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Kultur

Ein Mahnmal als personalisierte Geschichte

Der erste Gang durch die "Betongassen" des Holocaust-Mahnmals in Berlin vermittelt ein Gefühl der Enge, Bedrängnis und Verlorenheit. Absicht des Architekten, der die trostlose Säulenlandschaft unterirdisch weiterführt.

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Der Architekt Peter Eisenman beim Gang durch das Mahnmal

Kein Hinweisschild, kein markierter Zugang zum Museum, das das in Worte fasst, was oben nicht gesagt wird. Eher zufällig stößt man auf die Treppen, die inmitten des Eisenmanschen Stelenfeldes in die Tiefe führen - zum unterirdischen "Ort der Information", der den Besucher des Denkmals für die ermordeten Juden Europas mit jenen Fakten konfrontiert, die das Denkmal selbst verweigert.

"Wir möchten dem abstrakten Denkmal, das offen ist für Interpretationen, eine Widmung geben", erläutert der Historiker Ulrich Baumann das Konzept dieser sehr überzeugenden Schau, die den Opfern des Holocaust Gesichter und Namen gibt und gleichzeitig die europäische Dimension der nationalsozialistischen Judenverfolgung veranschaulicht.

Holocaust-Mahnmal vor Eröffnung

Wandfries mit Grundinformationen zum Holocaust

So werden in einem Raum exemplarische Familiengeschichten erzählt, die die Vielfalt einstigen jüdischen Lebens aufscheinen lassen, ein zweiter zeigt das Netz der Deportationswege auf, man hört Berichte und Erinnerungen an Ghettos, Euthanasiestätten und Todesmärsche.

Dimensionen der Vernichtung

Am Anfang der Ausstellung aber steht die Einführung in die Historie. Auf einem Wandfries liefern bebilderte Texte Grundinformationen, erzählen von der Eskalation dieses ungeheuren Verbrechens. Denn erst wer mit der Geschichte vertraut ist, kann einordnen, was er dann in den vier eigentlichen Themenräumen sieht.

Die Ausstellung hebt die Anonymität der Opfer auf, indem einzelne Personen identifiziert werden, die ihre Geschichte erzählen können. Zdenek Konas, ein Junge aus Prag, wurde mit elf Jahren nach Theresienstadt deportiert und von dort nach Auschwitz. "Verschollen" lautet die Notiz neben dem letzten von ihm existierenden Bild. Es hängt im Eingangsbereich der Ausstellung, ist eines von sechs großformatigen Porträts von Männern, Frauen und Kindern aus verschiedenen Ländern Europas, die auf all die anderen Opfer verweisen. Knapp sechs Millionen insgesamt.

Über diese Dimensionen der Vernichtung klärt der erste Ausstellungsraum dann auf ungewöhnliche Weise auf: Während in einem Textfries an den Wänden die Opferzahlen aus den verschiedenen Ländern aufgeführt sind (Litauen 140.000-150.000, Sowjetische Gebiete 950.000-1.050.000, Albanien: ca. 100, Polen: 2.900.000-3.100.000) lenken Dokumente in gläsernen Bodenflächen die Aufmerksamkeit auf Einzelschicksale.

"Raum der Namen"

"Lieber Vater", schrieb etwa die 12-jährige Judith am 31. Juli 1942, "Vor dem Tod nehme ich Abschied von dir. Wir möchten so gerne leben, doch man lässt uns nicht. Wir werden umkommen. Ich habe solche Angst vor diesem Tod, denn die kleinen Kinder werden lebendig in die Grube geworfen. Auf Wiedersehen für immer."

Dramaturgischer Höhepunkt der Ausstellung ist dann der so genannte "Raum der Namen", in dem Kurzbiografien einzelner Opfer verlesen werden, während ihr Name, Geburts- und Sterbejahr an die Wände projiziert wird. Möglich wurde das, weil die israelische Gedenkstätte "Yad Vashem" erstmals ihre Sammlung der "Pages of Testimonies" geöffnet hat, in der Überlebende Zeugnis von Verschwundenen und Ermordeten abgelegt haben, um die Erinnerung an die Opfer des Holocaust wach zu halten.

Stätte der inneren Einkehr

An Terminals können Besucher in dieser Datenbank recherchieren. Die Begegnung mit diesen Zeugnissen der Opfer verfehlt ihre Wirkung nicht, durch den Ort der Information wird das Denkmal für die ermordeten Juden Europas wirklich zu einer Stätte der inneren Einkehr.

Wobei die unterirdischen Ausstellungsräume auf erstaunliche Weise mit dem über ihnen liegenden Stelenfeld Peter Eisenmans korrespondieren. Mal nämlich wird das oberirdische Raster mit Auslassungen in der Decke zitiert, mal setzen sich die Betonklötze als unterirdische Pfeiler fort, mal spiegelt sich das Deckenraster als helle Ausstellungsfläche auf dem Boden wieder.

"Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben", mahnt im Entree des Ortes der Information ein Zitat des italienischen Literaten und Auschwitz-Überlebenden Primo Levi. Mit Hinweisen auf die vielen anderen Orte der Erinnerung im In- und Ausland entlässt die Ausstellung ihre Besucher, schickt sie raus in Peter Eisenmans wogendes Stelenfeld.

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