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Aktuell Europa

Ein Kammerdiener, undichte Stellen und ein entsetzter Papst

An Pfingsten feiern die Katholiken die Entsendung des Heiligen Geistes. Doch in diesem Jahr geht es im Vatikan um "Handfesteres" - den Enthüllungsskandal, der schon mit dem Etikett "Vatileaks" versehen wird.

Im Enthüllungsskandal des Vatikans ist Anklage gegen den Kammerdiener von Papst Benedikt XVI. wegen unerlaubten Besitzes von geheimen Unterlagen erhoben worden. Zugleich weiteten die Ermittler ihre Untersuchungen aus und gehen nun der Frage nach, ob der 46-jährige Paolo Gabriele Komplizen hatte. Der am Mittwoch verhaftete Vater dreier Kinder wird beschuldigt, seit Jahresbeginn brisante Dokumente, in denen es unter anderem um Vorwürfe der Korruption und des Missmanagements ging, an Medien weitergegeben zu haben. In Anlehnung an das Enthüllungsportal Wikileaks ist von "Vatileaks" die Rede. Wie der Vatikan mitteilte, ist Gabriele mit Erhebung der Anklage nun formell Beschuldigter in einem Ermittlungsverfahren. Gabriele, der sich zwei Anwälte genommen habe, erwarte ein faires Verfahren gemäß dem Strafrecht des Kirchenstaates.

Der Papst soll entsetzt auf die Nachricht reagiert haben, dass ein Mitarbeiter aus seiner engsten Umgebung verhaftet wurde. Der Kammerdiener arbeitete in Benedikts Wohnung im Apostolischen Palast. In dieser Vertrauensstellung hatte er Zugang zu den streng abgeriegelten Privaträumen des Kirchenoberhauptes und war mit den Vorgängen dort bestens bekannt. Er bediente den Papst bei Tisch, begleitete ihn im Papamobil und überreichte Würdenträgern, die das Kirchenoberhaupt aufsuchen, den Rosenkranz.

"Jagd auf Komplizen im Vatikan"

Italienische Medien waren seit Anfang des Jahres mit Interna versorgt worden: Teilweise handelte es sich um persönliche Briefe an den Papst. In einigen Unterlagen ging es um Vorwürfe der Korruption, des Missmanagements, der Vetternwirtschaft und um Kritik an der Führung der Vatikan-Bank. Deren Präsident Ettore Gotti Tedeschi war am Donnerstag entlassen worden.

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Kammerdiener des Papstes festgenommen (26.05.2012)

Unterdessen wird im Vatikan offenbar fieberhaft nach weiteren undichten Stellen gesucht. "Jagd auf Komplizen im Vatikan", titelte etwa die italienische Zeitung "La Stampa". Die Ermittler suchen demnach nach Beweisen, Komplizen und einer möglichen Beteiligung höherer Stellen im Kirchenstaat. Ein Freund des Kammerdieners, der namentlich nicht genannt wurde, äußerte gegenüber "La Stampa" die Vermutung, dass Gabriele von "jemand Wichtigem" dazu gebracht worden sei, die Dokumente aufzubewahren. Der Kammerdiener sei "entweder plötzlich verrückt geworden, oder er ist in eine Falle geraten", sagte der Mann.

Laut der Zeitung "La Repubblica" ist unter den möglichen weiteren Verdächtigen auch eine Frau. Sie sei verheiratet und habe auch noch eine Arbeit außerhalb des Vatikans, schrieb das Blatt. Die Frau habe schon unter Papst Johannes Paul II. im Vatikan gearbeitet und seinen Nachfolger Benedikt XVI. zuletzt im März auf seiner Reise nach Mexiko und Kuba begleitet.

Auch hohe Geistliche in Affäre verstrickt?

Der "Corriere della Sera" bezweifelt ebenfalls, dass Gabriele der Alleinverantwortliche für die Enthüllungen sei. Die Zeitung geht vielmehr davon aus, dass auch hohe Geistliche in die Affäre verstrickt sind. Diese hätten dem Kammerdiener die Geheimdokumente entweder untergeschoben oder er habe Befehle "von oben" ausgeführt.

"Vatileaks" überschattet auch die römischen Feierlichkeiten zum Pfingstfest. Der Papst nahm in seiner Predigt im Petersdom natürlich nicht zu der Affäre Stellung. Wer will, kann aber manche Passagen der Predigt auch als Meinungsäußerung Benedikts zum Fall Gabriele interpretieren. So wies er darauf hin, dass es zwischen den Menschen Ungleichgewichte gebe, die zu Konflikten führten. Das gegenseitige Verständnis scheine zu anstrengend und man verfolge lieber eigene Interessen. Schließlich stellte Benedikt die rhetorische Frage: "Können wir in dieser Situation wirklich die Einheit finden und leben, die wir so dringend brauchen?"

sti/SC (afp, dapd, dpa, kna)

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