Kirche ist in Amerika noch intakt"

Eigentlich schon, denn die Trennung von Staat und Kirche gehört zu den Grundfesten der amerikanischen Verfassung. Daran habe auch Präsident Bush nicht zu rütteln gewagt und es wohl auch nicht gewollt, sagt der Religionsforscher Alan Wolfe.Die Trennung zwischen Staat und Kirche sei in Amerika noch intakt. "In Europa gibt es Staatsreligionen, und sie sind am Absterben. In Amerika, wo die Religionsfreiheit zum Prinzip erhoben wurde, blühen die Religionen." Wenn es einigen der Religiösen in den USA gelänge, die Trennung von Staat und Kirche aufzuheben, wäre das das Ende der Religion dort, so Wolfe.

George W. Bush vor der US-amerikanischen und der taxanischen Flagge, Quelle: AP

Gewählt in Gottes Auftrag? George W. Bush kurz nach seinem umstrittenen Wahlsieg (Archivbild 2000)

Dennoch erhielt mit Präsident Bush die Religion in einer ganz neuen Dimension Einzug ins Weißen Haus. Noch bevor der amtierende Präsident seinen Kreuzzug gegen das Böse ("axis of evil") in der Welt begonnen hat, regierte bereits der religiöse Eifer. Zu Bushs ersten Amtshandlungen nach seiner umstrittenen Wahl im Jahr 2000 gehörte die Einrichtung eines Sonderbeauftragten im Weißen Haus für religiöse Wohlfahrtsangelegenheiten. Bush wollte den Staat von seinen sozialen Aufgaben entlasten und die Kirchen stärker in die staatliche Fürsorge einbinden.

Rückblickend sei dies aber nur zum Teil gelungen, meint William Galston vom renommierten Think Tank Brookings Institution: "Ich denke, das wurde überschätzt." Viele Leute seien der Ansicht, dass die tatsächlichen Resultate dieses Versuches bescheiden ausgefallen sind. Wie immer in der Politik müsse man zwischen der Rhetorik und der Realität unterscheiden. "Und die Realität sieht einfach so aus, dass ein großer Anteil wohltätiger Arbeit in den USA von jeher von religiösen Organisationen geleistet worden ist. Die Glaubens-Initiative des Präsidenten hat das noch ein bisschen gesteigert, aber nicht viel", sagt Galston. Auf keinen Fall habe es den Wohltätigkeitssektor in großem Maßstab verändert.

Eine metaphysische Kategorie in der realen Außenpolitik

George W. Bush mit dem ehemaligen französischen Staatspräsidenten Chirac, Quelle: AP

Göttliche Eingebung? George W. Bush mit dem ehemaligen französischen Staatspräsidenten Chirac (Archivbild 2002)

Und die Religiosität des Menschen Bush? Der 43. Präsident der USA ist ein praktizierender Methodist. Den Weg zu Gott fand er erst relativ spät, als er dem Alkohol abschwor und sich auf den Pfad der Tugend begab. Gegenüber Journalisten wie dem Bush-Chronisten Bob Woodward hat er einmal betont, dass er seine Eingebungen von einer "höheren Macht" erhalte. Mit der so genannten "Achse des Bösen" führte er eine metaphysische Kategorie in die reale Außenpolitik ein. Viele Beobachter sahen deshalb in ihm einen religiösen Eiferer.

Alan Wolfe widerspricht dem. Es könne doch sein, dass Bush gar nicht so religiös sei, wie die meisten glaubten. "Auf jeden Fall ist er nicht christlich, so wie ich den Begriff interpretiere. So sehe ich zum Beispiel nichts von der Demut und Friedfertigkeit von Jesus Christus in Bushs Verhalten, und es gibt bei ihm auch nicht die Zweifel, die wir in der Tradition der augustinischen Reflektionen zum Sündenbegriff finden." Das gebe es bei Präsident Bush nicht. "Von daher ist es zwar zutreffend, dass seine Außenpolitik gefährlich ist, aber nicht weil sie von der Religion beseelt ist, sondern weil sie entweder von einer falsch verstandenen Religiosität inspiriert ist oder aber von einem Mann betrieben wird, von dessen Persönlichkeit eine Gefahr ausgeht", sagt Wolfe.

Kreationismus versus darwinistische Evolutionslehre

Symbolbild von Charles Darwin, Quelle: AP

Neben Darwins Evolutionstheorie wird in US-amerikanischen Schulen auch der "Kreationismus" gelehrt

Inzwischen haben die Evangelikalen in den USA neue Betätigungsfelder außerhalb des Weißen Hauses entdeckt. Mit religiösem Eifer wollen sie die Lehrpläne landauf und landab reformieren. Dabei versuchen sie, die darwinistische Evolutionslehre zugunsten einer "kreationistischen " Weltanschauung zurückzudrängen, die auch in den Naturwissenschaften die Lehre von der Gestaltungskraft eines göttlichen Wesens vermittelt.

Das Weiße Haus spielt in den Bestrebungen der religiösen Rechten dagegen keine strategische Rolle mehr, auch weil unter den republikanischen Präsidentschaftsbewerbern für die Wahl im Jahr 2008 bisher kein geeigneter Kandidat in Sicht ist. Dazu sagt William Galston: "Die religiöse Rechte ist von den aktuellen Kandidaten im republikanischen Lager enttäuscht und fühlt sich von ihnen missachtet." Die drei aussichtsreichsten Kandidaten - Senator John McCain, der frühere Bürgermeister Rudolph Giuliani und der frühere Gouverneur von Massachusetts Mitt Romney - seien den religiösen Rechten aus unterschiedlichen Gründen suspekt. "Eine Wahl zwischen diesen Kandidaten würden sie als Teufelswerk betrachten."

Laut Alan Wolfe geht der Einfluss der religiösen Rechten gesamtgesellschaftlich ohnehin zurück. Die Zahl der Leute, denen die Religion am allerwichtigsten sei und die Politik durch die Linse der Religion betrachteten, sei in den USA rückläufig. "Die religiöse Rechte hat den Bogen überspannt", sagt Wolfe. "Ihre Führer, James Dobson von 'Focus on Family' oder Richard Land von den 'Southern Baptists' beschweren sich, weil sie keinen Kandidaten im Rennen um die Präsidentschaft 2008 haben. Und sie haben wirklich keinen! Das ganze Gerede, wie Bushs Chefideologe Karl Rove acht Jahre lang die Basis der Republikanischen Partei zu einer uneinnehmbaren Festung der Religiös-Konservativen gemacht habe - letztlich gibt es sie nicht!"