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Fokus Osteuropa

Ein Korruptionsfall unter Ärzten beschäftigt Kroatien

Die Verhaftung eines Krankenhausarztes hat in Kroatien die Debatte über Korruption neu belebt. Statistisch gehen die Delikte zurück, aber noch immer sind Bestechung und andere Formen von Korruption verbreitet.

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Nur kleine Geschenke aus Dankbarkeit?

Statistisch gesehen, hat in Kroatien die Zahl der angezeigten Fälle des Zahlens oder Annehmens von Bestechungsgeldern wie auch anderer strafbarer Korruptionsdelikte abgenommen. Vergangenes Jahr wurden 43 Personen wegen der Annahme von Bestechungsgeldern angezeigt, 2004 waren es 49. Wegen der Zahlung von Bestechung erhielten 2005 76 Menschen eine Anzeige, ein Jahr zuvor waren es 89.

Zivilcourage erforderlich

Gleichzeitig steigt bei den Kroaten die Aufmerksamkeit für Korruption innerhalb der Gesellschaft. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema wurde vergangene Woche belebt durch eine erfolgreiche Aktionen der Spezialabteilung der kroatischen Oberstaatsanwaltschaft - des Büros für die Verfolgung der Korruption und der organisierten Kriminalität USKOK - und der Polizei: In Rijeka wurde der Chefarzt der dortigen kardiologischen Klinik in dem Moment verhaftet, als er 5.000 Euro Bestechungsgeld annehmen wollte.

Als er die Öffentlichkeit darüber informierte, dass der 55-jährige Herzchirurg Ognjen Simic bei der Annahme eines so genannten blauen Kuverts verhaftet worden sei, sagte Dinko Cvitan, USKOK-Leiter zwei Sätze, die ziemlich bezeichnend sind: "Die Korruption ist im Augenblick das größte Verbrechen in Kroatien" und "gerade die Zivilcourage einer Mitbürgerin aus Rijeka hat dazu geführt, dass wir und die Polizei zur rechten Zeit darüber Bescheid wussten, was sich abspielen würde."

Vor dem Hintergrund, dass fast 90 Prozent der Kroaten meinen, Korruption sei in Kroatien verbreitet oder sehr verbreitet, erhält man auch auf der Straße glasklare Aussagen: "Das ist eine ganz allgemeine Erscheinung in unserer Gesellschaft. Das heißt, von den Ärzten über Richter, Polizisten, Politiker bis ganz hinunter zum Portier." Doch selbst ein bis ins Mark käuflicher Portier könnte sich wohl kaum - wie der verhaftete Simic - eine Villa mit einem Wert von schätzungsweise einer Million Euro leisten. Der Vater der Frau aus Rijeka, die den Arzt angezeigt hatte, war wohl nicht der Erste, der die Warteliste für eine Operation, von denen Ognjen Simic bis heute etwa 1.500 durchgeführt hat, überspringen wollte.

Eine Frage der Dankbarkeit?

Und doch gibt es auch so etwas wie Verständnis für kleine Gefälligkeiten. Das zeigt die Reaktion von Damir Kajin, Abgeordneter der Istrische Demokratische Versammlung (IDS): "Niemand würde, selbst keiner seiner Patienten, Dr. Simic in Schutz nehmen, wenn er von jemanden etwas gefordert hätte, was er nicht durfte. Aber all die, denen Dr. Simic geholfen hat, werden ihm immer die gebührende Achtung zollen. Da spreche ich in deren und in meinem Namen, denn - das sage ich ganz offen - er hat auch meinen Vater und meinen Bruder operiert." Kajin verbirgt auch nicht, dass er Simic später, als Zeichen der Dankbarkeit, ein Gemälde geschenkt hat, das "nicht bedeutend teurer war als eine Flasche guten Champagners" und solch eine Flasche - so der istrische Politiker - sei keine Bestechung.

In Umfragen in Kroatien zu dem Thema meinen fast alle Befragten, dass Ärzte für eine schnellere und bessere Untersuchung Geld oder ein Geschenk erwarteten. Ante Zvonimir Golem, Staatssekretär im Gesundheitsministerium, erklärte dazu: "In Kroatien gibt es um die 11.000 Ärzte, von denen sind sicherlich in kleinerem Umfang einige anfällig für Korruption. Man kann aber nicht alle 11.000 Ärzte zu Geiseln dieser Situation werden lassen." Auf der anderen Seite erinnerte der Vorsitzende des kroatischen Ärzteverbandes, Hrvoje Sobat, daran, dass die Ärzte nicht in ihrer Existenz bedroht seien. Wenn sie meinten, woanders besser bezahlt zu werden, so hätten sie ja einen Pass und könnten auswandern.

Verbesserungen im System notwendig

Der Vorsitzende der kroatischen Sektion von Transparency International, Zorislav Antun Petrovic, sagte: "Wenn jemand ein Gehalt erhält, dass viermal höher ist als der Landesdurchschnitt, ich meine hier den durchschnittlichen Steuerzahler, und wenn sich jemand auf Kosten eben dieses Steuerzahlers ausgebildet hat, dann hat er kein Recht, von diesen Steuerzahlern für seine Bemühungen noch zusätzliche Entschädigungen einzufordern. Wenn jemandem zusätzlicher Verdienst so wichtig ist, dann soll er seine eigene Praxis aufmachen und seine Dienstleistungen kommerziell vertreiben, wobei er die dafür erforderlichen Ausgaben tätigen und in die nötige Ausstattung und Praxisführung investieren sollte." Petrovic machte zugleich darauf aufmerksam, dass der Vorfall in Rijeka nicht in eine Hexenjagd ausufern dürfe. Man müsse an einer Verbesserung des Systems und dessen größerer Transparenz arbeiten: "Das bedeutet konkret eine völlig transparente Warteliste für alle operativen Eingriffe."

Nach den Worten von Petrovic ist es zu der Verhaftung auch wegen eines veränderten Klimas in der Gesellschaft gekommen. Nun wird sich zeigen, wie der Fall vor den Gerichten weiter behandelt wird. Viele Kroaten meinen, dass gerade im Gerichtswesen die Korruption am stärksten verbreitet sei.

Tatjana Mautner, Osijek

DW-RADIO/Kroatisch, 23.8.2006, Fokus Ost-Südost