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Asien

Ein Knochenjob für Gold und Ehre

Ihre Arbeit ist monoton, schweißtreibend und ruiniert ihre Gesundheit. Trotzdem erfüllt die jungen Birmanen kaum ein Job mit mehr Stolz: Sie sind die Goldklopfer von Mandalay.

Glitzernd stehen die Schweißperlen auf Thant Myint Tis Stirn. Einmal mehr lässt er den wuchtigen Hammer durch die Luft sausen. Seine Muskeln spannen sich sichtbar unter der Haut. Seit fünf Stunden steht er heute schon hier in der Goldklopfer-Werkstatt von Mandalay.

"Es ist wirklich ein Knochenjob, weil wir alles mit reiner Muskelkraft erledigen", sagt er und lehnt sich erschöpft zurück. Seit 16 Jahren arbeitet Thant Myint Ti als Goldklopfer. Ständiger Begleiter: das monoton-rhythmische Klopfen der Hämmer. Schon vor der Werkstatttür ist es hörbar, ewig gleich und ohne Unterlass hallt es durch das Viertel Myat Par Yat.

In etwa 50 traditionellen Familienbetrieben wird hier hauchfeines Blattgold hergestellt: Es gibt kleine, schummrige Holzverschlag-Werkstätten und größere Unternehmen, wie das von Cho Soe Win: "Mein Großvater hat den Betrieb aufgebaut. Er ist seit mehr als 100 Jahren in unserer Familie."

Handwerk wie in alter Zeit

Hand schnürt Goldpaket in Vorrichtung fest (Foto: DW)

Vorbereitung zur Bearbeitung mit dem Hammer

Inzwischen arbeiten fast 100 Menschen für Cho Soe Win. Im Werkstattraum stehen die Goldklopfer dicht nebeneinander: oberkörperfrei, muskelgestählt und leicht gebeugt, im Rücken eine Holzlehne, zwischen den Füßen – eingespannt in ein Gestell – ein Päckchen aus Hirschleder. Darin eingebunden zwischen mehreren Lagen Bambuspapier ist das Gold. Drei Kilo wiegt der Hammer, mit dem sie das Paket konzentriert bearbeiten.

"Erst hämmern die Männer eine halbe Stunde, dann eine Stunde und schließlich fünf Stunden am Stück", erklärt Cho Soe Win, die Chefin. Die Herstellung von Blattgold hat sich seit Jahrhunderten kaum verändert: Bis heute können Maschinen nur einzelne Arbeitsschritte übernehmen. Am Ende entstehen aus einem Gramm Gold 200 hauchfeine Goldblättchen – nur einen tausendstel Millimeter dünn, schmaler als ein Tintenstrich auf einem Blatt Papier.

Mit einer halben Kokosnuss in einer Wasserschale wird die Zeit gemessen – ist die Schale voll, sinkt sie; die Zeit ist um. (Foto: DW)

Zeitmessung mit Kokosschale

Ebenfalls traditionell wird die Zeit mit einer Wasser-Uhr gemessen: Eine halbe Kokosnussschale schwimmt in einem Trog. Durch ein kleines Loch läuft sie langsam voll Wasser und versinkt schließlich – das Signal für die Männer, denn sie arbeiten im Rotationsbetrieb: Eine Stunde lang monotones Hämmern, dann haben sie 15 Minuten Pause.


Mit 45 Jahren ist Schluss

Thant Myint Ti hat sich am Eingang der Werkstatt in die Sonne gesetzt. Lachend kaut er auf einer Betelnuss. Seine Zähne sind vom ständigen Konsum schon leicht rötlich gefärbt; doch es hilft, zu entspannen. "Vor allem der Rücken leidet sehr. Abends behandele ich meine Schmerzen immer mit traditionellen Kräutern", erzählt der 31-Jährige.

Üblicherweise fangen Jungs im Alter von 16 Jahren als Goldklopfer an. Ihre Lehrzeit dauert sechs Monate. Nach zehn Jahren im Beruf stellen sich bei den meisten Goldklopfern die chronischen Rückenschmerzen ein; mit spätestens 45 Jahren sind die menschlichen Maschinen oft verschlissen. "Bei uns arbeitet auch ein 60-Jähriger", sagt Thant Myint Ti. Den bewundere er sehr.

Werkstattraum, in dem junge Mädchen die hauchfeinen Goldplättchen in Form bringen (Foto: DW)

Feinarbeit im Glaskasten

Während der hammerharte Knochenjob den Männern vorbehalten ist, sind Frauen im zweiten Produktionsschritt unentbehrlich: In einem verglasten Raum sitzen sie um niedrige Tische und schneiden das hauchfeine Gold mit flinken Fingern für den Verkauf zu. "Alles ist windgeschützt abgeschirmt", erklärt die Chefin Cho Soe Win, "sonst könnte das Gold ja wegfliegen oder kaputt gehen." Im Glaskasten mischt sich das Klappern der Hämmer mit den Gesprächen der Mädchen. Über ihren Köpfen hängt ein Poster von Oppositionsikone Aung San Suu Kyi, als wache die Lady über alles, was geschieht.

Gut bezahlter Job

Goldklopfer und Kollegen in der Werkstatt (Foto: DW)

Gesundheitsschäden werden in Kauf genommen

Than Myint Ti steht auf, bindet sich seinen Longyi, das traditionelle burmesische Gewand, neu und geht zurück an die Arbeit. "Wenn ich einen Sohn hätte", sagt er und greift zum Hammer, "dann würde ich nicht wollen, dass er Goldklopfer wird – es ist harte Arbeit und nicht gut für Körper und Geist."

Allerdings: Der Job ist gut bezahlt. Im Winter ist Hochsaison, dann hat der Betrieb viele Aufträge und Thant Myint Ti verdient etwa 5000 Kyat täglich. Das sind fünf Euro und viel Geld im verarmten Birma. Im Schnitt leben die Menschen hier von einem Euro am Tag. Das monatliche Pro-Kopf-Einkommen zählt zu den niedrigsten in Südostasien. Und ein bisschen stolz ist Thant Myint Ti auch: Denn sein Handwerk ist gesellschaftlich hoch angesehen, ruhmreich und gesundheitsfördernd. "Die Heiler in Birma sagen, der Verzehr von Gold helfe Menschen mit Herzkrankheiten. Also: Wenn man Goldblättchen isst, ist das gut für das Herz", sagt Cho Soe Win. Besonders beliebt sei Gold zu Bananen oder Honig.

Hand klebt Goldplättchen auf Buddha in der Mahamuni-Pagode von Mandalay (Foto: DW)

Immer neue Goldgaben für den Buddha von Mandalay

Tatsächlich verwenden die meisten Birmanen das Gold aber in den buddhistischen Tempeln und Pagoden des Landes. Allen voran in der Mahamuni-Pagode von Mandalay. Hier verkaufen sich die Goldblättchen besonders gut. Je nach Größe kosten sie zwischen 300 und 700 Kyat, zwischen 30 und 70 Eurocent. Hunderte Gläubige kommen täglich hier her, beten auf Knien vor der gold-glänzenden Buddha-Statue. Nähern dürfen sich ihr nur Männer – und immer hat einer die Hand an der Statue, klebt ein neues Goldblättchen auf ihr fest. Über die Jahrzehnte war es inzwischen so viele, dass der Buddha stellenweise bis zu 35 Zentimeter dicker geworden ist. Ein Koloss aus Gold – geschaffen auch von den Goldklopfern von Mandalay.

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