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Kultur

Ein Mahnmal der deutschen Teilung

Über 40 Jahre lang war Deutschland ein geteiltes Land. Das Grenzlandmuseum Eichsfeld zeigt, wie das Leben mit und an der deutsch-deutschen Grenze war.

DDR-Passkontrolle (Foto: Marc von Lüpke)

Fast wie vor 20 Jahren: Besucher des Museums müssen durch eine Pass-Kontrolle

Wer heute auf der Bundesstraße 247 von der niedersächsischen Kleinstadt Duderstadt Richtung Osten reist, der hat freie Fahrt. Es ist kaum zu glauben, dass hier noch vor knapp zwei Jahrzehnten die schwer bewachte Grenze zwischen West- und Ostdeutschland verlief. Das Grenzlandmuseum Eichsfeld hat es sich zum Ziel gesetzt, dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Mehr als 4000 Exponate auf 1200 Quadratmetern Ausstellungsfläche vermitteln einen lebendigen Eindruck davon, wie es war, an der deutsch-deutschen Grenze zu leben. Untergebracht in einem Gebäude der ehemaligen "Grenzübergangsstelle" Worbis ist das Museum auch ein architektonischer Hingucker. Es ist eine Verbindung aus modernem Museumsgebäude und realsozialistischem Zweckbau. Hinzu kommt ein seltenes Ausstellungsstück im Außenbereich: "Auf 300 Metern zeigen wir original erhaltene Sperranlagen", sagt Ben Thustek, der Pädagogische Leiter des Grenzlandmuseums.

Grenzlandmuseum Eichsfeld (Foto: Marc von Lüpke)

Das Grenzlandmuseum Eichsfeld

Ein geteiltes Land

Seit 1949 trennten 1.400 Kilometer Grenze West-und Ostdeutschland - zunächst gar nicht so hermetisch, wie man vielleicht glaubt. Viele Aufnahmen in der Ausstellung zeigen, dass die Grenzlinie zwischen den beiden politischen Blöcken West und Ost zunächst nur in den Köpfen der Politiker und Militärs vorhanden war. Fast unbehelligt konnten die Deutschen von der BRD in die DDR gelangen - und umgekehrt. Bauern bewirtschafteten zum Beispiel ihre Felder auch auf der jeweils anderen Seite der Grenze. Erst 1952 begann die DDR ihre Grenze zu befestigen, auch weil immer mehr Menschen aus der sozialistischen DDR in den demokratischen Westen flüchteten.

Angelegt wurde eine fünf Kilometer breite Sperrzone. Innerhalb dieser Zone sollten  ein 500 Meter breiter Schutzstreifen und ein weiterer, zehn Meter breiter Kontrollstreifen die Menschen in Ost und West endgültig trennen. "Grenzverletzer sind festzunehmen oder zu vernichten", lesen die Besucher des Museums die Aufforderung an die Grenzsoldaten der DDR, ihre Mitbürger mit Gewalt im eigenen Land zu halten.

Leben an der Grenze

"Zonenrandgebiet" nannten etwas spöttelnd die Westdeutschen die Gebiete westlich der Grenze zur DDR. "Im Westblick war hier die Welt natürlich zu Ende", sagt Ben Thustek. "Die Menschen hier haben sich aber nie damit abgefunden. Sie haben immer gebohrt, dass die Grenze durchlässig wird." Diese Grenze war lange Zeit ein regelrechtes Touristenziel: Mit Bussen reisten Gäste aus Westdeutschland und der ganzen westlichen Welt an, um einen Blick auf den Sozialismus, sprich die DDR, zu werfen. Mehr noch: Bilder in der Ausstellung zeigen, wie sogar Hochzeitspaare an die Grenze kommen, um ihren Verwandten im Osten symbolisch einen Gruß zuzuwinken.

Exponate des Grenzlandmuseums (Foto: Grenzlandmuseum Eichsfeld)

Eine Reise in die Zeit der deutschen Teilung: Exponate des Grenzlandmuseums

Während die Westdeutschen frei und unbehelligt bis an die Grenze herankommen konnten, war das Leben auf der anderen Seite strikt reglementiert. In die Grenzzone durften DDR-Bürger nur mit Passierscheinen reisen. Unternehmen, Kneipen und Kinos schlossen nach und nach. Wer in der Sperrzone lebte, musste einen besonderen Stempel im Ausweis mit sich führen.

Spione der Staatssicherheit der DDR (Stasi) waren allgegenwärtig. Auch Kontrollen waren ohne jegliche Ankündigung in privaten Wohnungen ständig möglich. Um die Menschen im östlichen "Zonenrandgebiet" für den Sozialismus zu begeistern, siedelte die DDR-Führung Wirtschaftsbetriebe an. In Leinefelde entstand zum Beispiel die größte Baumwollspinnerei Europas.

Das Gefühl der Trennung konnte aber auch die wirtschaftliche Förderung bei den meisten Menschen nicht auslöschen. Seit 1972 herrschte ein "kleiner Grenzverkehr", an dem auch DDR-Bürger teilnehmen konnten. Die Behandlung war allerdings reine Schikane: Sechs Wochen vor Reiseantritt musste ein Antrag gestellt werden. Viele Anträge wurden ohne Begründung abgelehnt. Bei der Rückreise beschlagnahmten DDR-Grenzer zudem Schmuggelwaren und auch zensierte Bücher.

"Aktion Ungeziefer"

1952 ließ die Stasi die "Aktion Ungeziefer" im Grenzgebiet der DDR anlaufen. 15.000 Menschen, die innerhalb der fünf Kilometer breiten Sperrzone lebten, mussten ihr Zuhause verlassen. Die Menschen erfuhren erst wenige Stunden vor Beginn von ihrer Deportation und durften nur wenige Habseligkeiten mitnehmen - ihr Besitz wurde enteignet.

Böseckendorf (Foto: Grenzlandmuseum Eichsfeld)

Ort einer Massenflucht: 1961 flüchteten aus Böseckendorf 53 Menschen in den Westen

Auch die Grenzbefestigungen wurden immer ausgefeilter und tödlicher. Das zeigen auch Exponate des Museums: Ein zunächst unscheinbares Ausstellungsstück entpuppt sich als Tretmine vom Typ PPM-2. Mehr als 400.000 Stück davon verlegte die DDR an der Demarkationslinie, um "Republikflüchtlinge" abzuschrecken - oder während ihrer Flucht zu verstümmeln und zu töten.

1961 gelang allerdings eine spektakuläre Massenflucht. 53 Einwohner der Ortschaft Böseckendorf, fast das halbe Dorf, waren im Schutze der Nacht in den Westen geflohen. Die DDR-Führung war blamiert. Das sollte nicht wieder geschehen, weshalb die Grenze immer besser bewacht wurde.

Der Anfang vom Ende

Mit Gewalt sperrte die DDR ihre Bürger im eigenen Land ein. Und wirkte damit unfreiwillig an ihrem Untergang mit, denn die Grenzsicherung verschlang Milliarden. "Da haben mit Sicherheit auch die massiven Ausgaben für die Grenzsicherung einen Teil zu beigetragen", meint Ben Thustek. 1000 Menschen wurden auf ihrer Flucht in den Westen an der deutsch-deutschen Grenze getötet, auch daran erinnert das Museum.

Tretminen (Foto: Marc von Lüpke)

Sie sollten jede Flucht verhindern: tödliche Tretminen

40.000 Flüchtlinge gelangten jedoch glücklich über die Grenze. Nach dem Ausstellungsbesuch können sich die Besucher persönlich einen Eindruck vom ehemaligen Grenzstreifen machen. Der sechs Kilometer lange Grenzlandweg führt vom Museum aus an vielen beeindruckenden Zeugnissen der Teilung vorbei, unter anderem einem Überwachungsturm der DDR-Grenztruppen.

An historischem Ort stellt das Grenzlandmuseum Eichsfeld ausführlich und zeitgemäß die Geschichte der deutschen Teilung und das Leben an der einst bestbewachten Grenze der Welt dar. Das ist aber nicht die einzige Aufgabe dieser Einrichtung, die von einem privaten Verein getragen wird: "Wir sind Museum, Gedenk- und Bildungsstätte", sagt Ben Thustek. Fast 24 Jahre nach dem Fall der Mauer ist das Haus ein wichtiger Erinnerungsort an das geteilte Deutschland. Und eine Gedenkstätte nicht nur für die Todesopfer des Grenzregimes, sondern für alle Menschen, die 40 Jahre lang mit und an der Grenze leben mussten.

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