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Europa

Ein Mahnmal für MH17

Er bleibt die wichtigste Antwort schuldig: Wer schoss Flug MH17 ab? Trotzdem taugt der neue Expertenbericht als schmerzhafte Erinnerungshilfe und Mahnung an die EU, meint Max Hofmann.

Es war ein ganz normaler Flug. Keine Warnungen über Funk, keine Fehlfunktionen der Geräte an Bord, kein ukrainischer Kampfjet als Begleitung, wie manche vermutet hatten. Um 13:20:02 flog MH17 noch in Richtung Urlaubsparadies, eine Sekunde später war das Flugzeug ein Wrack in zehn Kilometern Höhe, das Richtung ostukrainisches Schlachtfeld stürzte. 298 Menschen starben, als am 17. Juli der ganz normale Flug der MH17 in einer Katastrophe endete.

Der offizielle Bericht zum Absturz von MH17 ist technisch, nicht politisch. Und dennoch schwingt die Politik mit in dem Bericht, den Experten heute in Den Haag veröffentlichten. So heißt es, das Flugzeug sei von einer großen Zahl "energiereicher Objekte" durchbohrt worden. Das Wort "Rakete" fällt nicht, dabei diskutieren unabhängige Experten schon lange nicht mehr ob, sondern welche Rakete russischer Bauart auf MH17 abgeschossen wurde. Als Hauptverdächtiger gilt inzwischen das mobile "BUK" System.

Deutsche Welle Studio Brüssel Max Hofmann

Max Hofmann leitet das DW-Studio Brüssel

Zu brisant?

Diese Lücke im Bericht ist extrem unbefriedigend, aber vielleicht galt eine klare Benennung der benutzten Waffe als politisch zu brisant. Denn wenn erst technisch und öffentlich bewiesen ist, wovon ohnehin inzwischen alle außer dem Kreml ausgehen – nämlich dass von Russland gestützte Separatisten ein Passagierflugzeug mit 298 Insassen abgeschossen haben – dann lässt sich der ohnehin obskure Pfad Richtung Normalisierung der Beziehungen zu Russland kaum noch einschlagen.

Der Abschuss von MH17 war der Moment, als die Europäische Union sich zusammen raufte und gemeinsam Sanktionen gegen ein Land verhängte, an dessen Energietropf viele Europäer hängen. Auch wenn die erwünschte Wirkung bisher ausblieb, war es doch ein Kraftakt, den viele der komplizierten EU nicht zugetraut hätten. Aber die Erinnerung an das schreckliche Ereignis verblasst mit der Zeit. Die schon so gut wie beschlossene Verschärfung der Sanktionen wurde am 8. September aufgeschoben – wieder einmal. Die Wunde schließt sich, auch wenn ihr Verursacher nach wie vor in der Ostukraine wirkt.

Sekunden bis zum Tod

Der Bericht sollte deshalb trotz seiner Mängel als Mahnmal dienen. Er sollte die Verantwortlichen in der EU daran erinnern, was unweit ihrer Grenzen vor sich geht: eine schleichende Invasion mit kriegsähnlichen Zuständen.

Putin ist schon lange kein Partner mehr, sondern ein neo-imperialer, kaltblütiger Diktator und seine Schergen in der Ukraine haben keine Hemmungen, Europäer in diesen Konflikt hinein zu ziehen, wenn sie ihnen zu nahe kommen.

Was das bedeutet, kann jeder erahnen, der sich mit den Opfern von MH17 auseinandersetzt. Dann entfaltet der Bericht seine wahre Wirkung. Dort ist ihr Schicksal mit vielen technischen Ausdrücken umschrieben. Unter den Passagieren war auch Bryce Fredriksz aus Rotterdam, 23 Jahre jung. Seine Mutter las den Experten-Bericht, sobald er veröffentlicht wurde, auch wenn es schwer sei, wie sie sagt, zu lesen "wie das eigene Kind starb". Die Haupterkenntnis für sie: "Ich bin froh, dass es nur einige Sekunden dauerte."