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Fokus Osteuropa

Ein kroatisches Inseldorf wird von Frauen regiert

Im kroatischen Parlament sieht es aus wie in vielen Parlamenten Europas: Nur 32 der insgesamt 151 Abgeordneten sind weiblich. Ganz anders ist die Situation in einem kleinen Dorf auf der Insel Brac.

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Weg vom Herd?

Lozisce ist ein malerisches Dorf mit nur wenigen Hundert Einwohnern. Bisher sorgte es nicht für Schlagzeilen. Das hat sich geändert, seit sieben Frauen die politischen Geschäfte im Dorf in die Hand genommen haben.

Die "alten" Lokalpolitiker in Lozisce waren müde und frustriert. Sie hatten das Gefühl, ihr Dorf sei von Gott und der Welt vergessen, es gebe keine Perspektiven für eine lokale Entwicklung. Die Frauen zu Hause aber unzufrieden mit der Situation im Dorf. Sie warfen den Männern im Gemeinderat vor, nichts zu tun. Die reagierten auf den Vorwurf mit einer kreativen Idee: Lasst uns was Verrücktes machen, sagten sie sich, lasst uns unsere Frauen in den Gemeinderat wählen. Zuerst sei der Vorschlag nicht ernst genommen worden, erzählt die heutige Vorsitzende des Gemeinderats, Helena Valerijev: "Es gab Reaktionen wie: Ach, was soll das? Aber sie haben uns dann wirklich vorgeschlagen, zehn von uns. Dann kamen die Wahlen und sieben sind durchgekommen. Es handelte sich um eine parteilose Liste. Wir haben uns auf das Ganze eingelassen, weil wir dachten, dass es nicht so schwierig ist."

Ehrenamtliches Engagement

Aber sie haben festgestellt, dass es doch viel schwieriger ist, weil die Wege der lokalen Politik langwierig und bürokratisch sind. Die Frauen, die seit ein paar Monaten Lozisce regieren, hatten keinerlei Erfahrung in der Politik. Die meisten von ihnen sind Hausfrauen und Rentnerinnen. Die neue Funktion erledigen sie ehrenamtlich. Und sie mussten auch feststellen, dass sie weiter von Männern abhängen, die auf höheren Positionen sitzen. Aber sie ließen sich nicht entmutigen und fingen erst mal klein an: "Als erstes haben wir vor Weihnachten eine Feier für Kinder organisiert. Dann haben wir unsere Alten und Kranken im Altenheim besucht", erzählt Gemeinderatsvorsitzende Helena Valerijev.

Als nächstes haben sie für den Bau einer überdachten Busstation im Ort gesorgt. Beim Bürgermeister und bei der kommunalen Regierung kämpfen sie um mehr Geld für ihr Dorf - für eine Straßenbeleuchtung, Straßenreparaturen und die Restaurierung der örtlichen Kirche. Und sie bekommen das Geld - schneller und mehr als ihre männlichen Vorgänger. Die stellvertretende Gemeinderatsvorsitzende Zora Sapunar meint, dass Frauen grundsätzlich manche Eigenschaften haben, die sie besser für die Politik qualifizieren: "Vielleicht sind wir besser geeignet, weil wir hartnäckiger sind. Vielleicht auch, weil wir gern reden, lieber als Männer."

Neues Selbstbewusstsein

Seitdem sie politisch aktiv sind, hat sich der Alltag der sieben Ratsfrauen nicht groß verändert. Sie kochen, waschen, bügeln, arbeiten auf dem Feld und erledigen nebenbei eben ihre politischen Geschäfte. Und da die Ergebnisse schon sichtbar sind, ernten sie viel Lob und Annerkennung von den Dorfbewohnern.

Der weibliche Gemeinderat gibt sich selbstbewusst. Von den Ratschägen der "alten Hasen" in der Lokalpolitik wollen sie sich nicht beeindrucken lassen. Für Gemeinderätin Zora Sapunar lautet die richtige Taktik: "Wir werden uns anhören, was sie zu sagen haben, aber wir werden ihnen nicht folgen. Wir werden unseren Weg gehen und dann sehen wir, wie weit wir kommen werden."

Dunja Dragojevic
DW-RADIO/Kroatisch, 28.6.2006, Fokus Ost-Südost