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Wirtschaft

Ein Marathon-Mann für die WTO

Den einen gilt er als neoliberaler Technokrat, den anderen als ehrlicher Makler - an den Fähigkeiten von Pascal Lamy, dem neuen Chef der Welthandelsorganisation WTO, zweifelt indessen kaum jemand.

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Als EU-Kommissar nannte Pascal Lamy die WTO "mittelalterlich"

Es wird kein leichter Job. Das weiß natürlich auch Pascal Lamy, der am Donnerstag (1.9.2005) in Genf sein neues Amt als Generalsekretär der Welthandelsorganisation WTO getreten hat. Schließlich war der 58-jährige Franzose bis zum vergangenen Jahr als EU-Handelskommissar fünf Jahre lang direkt an den Verhandlungen der WTO beteiligt - und hatte die Organisation dabei einmal "mittelalterlich" genannt.

Nachdem er die neue Aufgabe übernommen hat, bleibt ihm kaum Zeit zum Einarbeiten: Schon im Dezember findet in Hongkong die Ministerkonferenz der WTO mit ihren 148 Mitgliedsstaaten statt. Dort soll die 2001 begonnene, schwierige Doha-Runde zum Abbau von Handelshemmnissen im Agrarbereich abgeschlossen werden. Am Mittwoch (31.8.) teilte die WTO mit, Lamy habe mit der Arbeit bereits am Tag zuvor begonnen.

Ein Sack voller Flöhe

"Die WTO ist wie ein Sack voller Flöhe, die alle durcheinander hüpfen", sagt Rolf Hasse, Direktor des Instituts für Wirtschaftspolitik der Universität Leipzig und Experte für internationale Wirtschaftsbeziehungen. "Das zu ordnen, ist die große Leistung des Generalsekretärs." Lamy sei dafür so geeignet wie kaum ein anderer, da er nicht nur über exzellente Kontakte, eine lange Erfahrung und großes Fachwissen verfüge, sondern als EU-Kommissar auch bewiesen habe, dass er kompromissfähig sei.

Proteste gegen WTO

Wie hier auf den Philippinen sorgt die WTO oft für Proteste

Lamy, Absolvent der französischen Elitehochschule Ecole Nationale d'Administration, arbeitete als Finanzbeamter, bevor er 1981 Berater des damaligen sozialistischen Wirtschafts- und Finanzministers Jacques Delors wurde. Als neuer Präsident der EG-Kommission nahm Delors ihn 1985 als Kabinettchef mit nach Brüssel. Unter dem EU-Kommissionspräsidenten Romano Prodi wurde Lamy 1999 Handelskommissar und erwarb sich in dieser Zeit einen Ruf als konzeptions- und durchsetzungsfähiger Unterhändler. "Es gab erst das Vorurteil, dass er als Franzose eine protektionistische Attitüde haben würde", erinnert sich der Ökonom Hasse. Doch Lamy habe bewiesen, dass er sich für offene Märkte einsetzt und dabei auch nicht zögert, Paris zu attackieren.

Enormer Erfolgsdruck

Lamy müsse nun von der Rolle des Unterhändlers in die des Maklers schlüpfen, der die unterschiedlichen Interessen der Staaten in Einklang bringt, sagt Georg Koopman vom Hamburgischen Weltwirtschaftsarchiv: "Aber die Fähigkeiten eines Maklers liegen nicht weit entfernt von der Fähigkeit zum Kompromiss. Und über die verfügt er ohne Zweifel." Der Generalsekretär habe formal zwar sehr wenig Macht, doch könne eine starke Persönlichkeit entscheidende Weichen stellen: "Lamy hat durchaus das Zeug dazu." Auch Guido Glania, WTO-Experte des Bundesverbandes der deutschen Industrie, hält Lamy für eine Idealbesetzung: "Er steht aber unter enormen Erfolgsdruck."

Scharfsinniger Handelsdiplomat

Freilich betrachten Pascal Lamy nicht alle so wohlwollend. "Seine Wahl ist kein gutes Zeichen", sagt Oliver Moldenhauer von der globalisierungskritischen Organisation Attac. Mit Lamy als Handelskommissar habe die EU Entwicklungsländer unter Druck gesetzt, Sektoren wie Wasser oder Finanzdienstleistungen zu deregulieren und versucht, möglichst hohe Hürden für das Kopieren patentierter Medikamente durchzusetzen.

Die indische Wirtschaftszeitung "Financial Express" mutmaßte in einem Kommentar zur Ernennung Lamys am 26. Mai ebenfalls, dass der neue WTO-Chef sich vor allem für die Interessen der Industriestaaten stark machen werde: "Die Entwicklungsländer können nicht viel von ihm erwarten." Doch auch der "Financial Express" sieht in Lamy einen "sehr scharfsinnigen Handelsdiplomaten."

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