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Nahost

Ein medialer "deutscher Sonderweg"?

Kann man in Deutschland ohne Holocaust im Hinterkopf über Israel berichten? Nein, meinen in Deutschland lebende Muslime - und kritisieren gleichzeitig eine verzerrte Wahrnehmung des Nahostkonflikts.

Israelische Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Militäraktion gegen die Gaza-Flotte (Foto: ap)

Israelische Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Militäraktion gegen die Gaza-Flotte

Anti-israelische Proteste nach dem Schiffsüberfall vor Gaza (Foto:ap)

Die israelische Militäraktion hat weltweit anti-israelische Proteste ausgelöst

Montag morgen, der 31. Mai 2010. Auf allen Nachrichtensendern sind die Bilder zu sehen: Bilder der israelischen Militäraktion gegen die so genannte "Gaza-Friedensflotte". Auch deutsche Medien berichten - fast ausschließlich mit israelischem Bildmaterial. In schwarz-weiß, aus mehreren hundert Metern Entfernung zeigen die Bilder vor allem die Gewalt von pro-palästinensischen Aktivisten gegen israelische Soldaten. Zur Verdeutlichung hat das israelische Militär einige Szenen mit gelben Kreisen markiert. Bilder, in denen Soldaten auf Aktivisten schießen, "wurden nicht herausgegeben", heißt es im Sprechertext.

Wackelige Aufnahmen der Gegenseite

Die selbe Schiffsstürmung, andere Bilder: CNN zeigt wackelige Hancdycam-Nahaufnahmen, die von den Aktivisten selbst gemacht worden sind. Auch hier ist zu sehen, wie sie mit Stöcken auf die landenden israelischen Soldaten losgehen. Zu sehen ist aber auch das Riesenchaos, das in dem Moment ausbricht, in dem die israelischen Soldaten das Schiff entern. Tote und Verletzte liegen auf dem Deck. Al Jazeera hat sogar einen eigenen Korrespondenten an Bord der geenterten Mavi Marmara. Die Aktivisten hätten sofort die weiße Flagge gehisst, nachdem die israelischen Soldaten das Deck geentert hätten, sagt der Al Jazeera-Korrespondent.

Sind deutsche Medien zu unkritisch?

Bilder der türkischen Hilfsorganisation IHH zeigen schussbereite israelische Soldaten (Foto:ap)

Bilder der türkischen Hilfsorganisation IHH zeigen schussbereite israelische Soldaten

Drei Sender, drei Blickwinkel. Wie soll man sich als Zuschauer da ein Bild machen? Für den in Deutschland lebenden Muslim Mehmet Tosunoglu ein Grund sich nicht allein auf ein Medium zu verlassen. ARD, ZDF, CNN Turk und das türkische Staatsfernsehen TRT, Mehmet Tosunoglu sagt, er braucht einfach mehrere Kanäle, um sich ein umfasendes Bild zu verschaffen. Er hält große Teile der deutschen Berichterstattung über den Nahost-Konflikt für zu unkritisch. In Deutschland habe man immer das Selbstverteidigungsrecht Israels im Hinterkopf, selbst dann, wenn andere europäische oder muslimische Staaten das Land klar im Unrecht sehen. Und dennoch könne er die Deutschen aufgrund ihrer historischen Verantwortung verstehen. "Auch als in Deutschland lebender Muslim versuche ich mich in dieser Frage möglichst zurückzuhalten", erklärt er. Sobald man was falsches sage, kritisiert Tosunoglu, werde man gleich als Antisemit oder judenfeindlich betrachtet.

Schatten der Vergangenheit

Aktham Suliman versteht, warum gerade muslimische Migranten im Nahostkonflikt auch andere Perspektiven als die deutsche Berichterstattung suchen. Der Berliner Korrespondent des arabischen Senders Al Jazeera verfolgt die Nahostberichterstattung hierzulande schon seit 20 Jahren. "Sehr eigen" findet er die deutsche Nahostberichterstattung, die noch immer relativ unkritisch mit Israel umspringe: "Das ist sozusagen der deutsche Sonderweg." In anderen westlichen Medien sei das zwar auch der Fall, aber nicht so stark wie in Deutschland. Dabei ist Suliman natürlich auch klar, warum das so ist: Weil Deutschland natürlich nicht in die Region schauen könne, ohne den Holocaust jemals auszublenden: "Wenn arabische Medien über den Nahostkonflikt reden, dann haben sie die Toten und die Unterdrückten von heute im Blick", sagt Suliman. "Wenn die Deutschen darüber berichten, dann vergessen sie nicht die Toten und die Unterdrückten von damals."

Andere Lehren ziehen?

Aktham Suliman, Berlinkorrespondent des arabischen Fernsehsenders Al Jazeera (Foto: DW)

Aktham Suliman ist der Berlinkorrespondent des arabischen Fernsehsenders Al Jazeera

Suliman hat vollstes Verständnis dafür, dass deutsche Medien die besondere historische Verantwortung Deutschlands bei der Nahostberichterstattung nicht aus den Augen verlieren. Und trotzdem könne man auch in Deutschland ruhig kritischer mit Israel umgehen. "Natürlich können sechs Millionen ermordete Juden im schlimmsten Kapitel der Menschheitsgeschichte nicht ohne Einfluss auf die Berichterstattung bleiben", sagt Suliman. "Aber die Lektion hieraus müsse lauten: So etwas darf nie wieder passieren! und nicht: Sowas darf den Juden nie wieder passieren. Allgemein, ob Palästinenser, ob Jude, ob Araber, ob Amerikaner, ob Russe: Niemandem dürfe so etwas wieder passieren!", fordert Suliman und sagt: "Wie man diese Geschichte interpretiert, das ist das Problem mit der Berichterstattung über den Konflikt in dieser Region."

Autor: Thomas Latschan
Redaktion: Anne Allmeling