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Deutschland-Alumni

Ein Leben für die Klassik

Seine Vorfahren stammen aus dem Land der Dichter und Denker, und auch der Musikwissenschaftler William Kinderman fühlt sich Deutschland sehr verbunden. Ohne Beethovens Werk würde der Welt etwas fehlen, ist er überzeugt.

Wenn William Kinderman Original-Handschriften und Notenblätter untersucht, erfasst ihn jedes Mal Ehrfurcht. "Es ist fast so, als ob ich dabei gewesen sei, als Beethoven die Noten zu Papier brachte." Der Professor aus Illinois lebt für die Musik. Dreh- und Angelpunkt seiner Forschung ist der künstlerische Schaffensprozess des großen Komponisten Ludwig van Beethoven. So hat sich der mittlerweile 61-Jährige bereits in seiner Dissertation mit der Entstehung von Beethovens Diabelli-Variationen beschäftigt. "Ohne ein Stipendium des

DAAD

und später der

Humboldt-Stiftung

wäre es mir so nicht möglich gewesen, die Originalquellen in Bonn und Berlin zu untersuchen", sagt er.

Heute gilt William Kinderman weltweit als einer der renommiertesten Beethoven-Forscher. Zuhause in den USA unterrichtet er an der

University of Illinois in Urbana-Champaign

und arbeitet als Redaktionsleiter des "Beethoven Sketchbook Project", das sich mit den rund 8000 handschriftlichen Notizseiten des Maestros beschäftigt. Gleichzeitig widmet sich Kinderman mit Leidenschaft seinem Klavierspiel und gibt Konzerte rund um den Globus – am liebsten natürlich mit Werken von Beethoven. So eine zweigleisige Karriere ist in Universitätskreisen eher ungewöhnlich, was der Professor schade findet. "Natürlich braucht Musikwissenschaft Theorie, aber sie braucht auch Ästhetik und Praxis. Leider hat das heutzutage oft wenig miteinander zu tun."

Kampf mit dem Pianino

Audio anhören 01:44

William Kinderman über seinen ersten Besuch im Beethovenhaus

Während seiner Kindheit in Philadelphia sah es zunächst gar nicht danach aus, dass William einmal eine Musiklaufbahn einschlagen würde. "Außer meinem großen Bruder war meine Familie überhaupt nicht musikalisch orientiert", erzählt er. "Als er starb, fand ich in seinem Zimmer eine Partitur von Beethoven, genauer gesagt handelte es sich um die Sonate Pathetique Op. 13." Der damals 9-jährige William kämpfte sich auf dem Pianino im Haus durch die unbekannte Welt der Noten. "Das war mein erster Kontakt zu Beethoven, und es war der Beginn einer großen Leidenschaft."

Musik statt Chemie

Trotzdem widmete sich Kinderman im Studium zunächst den Naturwissenschaften und stürzte sich vor allem auf die Chemie. "Erst später habe ich mich dann mit Musik, Klavier und Philosophie beschäftigt", erzählt er. Dafür aber umso gründlicher. Kinderman studierte an der

Universität of California in Berkeley

und in Connecticut an der

Yale University in New Haven

sowie in den 70er Jahren an der Universität und der Musikhochschule in Wien. Dort hat er auch gelernt, Deutsch zu sprechen - und das ganz hervorragend. Vielleicht liege ihm das ja in den Genen, lacht er, schließlich seien seine Großeltern väterlicherseits vor 100 Jahren aus Norddeutschland nach Amerika ausgewandert, und ihn zöge es jetzt wieder in die Heimat seiner Vorfahren zurück. "Dieser Hang ist übrigens ansteckend. Sowohl meine Kinder aus erster als auch aus zweiter Ehe haben mit mir viel Zeit in Deutschland verbracht und lieben dieses Land."

Auf den Spuren Beethovens

Audio anhören 02:38

William Kinderman spielt Beethoven

Zum ersten Mal kam Kinderman 1979 auf den Spuren Beethovens mit einem

DAAD-Stipendium

nach Bonn und tauchte dort in das Archiv im

Geburtshaus

seines Idols ein. "Es war faszinierend und ein großartiges Gefühl", erinnert er sich. Nach der Wende lehrte der mittlerweile gestandene Professor in Berlin an der Hochschule der Künste und schließlich in den letzten Jahren als

DAAD

-Gastdozent und als Preisträger der Humboldt-Stiftung an der

Ludwig-Maximilians-Universität

in München. "Das kulturelle Erbe, also die Geschichte der Musik, verbindet mich aufs Engste mit Deutschland. Neben Beethovens Werk habe ich auch Bach, Mozart Mahler oder Wagner erforscht."

Fachsimpeln unter Humboldtianern

Regelmäßig kommt der Professor zu Humboldt-Tagungen in das beschauliche Städtchen Bonn. Und dann überrascht er seine fachfremden Kollegen mit ganz neuen Einblicken in die Musikwissenschaft. Einem Auditorium voller Physiker führte er so zum Beispiel die Parallelen zwischen Beethovens Musik und der Forschung des Dänen Niels Bohr, der die Struktur des Atoms untersucht hat, vor Augen: "Bohr hat entdeckt, dass das Licht nicht nur aus kleinen Partikeln, sondern auch aus Spannung besteht, und das finde ich besonders beim späten Beethoven auch prägend. Der künstlerische Inhalt besteht nicht nur aus den Noten, sondern auch aus der Spannung mit vielen Trillern."

Musiknotizen von William Kinderman Foto: dw/ Suzanne Cords

Kindermansche Notizen: Parallelen zwischen der Musik und der Physik

Und damit sein Publikum von Naturwissenschaftlern diese Erklärung auch versteht, hat er das in Formeln zu Papier gebracht. Da zeigt es sich, dass sein früheres Chemie-Studium auch der Musik dient. Es sei immer wieder spannend, mit andern Humboldtianern zu fachsimpeln, meint er.

Lobende Worte

Für seine Auslandsaufenthalte findet William Kinderman nur lobende Worte. "Ich bin sehr dankbar für die schönen Erfahrungen, die ich hier sammeln durfte und kann Studierenden aus aller Welt nur wärmstens empfehlen, sich ebenfalls um ein Stipendium zu bewerben. Das erweitert den Horizont."

So oft war der US-Amerikaner mittlerweile in Deutschland, dass er sich schon als ausgewiesener Kenner des Landes sieht. Wenn er eines Tages in Rente geht, könnte er sich sogar vorstellen, auf Dauer hier zu leben. "Ich habe sehr viele Freunde, und ich schätze vor allem den derben Humor der Rheinländer. So ähnlich muss auch der Mensch Beethoven gewesen sein", meint er. Wenn dann noch die Spezialitäten der Region, nämlich Sauerbraten vom Pferd und ein Glas Kölsch, auf den Tisch kommen, ist William Kindermans Glück perfekt.

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