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Asien

Ein Leben im Dienst der Menschenrechte

Seit Jahrzehnten kämpft Basil Fernando in Asien für die, die sich allein nicht wehren können. Für sein Engagement bekommt er den Alternativen Nobelpreis. Fälle für den Menschenrechtsanwalt aus Sri Lanka gibt es genug.

340 Tage Hungerstreik hat Nanda Prasad Adhikari hinter sich, als er im September 2014 stirbt. Fast ein Jahr lang haben er und seine Frau die Nahrungsaufnahme verweigert. Ein verzweifelter Versuch, die Regierung seines Heimatlandes Nepal dazu zu bringen, den Tod des mutmaßlich von Maoisten umgebrachten Sohnes aufzuklären. Ohne Erfolg. "Erst, als der Vater schon nicht mehr am Leben war, lenkte die Regierung ein und versprach, der Sache nachzugehen", sagt Basil Fernando, der langjährige Leiter der Asiatischen Menschenrechtskommission.

Aktivisten aus Myanmar fordern bei einer Demonstration in Indien im Jahr 2007 die Freilassung eines Journalisten nach fast 20 Jahren Haft (Foto: picture-alliance/dpa)

In 12 Ländern ist die AHRC aktiv: zum Beispiel in Myanmar, Pakistan, Nepal und Thailand

Der Fall aus Nepal ging tragisch aus. Aber er belegt auch die unbedingte Bereitschaft, Gerechtigkeit einzufordern, so Fernando gegenüber der Deutschen Welle. "Eine derartige Entschlossenheit beobachten wir überall in Asien unter ganz normalen Menschen. Menschen, die sich nicht mit einem "Nein" abspeisen lassen wollen. Das ist eine Inspiration." In den meisten asiatischen Ländern sei das Rechtssystem mangelhaft, es erlaube beispielsweise Beamten, eigenmächtig Gesetze zu ignorieren und die Rechte der Menschen zu unterdrücken. "Aber dagegen begehren die Leute auf. In vielen Staaten ist mittlerweile ein solcher Prozess zu beobachten, die Forderungen nach Veränderung im System sind sehr laut."

Eine Kommission für zwölf Länder

Dass das so ist, ist nicht zuletzt auch der Arbeit der Asiatischen Menschenrechtskommission (Asian Human Rights Commission, AHRC) zu verdanken. Seit 1993 gibt es die Organisation, an deren Spitze Basil Fernando lange Jahre stand. 2010 trat er von seinem Posten zurück, tätig für die Kommission ist er aber bis heute. Für sein jahrzehntelanges Engagement für Schwächere wird er am Montag (01.12.) mit dem diesjährigen Alternativen Nobelpreises, dem sogenannten "Right Livelihood Award", ausgezeichnet. Die AHRC ist in zwölf asiatischen Ländern aktiv, beispielsweise in Bangladesch, Kambodscha, Indien, China, Südkorea und Indonesien. Mit Hilfe von Trainingsprogrammen und Weiterbildungsmaßnahmen wurden in dieser Zeit zahllose Juristen und Aktivisten geschult.

Ein kleiner Junge vor einem Gitter in seinem Flüchtlingslager im sri lankischen Jaffna (Foto: AP)

Unerwünscht im eigenen Land: Ein tamilischer Binnenflüchtling in einem Lager in Jaffna – mehr als ein Vierteljahrhundert dauerte der Bürgerkrieg in Sri Lanka an

Daneben wendet sich die Kommission im Fall von bekannten Menschenrechtsverstößen auch direkt an Regierungen, verfasst sogenannte "Urgent Appeals" und versucht, auf diesem Weg Druck auf die Entscheider auszuüben. Einen neuen Ansatz im Umgang mit Menschenrechtsverstößen zu etablieren und das Thema überhaupt erst als zentrales Anliegen ins Bewusstsein zu rufen – das sind für Basil Fernando die größten bisherigen Errungenschaften der AHRC. Dabei verfolgt die Organisation eine zweigleisige Strategie. "Viele Justizsysteme stellen die Rechte des Einzelnen hinten an und beschützen stattdessen vielmehr die Interessen der politisch Mächtigen. Deshalb versuchen wir zwar auf der einen Seite, den Opfern zu helfen. Daneben geht es uns aber auch darum, Kampagnen zu organisieren und die Öffentlichkeit aufzurütteln." So soll Druck auf die Mächtigen erzeugt werden.

Selbst politisch verfolgt

Die zur Faust geballte Hand einer pakistanischen Frau in Ketten (Foto: dpa)

Mehrere tausend Fälle hat die Asiatische Menschenrechtskommission in den vergangenen zwei Jahrzehnten übernommen

Basil Fernando hat am eigenen Leib erfahren müssen, was es bedeutet, der Willkür eines Systems ausgeliefert zu sein. In seiner Heimat Sri Lanka (bis 1972 Ceylon), wo er nach dem Jurastudium zunächst als Englischlehrer arbeitete, wurde 1978 eine neue Verfassung verabschiedet, wonach der Präsident praktisch die absolute Macht innehatte, berichtet er. "In den Jahren darauf verfolgte die Regierung eine Strategie, die darauf abzielte, Oppositionelle brutal zu bekämpfen und umzubringen. Viele unschuldige Menschen wurden getötet." Die Situation im Land sei sehr angespannt und instabil gewesen. Und: Es existierten sogenannte Todeslisten, vor denen niemand sicher ist. Jeder kann praktisch jeden anschwärzen. 1989 taucht auch der Name Basil Fernando auf einer solchen Liste auf. "Die Listen wurden an die Geheimdienste weitergegeben, die dann dafür gesorgt haben, dass die beschuldigten Menschen von der Bildfläche verschwanden. Es war gut organisiert." Glücklicherweise bekommt er Wind davon, dass auch er zu den Gesuchten zählt. "Also bin ich geflohen. Wäre ich ein paar Tage länger geblieben, hätte das mein Tod sein können."

Stattdessen wird es ein Neubeginn. Um sein Leben zu retten, geht Basil Fernando zunächst nach Hongkong, wo er für die Vereinten Nationen als Berater für vietnamesische Flüchtlinge arbeitet. Dann geht es weiter nach Kambodscha, ebenfalls im Auftrag der UN. 1994 schließlich übernimmt er die Leitung der neu gegründeten AHRC mit Sitz in Hongkong.

Ein unvergessener Fall

Mehrere tausend Fälle hat die Asiatische Menschenrechtskommission in ihrer gut 20-jährigen Geschichte behandelt: tausende Schicksale, tausende Gesichter, tausende Geschichten. Die von Rizana Nafeek hat Basil Fernando besonders berührt. Acht Jahre setzt er sich für die junge Frau aus seiner Heimat Sri Lanka ein, kämpft gegen ihre drohende Hinrichtung in Saudi-Arabien. Als sie 2005 ins Land einreist, um als Hausmädchen zu arbeiten, ist sie vermutlich erst 17 Jahre alt. Neben der Hausarbeit muss sie sich auch um das Baby der Arbeitgeber kümmern. Eines Tages, als sie dem Säugling ein Fläschchen gibt, fängt das Kind an, sich zu übergeben, stirbt kurz darauf. "Internationale Untersuchungen haben später ergeben, dass keine Gewaltanwendung vorlag und dass der Tod wahrscheinlich innere Ursachen hatte." Die betroffene Familie allerdings sieht die Schuld beim Hausmädchen - und bekommt vor Gericht Recht.

Zeitungsstand in Sri Lanka mit der Schlagzeile vom 13. Januar 2013: Rizana geköpft (Foto: Ishara S.KODIKARA/AFP/Getty Images)

Am Ende war der Kampf der Menschenrechtler nicht erfolgreich: Anfang 2013 wurde das Dienstmädchen Rizana in Saudi-Arabien geköpft

Mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen Basil Fernando und seine Mitarbeiter, die Vollstreckung des Todesurteils abzuwenden: Sie appellieren an die Regierung Sri Lankas, sich für Rizana einzusetzen, treten in Kontakt zur Opfer-Familie, um diese dazu zu bewegen, die Anklage gegen Geld fallen zu lassen. Und: Sie treiben innerhalb weniger Wochen 40.000 US-Dollar an Spendengeldern ein, um dem Mädchen einen Anwalt zur Seite stellen zu können. Die englische Königin Elizabeth schreibt einen Brief an die saudische Regierung und bittet um Begnadigung, ebenso wie das Europäische Parlament. Am Ende aber sind alle Versuche vergeblich: Anfang 2013 erfahren ihre Unterstützer, dass Rizana hingerichtet wurde. "Bis heute macht uns die Tatsache, dass wir ihr Leben nicht retten konnten, sehr traurig", sagt Basil Fernando. "Trotzdem hat gerade dieser Fall besonders deutlich gezeigt, über wie viel Motivationspotenzial Menschenrechtsorganisationen verfügen und welche Unterstützung sie zusammentrommeln können."

Die Unterstützung von Menschen aus der ganzen Welt sei überwältigend gewesen, erinnert sich Fernando. Das, so sagt er, macht Mut.

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