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Litauen

Ein Komitee für die Bedürftigen

Es gibt in Litauen nur noch sehr wenige Überlebende des Holocaust, allesamt hoch betagt. Manche von ihnen sind krank, andere brauchen soziale Hilfe. Begegnung in der Jüdischen Gemeinde Vilnius.

Tobias vom Hilfskomitee für die Ghetto-Überlebenden Vilnius (Foto: DW/Rabitz)

Jüdisches Leben Litauen

Hinter der prächtigen, schön restaurierten Eingangstür muss man eine elektronische Sperre überwinden, einige Treppen hoch steigen und mehrere Korridore durchqueren, bevor man am Ziel ist. Das Büro des Komitees für die Überlebenden der litauischen Ghettos ist zwar nicht gerade versteckt, aber man muss es doch zu finden wissen, hier im Zentrum von Vilnius, nicht weit von der Universität.

Gelebte Solidarität

Ein enger Raum, voll gestopft mit Mobiliar, Computer, Papier- und Aktenbergen. Eine Hauptrolle spielt hier das Telefon. Es klingelt fast unaufhörlich. An einem großen Tisch sortiert ein Mitarbeiter sehr sorgfältig Geldscheine, die er in vorbereitete, beschriftete Umschläge steckt. Ihm gegenüber sitzt Ranana Manichanova, 80 Jahre alt, eine ehemalige Journalistin, daneben die Bibliothekarin Fania Brancovska. Die ist zehn Jahre älter und so wie Ranana eine Ghetto-Überlebende. Man freut sich über den Besuch aus Deutschland. Eine Pralinenschachtel wird geöffnet, während Notizzettel rascheln, die Tür auf und zu geht, die Computertastatur klappert. Die betagten und sehr energischen Damen sind hier nicht in ihrer Rolle als Zeitzeuginnen, sondern in ihrer Funktion als Mitglieder der Hilfsorganisation für die Ghetto-Überlebenden. Sie kümmern sich um ihre Leidensgenossen, die nicht mehr so mobil sind und dringend der Unterstützung bedürfen.

Ranana vom Hilfskomitee für die Ghetto-Überlebenden Vilnius (Foto: DW/Rabitz)

Ranana vom Hilfskomitee für die Ghetto-Überlebenden Vilnius

Ghetto-Kinder

Alle aber haben den gleichen Hintergrund, wie Ranana in flüssigem Deutsch erzählt: "Wir alle hier im Büro waren versteckt und haben so den Holocaust überlebt." Sie selbst sei, zusammen mit ihrer Mutter, aus dem Ghetto geflüchtet und bei einer litauischen Bauernfamilie in einer winzigen Dachstube untergekommen. Auch Tobias Jafete, der hier so etwas wie der Chef und ständig am Telefon ist, wurde als Kind gerettet. Er überlebte mit falschen Papieren bei nichtjüdischen Verwandten. Tobias verteilt die Hilfsgelder persönlich - nicht nur in Vilnius. Am nächsten Tag wird er mit den Umschlägen nach Kaunas reisen. "Wir müssen sein. Das ist unser Leben", sagt er in einer Mischung aus Jiddisch und Deutsch und erklärt, wie wichtig es ist, morgens aus dem Haus und zur Arbeit zu gehen, auch wenn man längst das Rentenalter erreicht hat. Seit 18 Jahren kommt Tobias Jafete zwei Mal wöchentlich ins Komitee, und er wird es wohl tun, solange ihn seine Füße dorthin tragen.

Rat und Hilfe

Das Komitee verteilt an die Betroffenen, wie Tobias erläutert, finanzielle Beihilfen für Medikamente bis zu maximal 29 Euro im Monat. Es gibt auch Zuschüsse für soziale Zwecke, für Hilfen im Alltag, beim Haushalt oder beim Einkaufen. Man erteilt Rat am Telefon oder im persönlichen Gespräch, hilft beim Ausfüllen von Formularen, bei der Beglaubigung wichtiger Dokumente. Denn ohne Dokumente gibt es keine Entschädigungs-Zahlungen – und die wiederum werden von den Empfängern dringend gebraucht. Die staatlichen Renten in Litauen sind niedrig und wurden im Zusammenhang mit der Finanzkrise weiter gekürzt. Das Sozial- und Gesundheitssystem ist marode. Die betagten Überlebenden in der ehemaligen Sowjetunion gehören – so die Jewish Claims Conference (JCC) – zu den bedürftigsten Juden weltweit: "Sie verbringen ihren Lebensabend unter dramatisch schlechten Existenzbedingungen", heißt es in einer Publikation des Verbandes, der deshalb auch Maßnahmen zur Sozialfürsorge finanziert. 2011 hat die jüdische Gemeinde Vilnius von der JCC dafür knapp 270 000 Dollar erhalten.

Ein Treffpunkt gegen die Einsamkeit

Das kleine Büro ist für die Komitee-Mitglieder ein wichtiger Treffpunkt. Hier tauschen sie sich aus, hier leben sie ein Stück aktiver Solidarität mit denen, denen es schlechter geht, hier schlüpfen sie aus ihren Rollen als Zeitzeugen – und sind doch geprägt von dem, was sie alle erlitten haben, vom Wunder und zugleich vom Schmerz des Überlebens. Aber: "Wir können nicht nur in der Vergangenheit leben", sagt Ranana. Und deshalb gibt es für sie alle auch ein sehr einfaches Motiv, hierher zu kommen: sich aus der Wohnung zu bewegen, nicht einzurosten, alltagstauglich, selbständig zu bleiben  – und der Einsamkeit des Rentnerdaseins zu entkommen.

An der Wand sind hinter Glas Fototafeln mit kleinen Bildern ehemaliger Ghetto-Bewohner, die die deutsche Besatzungszeit 1941 bis 1944 als Kinder versteckt überlebt haben. Es gibt Lücken. Fehlende Fotos zeigen: Viele sind mittlerweile gestorben. Heute gibt es in Litauen nur noch 99 Überlebende der Ghettos.