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Wirtschaft

Ein Leben auf dem Wasser

95 Prozent aller Unternehmen in Deutschland sind Familienbetriebe. Immer mehr haben Probleme mit der Nachfolge. Nicht so Familie Schmitz, die in vierter Generation Schiffe zwischen Köln und Bonn auf dem Rhein betreibt.

Die Rheinnixe, Bonns einzige Personenfähre vom rechtsrheinischen Beuel nach Bonn (Foto: Sophie Wenkel)

Die Rheinnixe, Bonns einzige Fähre von Beuel nach Bonn

Dreieinhalb Minuten. So lange dauert eine Fahrt über den Rhein mit der MS Rheinnixe, Bonns einziger Personenfähre vom rechtsrheinischen Beuel nach Bonn. Am Steuer: Günter Schmitz, Fährmann in dritter Generation. Seit über 80 Jahren ist Familie Schmitz in der Schifffahrt. Heute besitzt sie insgesamt neun Schiffe.

Draußen am Steg herrscht bereits reger Betrieb. Herrliches Wetter, ein laues Lüftchen. Eine ältere Frau tätschelt einem wartenden Jungen den Kopf. "Und jetzt darfst du", sagt sie. Der Junge rennt los, den Steg hinunter und an Bord. Dort bildet sich eine kleine Schlange vor der Kasse. Fährmann Schmitz stanzt Löcher in die Fahrkarten. Meist sind es Zehnertickets für 5,80 Euro - weitaus günstiger als Bus und Bahn. Die fahren nur 500 Meter nördlich über die Rheinbrücke. Trotzdem - die kleine Fähre ist Kult. Sogar eine Facebook-Fanseite gibt es für die Rheinnixe. Generationen von Bonnern sind schon als Kinder mitgefahren und gehen noch immer gern an Bord.

Heiraten auf dem Schiff

Die Rheinnixe vor der Bonner Kennedy-Brücke (Foto: Sophie Wenkel)

Rheinnixe hat eine eigene Facebook-Fanseite

Herr Schmitz ist da weniger sentimental. "Man bekommt kaum die Betriebskosten wieder rein. Mit einem Schiff allein können Sie heute nicht mehr viel anfangen" raunt er, nachdem das letzte Loch in die letzte Fahrkarte geknipst ist. 1200 Euro kostet der monatliche Unterhalt des Schiffes, eine Fahrt damit nur einen Euro. Ideen müssen her. Und die hat Familie Schmitz: Was mit einem einzigen Boot für maximal 20 Fahrgäste begann, hat sich zu einem kleinen Schifffahrts-Imperium mit Ausflugsdampfern und Kabinenschiffen für bis zu 600 Passagiere entwickelt. Familienfeste, Betriebsausflüge, Dinner- und Tanzparties finden auf den Schiffen der Familie Schmitz statt - seit Neuestem sogar Trauungen.

Die Rheinnixe ist geblieben. Überall an Bord finden sich Relikte vergangener Zeiten: alte Fahrpläne, verwitterte Rettungsringe, Familienfotos. Fährmann Schmitz wechselt jetzt von der Kasse an das Steuer. Schon als Zehnjähriger hat er hier gestanden, als sein Vater, der Schiffsbauer Joseph Schmitz, noch die Kapitänsmütze trug.

96 Fahrten bis zum Feierabend

Günter Schmitz am Steuer der Fähre (Foto: Sophie Wenkel)

Günter Schmitz, Bonner Fährmann in dritter Generation

Die Tür schließt sich, der Schiffsmotor heult auf. Abfahrt. Leinen los gibt's nicht mehr - starke Magneten halten das Schiff und lassen es auf Knopfdruck los. An Deck hängen die Kinder über der Reling, das Siebengebirge hinter der nächsten Rheinbiegung wird eifrig fotografiert. Zwei Joggerinnen genießen ihre kurze Verschnaufpause in der Sonne, schließen die Augen, lassen sich den Wind um die Nase wehen.

Achtmal in der Stunde überquert Günter Schmitz mit der Rheinnixe den Fluss, 96 Fahrten bis zum Feierabend. Eine Pause gibt es nicht, Freizeit Fehlanzeige. Herrn Schmitz stört das nicht, er kennt es nicht anders. 1929 pachtet sein Vater das Wegerecht für die Fähre zwischen Bonn und dem rechtsrheinischen Beuel. Das Geschäft floriert, im Krieg wird die Rheinbrücke zerstört, das beschert der Familie Kundschaft. Die folgenden Jahrzehnte gestalten sich schwieriger. Bus, Bahn und Autobahnbrücken kommen, Fahrgäste bleiben weg. 1980 erben Günter Schmitz und sein Bruder mit der Rheinnixe ein sinkendes Schiff. Also arbeiten sie mit dem Fremdenverkehrsamt der Stadt zusammen, gründen die "Bonner Personen Schiffahrt". Seine Frau arbeitet dort im Büro, ist aber ebenso ausgebildete Binnenschifferin. "Wir sind 30 Nautiker in der Familie", sagt Fährmann Schmitz, nicht ohne Stolz.

Auf der Fähre aufgewachsen

Panorama der Beueler Rheinseite. (Foto: Presseamt Bundesstadt Bonn)

Die Schmitzens haben inzwischen eine kleine Flotte

Auch seine Kinder sind an Bord der Fähre aufgewachsen. Im Kinderwagen an Deck wurden sie über den Rhein geschaukelt. Dieter und Angelika Schmitz besitzen längst eigene Schiffe, die Rheinnixe werden sie übernehmen. Ihre eigenen Kinder, die fünfte Generation der Schmitzens, wächst bereits heran.

Vor kurzem ist Günter Schmitz 71 geworden, am Steuer fühlt er sich noch immer am wohlsten. Jetzt nähert er sich dem anderen Ufer, sein Blick wird konzentrierter. Prüfend schaut er aus seiner Kabine, die rechte Hand am Steuer, das er kaum merklich bewegt, abrupt stoppt, dann wieder weiterdreht. Feintuning mit einer Handbreit Wasser unterm Kiel. Der erlösende dumpfe Knall kommt plötzlich, die Fähre dockt an, steht still. Die Passagiere drängen von Bord, der Tag ist schön, die Promenade wartet. Fährmann Schmitz bleibt zurück, gibt seinen Gästen ein "Auf Wiedersehen!" mit auf den Weg. 15 Minuten bis zur nächsten Fahrt. Ein Leben auf dem Wasser.

Autorin: Sophie Wenkel

Redaktion: Henrik Böhme