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Europa

Ein lukratives Geschäft: Schleuser setzen auf Frachter

Schrottreife Frachtschiffe, voll beladen mit Hunderten Flüchtlingen: Die Menschenschmuggler im Mittelmeer setzen offenbar auf eine neue Taktik. Ist die EU-Flüchtlingspolitik schuld?

Die 360 Flüchtlinge der "Ezadeen" sind in Sicherheit. Auf mehrere Unterkünfte in Süditalien haben die Behörden die Syrier verteilt, die am Donnerstagabend von der italienischen Küstenwache auf einem führungslosen Frachter gut 150 Kilometer vor der Küstenstadt Crotone entdeckt wurden. Nachdem nun bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage Menschenschmuggler Hunderte Flüchtlinge auf einem betagten Schiff ihrem Schicksal überlassen haben, zeigt sich die Europäische Union alarmiert über eine neue Entwicklung.

"Zynische Politik"

Karl Kopp - Foto: Pro Asyl Deutschland

Flüchtlingsschützer Kopp: "Schleuser-Industrie geht neuen Weg"

Ganz offensichtlich setzen die Schlepper mit den schrottreifen Frachtern auf eine neue Taktik. "Es ist eine Reaktion auf die Tatsache, dass Europa die Operation 'Mare Nostrum' von Italien nicht fortführt. Jetzt geht die Schleuser-Industrie einen neuen Weg", klagt Karl Kopp, der Europa-Referent der Menschenrechtsorganisation "Pro Asyl", im DW-Interview.

"Mare Nostrum" ist der Name für eine Seenotrettungsoperation, die Italien initiiert hat - als Reaktion auf den Tod von mehr als 400 Flüchtlingen vor der italienischen Insel Lampedusa im Oktober 2013. Die Operation läuft in diesen Wochen aber langsam aus, weil die Regierung in Rom die Kosten von neun Millionen Euro monatlich nicht dauerhaft schultern will. Einen Teil der Aufgaben übernimmt seit dem Herbst eine EU-Mission mit dem Namen "Triton". Sieben Schiffe, vier Küstenwacht-Flugzeuge und ein Hubschrauber stehen der europäischen Grenzschutzagentur Frontex dafür zur Verfügung.

Ankunft der Migranten in Italien auf dem Frachter Blue Sky M (31.12.2014) - Foto: Nunzio Giove (AFP)

Vollgestopft mit Flüchtlingen: 768 Menschen rettete die Marine vom Frachter "Blue Sky M" Ende Dezember

Doch anders als "Mare Nostrum" kann "Triton" nur an den EU-Küsten aktiv werden - und nicht direkt vor Nordafrika. Das langsame Ende von "Mare Nostrum" dürfte also die Gefahren der Überfahrt für die Flüchtlinge noch erhöhen. "Man hat bewusst die Seenotrettungskapazitäten zurückgefahren, nimmt das Sterben in Kauf und bejammert dann die neuen Strategien der Menschenschmuggler. Das ist zynisch", kommentiert Pro-Asyl-Sprecher Kopp diese Entwicklung.

Witterung als wichtigster Grund?

Der Einsatz von Frachtschiffen könnte eine Reaktion auf diese politische Entwicklung sein. Die Frachter haben aber auch andere Vorteile: Durch ihre Größe sind sie im Gegensatz zu betagten Fischer- oder einfachen Schlauchbooten auch bei rauem Winterwetter einsetzbar - und sie können deutlich größere Distanzen überbrücken.

Frontex sieht denn auch die Witterung als zentralen Grund für den Trend, den Experten der EU-Grenzschutzagentur bereits seit einem Vierteljahr beobachten. "Das liegt nicht am Ende von 'Mare Nostrum', sondern vermutlich vor allem an der Witterung", sagte der geschäftsführende Direktor von Frontex, Gil Arias Fernández, der Süddeutschen Zeitung.

Zudem dürften Schleuser mit der Verwendung der Frachter auch auf den seit Monaten eskalierenden Bürgerkrieg in Libyen reagieren. Die von dort ausgehende, besonders kurze "Zentrale Mittelmeerroute" nach Lampedusa wird dadurch für die Schleuser immer gefährlicher. Sie weichen deshalb auf weiter von der EU entfernte Häfen aus. Nach Frontex-Angaben haben zuletzt Flüchtlingsschiffe vor allem aus türkischen Häfen abgelegt.

Bis zu 8000 Dollar für die Überfahrt

Der Wechsel von hochseeuntüchtigen Schlauchbooten zu Frachtschiffen hat auch Auswirkungen auf die Organisation der Flucht. Gaben die Schlepper den Flüchtlingen bisher lediglich ein Satellitentelefon mit auf den Weg und ließen sie die gefährliche Überfahrt ansonsten alleine antreten, hat sich das Vorgehen nun geändert. Um ein Frachtschiff auf den Kurs zu bringen, ist eine professionelle Crew nötig. Diese Mannschaft bleibt die ersten Tage mit an Bord, stellt die Steuerung irgendwann auf Autopilot um, und verschwindet. Im Falle der "Ezadeen", so berichtete der Präfekt des süditalienischen Cosenza, Gianfranco Tomao, hätten die Besatzungsmitglieder stets das Gesicht verhüllt.

Dass diese Form der Schleusung die Überfahrt nicht nur deutlich teurer macht – bis zu 8000 Dollar haben die Flüchtlinge der "Ezadeen" nach Auskunft der Behörden bezahlt - , sondern auch sicherer, ist nicht zwangsläufig der Fall. In einer dramatischen Aktion rettete die italienische Küstenwache fast 800 Flüchtlinge von dem Frachter "Blue Sky M". Der Kurs war bei noch laufenden Maschinen so eingestellt, dass das Schiff direkt auf die Felsen der Küste zusteuerte.

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