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Afro.Deutschland

Ein Leben als Schwarzer in Deutschland - noch immer ein Kampf

Ein Ausschnitt aus dem DW-Dokumentarfilm "Afro.Deutschland" bewegte die User ganz besonders. Tausendfach wurde er geklickt und kommentiert: Theodor Wonja Michaels Erzählung über "Völkerschauen".

"Ich bin Afrikaner, aber ich wusste nicht, dass Kamerun und Togo deutsche Kolonien waren", schreibt ein User als Reaktion auf einen Online Videoclip über das Leben von Theodor Wonja Michael, einem der ältesten deutschen Zeitzeugen.

Der Clip zeigt einen Ausschnitt aus der DW-Produktion "Afro.Deutschland", die sich mit den verschiedenen Erfahrungen von in Deutschland lebenden Schwarzen befasst und die historische Amnesie zur deutschen kolonialen Vergangenheit hinterfragt.

Im Videoclip erzählt Michael, geboren 1925 in Berlin, von seiner Kindheit als Schwarzer in Deutschland und davon, dass er als kleiner Junge oft gezwungen wurde, in sogenannten "Völkerschauen" aufzutreten. Er überlebte die Nazizeit und wurde später Autor und Schauspieler.

Michael ist heute stolz auf die großen Errungenschaften der Schwarzen Community in Deutschland. Er beklagt aber, noch immer werde sein Deutschsein hinterfragt von Menschen, die Deutschland als eine Nation blonder und blauäugiger weißer Menschen begreifen. Der 92-Jährige ist dieser Sichtweise überdrüssig und hofft auf weitere positive Veränderungen in Deutschland.

Großes Echo in den Sozialen Medien

Offenbar hat seine Geschichte weltweit einen Nerv getroffen: Auf den DW Social-Media-Plattformen wurde das Video mehr als 2,3 Millionen Mal angeklickt und mehr als 1.100 Mal kommentiert. Der Clip löste unzählige Diskussionen auf Facebook und Co. aus und spiegelte den Kampf wider, den schwarze Communities weltweit an diversen Fronten führen. 

Auf eine Aussage aus dem Video reagierten User, von denen sich die meisten als Afroamerikaner bezeichneten, besonders positiv: "Ich bin schwarz und würde es für nichts in der Welt ändern."

Rassismus setzt bei Eigenschaften an, die der Betroffene nicht beeinflussen kann, und  qualifiziert diese als minderwertig ab. Wenn sich der angebliche Grund für die Minderwertigkeit auf biologische Unterschiede bezieht, kann die Erfahrung der Andersartigkeit besonders erniedrigend und entmachtend sein.

Vom Trauma zum Stolz

Als Kind wurde Theodor Wonja Michael in "Völkerschauen" vorgeführt, in denen die Besucher sein Haar berührten und seinen Arm rieben, um zu sehen, ob die Farbe denn nicht abgehe. Er wurde wie ein Tier ausgestellt - und außerdem gedemütigt: Die Besucher, die ihn inspizierten, fanden seine Menschlichkeit unnatürlich. Die Erinnerung daran schmerzt ihn noch heute. Umso mehr würdigen viele Leute, dass er stolz auf seine Hautfarbe ist, die ihm so viele Traumata bescherte.

Das Vermächtnis der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und der Stolz darauf, schwarz zu sein, lebt heute als "Black Identity" weiter: Dazu gehören Beyonces Hommage an die Black Panther Bewegung beim Super-Bowl  ebenso wie der virtuellen Applaus für Michaels Worte.

Die "Black Pride"-Bewegung in Amerika war eine Reaktion auf die Vormachtstellung der Weißen und ihrer Kultur. Sie brachte schwarze Amerikaner dazu, sich aus der ihnen historisch auferlegten angeblichen Unterlegenheit zu befreien und stolz auf ihr afrikanisches Erbe zu sein. Kleidung aus Kente, einem früher Königen in Ghana und an der Elfenbeinküste vorbehaltener edler Stoff, und natürliche Frisuren wurden damals zum Symbol der "Black Pride"-Bewegung.

Die Eltern von Theodor Wonja Michael (Familie Michael)

Die Eltern von Theodor Wonja Michael

Der Stolz darauf, schwarz zu sein, kann allerdings ungewollt eine Vorstellung von schwarzer Authentizität fördern, die nicht alle teilen: Denn wenn die Die "Black Pride"-Bewegung ihr Bild eines Schwarzen propagiert, sehen andere Schwarze das noch lange nicht so. 

Mit schwarzer Haut in Deutschland

Die Hautfarbe macht einen Menschen nicht aus - aber sie beeinflusst die Art und Weise, wie ein Mensch die Welt erlebt. "Meine Mutter war Französin, mein Vater Amerikaner [...] Da ich hellhäutig war, kämpfte ich gegen Schwarze, weil ich nicht dunkel genug war. Und gegen Weiße, weil ich nicht hell genug war. Ich kämpfte gegen Spanier und Puerto Ricaner die meinten, ich sei ein 'Möchtegern', ein 'Fake'", schreibt ein User.

Solche Aussagen machen klar, wie unterschiedlich Erfahrungen sein können und zeigen, wie differenziert sich Rassismus äußern kann. So konnte im Diskussionsforum ein US-amerikanischer User nicht fassen, dass auch deutsche Menschen mit schwarzer Hautfarbe schlecht behandelt werden, ein anderer wiederum erklärte, wie die eigene Nationalität den Blick auf eine Rasse ändern kann. 

Einige der eher unschönen Kommentare zum Video zeigen auch, wie wichtig es ist, die feministische Perspektive im Blick zu behalten: Frauen mit schwarzer Hautfarbe kämpfen für ihre ganz eigene Emanzipation und müssen sich in den Social Media gegen obszöne Bemerkungen wehren.
In Deutschland gibt es seit fast 400 Jahren Communities von Schwarzen. Der Dokumentarfilm "Afro.Deutschland" ist ein Versuch, ihre Geschichten zu erzählen und die vielen Hürden aufzuzeigen, die ihnen im Weg stehen. Die Online-Diskussionen zu dem Film zeigen erstaunlich wenig anonymen Unflat, die meisten schrieben und schreiben freundliche Kommentare über Michaels Schicksal. In Zeiten von Populismus und erstarkenden rechten Bewegungen ist das ein ermutigendes Zeichen. 

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