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Musik

Ein Lied überstrahlt die ESC-Gigantomanie

Die ukrainische Sängerin Jamala siegt im größten Gesangswettbewerb der Welt. Nachdem die Jury Australien mit großem Abstand zum Gewinner erklärt hat, hatte das Publikum eine andere Meinung. Eine Analyse von Silke Wünsch.

Das neue Abstimmungsverfahren machte die Auszählung besonders spannend. Am Ende war es knapp - die Ukraine überrundete auf den letzten Metern Australien. Russland, das nach der Jurywertung im Mittelfeld stand, sprang auf Platz drei. Deutschlands Beitrag landete auf dem letzten Platz.

26 Länder traten an diesem Finalabend des Eurovision Song Contest in Stockholm gegeneinander an. Alles fand auf einer gigantomanischen Bühne statt, mit modernsten und teuersten Lichteffekten perfekt inszeniert - bis hin zum Auftritt des US-amerikanischen Superstars Justin Timberlake. Wieder mal eine Show der Superlative: jedes Jahr höher, schneller, weiter.

200 Millionen Fernsehzuschauer hat der ESC weltweit. Der Wettbewerb, der außerhalb der ESC-Communitiy mitleidig belächelt wird, bringt Fans aus den unterschiedlichsten Ländern zusammen. Alle feiern, schwenken fröhlich ihre Fähnchen und pfeifen niemanden aus. Beim Public Viewing versammeln sich Zehntausende in großen Hallen, Partystimmung überall, auch zu Hause bei Grill und Bier.

ESC - eine politikfreie Zone?

Politische Botschaften gehören nicht zum ESC, das betonen die Veranstalter Jahr für Jahr gebetsmühlenartig. Die Regenbogenflagge, das Wahrzeichen der Schwulen- und Lesbenbewegung, die ist erlaubt. Die Fahne von Berg-Karabach in die Kamera zu halten, geht gar nicht. So wird es auch mit den Liedern gehalten.

Wenn Nicole mit weißer Gitarre “Ein bisschen Frieden“ trällert, ist das in Ordnung, aber Vorsicht bei einem Song, der irgendwie mit der aktuellen politischen Situation auf der Krim in Verbindung gebracht werden kann. Das Siegerlied "1944" war im Vorfeld umstritten, weil der Verdacht bestand, Jamala wolle mit ihrem Lied über die Vertreibung der Krimtartaren während des Zweiten Weltkriegs eine aktuelle politische Botschaft verbreiten. Das konnte die ukrainische Delegation aus dem Weg räumen.

Der Sängerin ging es darum, in ihrem sehr persönlichen Song an ihre Großeltern zu erinnern, die den Terror Stalins auf der Krim miterleben mussten. So gesehen gab es keinen Grund mehr zur Beanstandung. Nach Verkündung des Endergebnisses erklärte Jamala, dass ihr Lied ein Song über Frieden und Liebe sei. Und wünschte sich, dass es den Anlass für solch ein Lied gar nicht erst gegeben hätte.

Eurovision Song Contest: Barbara Schöneberger moderierte das Public Viewing in Hamburg. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Barbara Schöneberger moderierte das Public Viewing in Hamburg

Musikalität hat gesiegt

Jamalas Stimme ist sehr eigen. Kräftig, sicher. Das sparsame Arrangement hat ihrer Stimme Raum gegeben, einen Raum, der vielen ihrer Mitstreiterinnen auch gut getan hätte. Die hatten die undankbare Aufgabe, ihre aussagefreien Songs nach dem immer gleichen Muster vorzutragen: Schreiende Frauen standen alleine mit wehenden weißen Kleidern auf der Bühne - im ewigen Strom der Windmaschine - und sangen lauthals, in ein und derselben Tonlage. Oft trafen sie den Ton überhaupt nicht.

Andere Songs waren einfach zu flach. Die mit Abstand beste Sängerin des Abends war Dami In, die für Australien antrat. Die deutsche Kandidatin Jamie Lee trug ihren Song ohne große Gesten und perfekt inszeniert vor - und landete trotzdem wieder nur auf dem letzten Platz. Der Song war schwach. Jamie Lee hätte was Besseres verdient gehabt, das stimmliche Potenzial hat sie.

Bei den Männern stach der russische Kandidat Sergey Lazarov mit einer exorbitanten Bühnenshow hervor. Die besten Videofilmer, das beste Equipment, die teuersten Programmierer hat man aufgebracht, um eine wirklich sensationelle Show zu präsentieren. Man hätte ruhig etwas mehr Geld für die Songschreiber ausgeben können, das Lied selber ist nämlich schwach. Ansonsten sah man bei den Männern viele weiße T-Shirts, Lederjacken, Jeans. Sehr angenehm zwischen dem Glamour und Glitzer der weiblichen Konkurrenten.

Wie soll das weitergehen?

In Deutschland werden nun wieder die üblichen Fragen aufgeworfen, die nach einem so schlechten Abschneiden schon zur Routine geworden sind. Wen soll man denn noch zum ESC schicken? Eine professionelle Sängerin wie Anne Sophie brachte Deutschland gar keinen Punkt, die kleine Manga-Lady mit dem Riesentalent wurde für 11 Punkte verheizt. Multikulti mit Elaiza klappte 2014 auch nicht wirklich - Platz 18. Im Jahr davor Platz 21 mit Discopop. Sicher runzeln sämtliche Verantwortliche jetzt schon sorgenvoll die Stirn, und vielleicht werden in den Etagen des Senders, der die deutsche Teilnahme organisiert, wieder Köpfe rollen.

Eurovision Song Contest 2016. Sängerin für Armenien. Foto: Britta Pedersen/dpa

Konfektionierte Pose: die armenische Sängerin Iveta Muckuchyan bei ihrem Bühnenauftritt

Für den ESC stellen sich ganz andere Fragen: Wie weit soll es noch gehen? Wie gigantisch soll diese Veranstaltung denn noch werden? Mit der Teilnahme Australiens (und dessen sensationellem 2. Platz) hat man sich den südostasiatischen Raum schon gesichert, möglicherweise kommt bald das eine oder andere asiatische Land dazu. In China wurde der ESC zum ersten Mal übertragen. Eine Gelddruckmaschine.

Dabei soll es doch eigentlich um Musik gehen, um ein Lied, das grenzübergreifend weltweit gefeiert wird, das die Sprache vieler Menschen rund um den Erdball spricht. Der ESC braucht dringend wieder mehr Ausreißer wie extrem dicke Frauen, bärtige Drag-Queens, Monsterrocker, tanzende Omis. Gute SängerInnen, weniger Wind, Laser und Pyrotechnik. Und mutige Komponisten, bodenständige Künstler mit Ecken und Kanten. Der Song muss wieder im Vordergrund stehen. Und vielleicht bietet sich bei der 2017er Show in der Ukraine die Gelegenheit dazu. Jamala hat mit ihrer Stimme und dem eindringlichen Lied einen Anfang gemacht.

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