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Religion

Ein Jahr und mehr

Am Sonntag endet im Vatikan das "Heilige Jahr der Barmherzigkeit". Für Roms Hoteliers war es kein Kassenschlager. Aber die Botschaft von Papst Franziskus wurde deutlich wie nie: die Hinwendung zu Armen und Ausgegrenzten.

In Rom endet mal wieder ein Heiliges Jahr. Aber dieses "Heilige Jahr der Barmherzigkeit", das Papst Franziskus am Sonntag offiziell beendet, war so ganz anders als frühere Heilige Jahre. In Erinnerung bleiben werden nicht Pilger- und Besucherströme in Rom, keine Eventisierung oder die eine einzelne große Feier.

Nein, was bleiben wird, ist die Aufforderung, die Bitte oder auch das Beispiel des Kirchenoberhaupts für ein anderes Leben. Das Heilige Jahr ist ein Höhepunkt seines bald vierjährigen Pontifikats. Und Barmherzigkeit der Schlüssel seines Verständnisses von Kirche, von Seelsorge, vom Menschen.

Die Tradition des Heiligen Jahres begann im Jahr 1300, und sie begann zum Jubiläum der Geburt Jesu mit einem gewaltigen Pilgerstrom nach Rom. Überträgt man diesen Aspekt ins Jahr 2016, dann war das "Jahr der Barmherzigkeit" alles andere als ein Erfolg. Die Zahl der Pilger und Touristen, die nach Rom kamen, stieg gegenüber 2015 nicht an. Die zusätzlichen Einnahmen, auf die römische Touristiker hofften, blieben aus (und dabei - das am Rande gesagt - ist es ganz nett, dass es in Rom das ein oder andere kleine Stück Fußgängerzone zu diesem Jahr gab). Dafür gab es die übliche "Heilige Pforte", durch die die Gläubigen schreiten sollen, nicht nur im Petersdom und den römischen Hauptkirchen, sondern in aller Welt.

Das Jahr des Franziskus

Griechenland Papst Franziskus auf Lesbos mit Flüchtlingen (Getty Images/AFP/L. Gouliamaki)

Gedenken an ertrunkene Flüchtlinge: Im April 2016 besuchte Franziskus Flüchtlingslager auf Lesbos

Es ist ein Heiliges Jahr, und es ist das besondere Jahr des Franziskus. In Gesten und Worten. Franziskus will jeden mitnehmen, nicht nur jeden in seiner Kirche. Manchmal wirkt es so, als könne er über den Petersplatz gehen und jeden einzelnen an der Schulter wachrütteln. Der Pfarrer aus Buenos Aires. Bei seiner letzten Generalaudienz während des Heiligen Jahres erzählte er, es sei auch ein Werk der Barmherzigkeit, die Lästigen in Geduld zu ertragen. "Wir sind alle sehr gut darin, zu erkennen, was uns belästigt", so der Papst. Bei einer Begegnung auf der Straße, bei einem Telefonat. Aber es gelte, "Menschen auf dem Weg der Suche nach dem Wesentlichen zu begleiten". Das könnten eben Menschen sein, die sich mit Oberflächlichem, Nebensächlichem und Banalem aufhielten und lästig seien.

So bleiben die großen und kleinen Gesten des Papstes. An vielen Freitagen der vergangenen zwölf Monate war Franziskus unterwegs und ging - ohne vorherige Ankündigung, ohne große mediale Begleitung - seine eigenen Wege der Barmherzigkeit.  Er ging zu Drogenabhängigen oder ehemaligen Zwangsprostituierten, in ein SOS-Kinderdorf, in Krankenhäuser, Kinder- und Altenheime. Und vor wenigen Wochen traf er ehemalige Priester und ihre Familien. Fotos zeigen die Erwachsenen im Kreis sitzend erzählen, zeigen auch die familiäre Szene, wie Franziskus Kinder der Familien herzt. Bei vielen dieser "Freitage der Barmherzigkeit" lässt sich sagen, dass es kleine - wenn nicht Sensationen, so doch Höhepunkte sind. Welcher Papst zuvor, welcher heutige Bischof freute sich bislang mit Priestern, die ihren Lebensweg änderten, ihre sogenannte Berufung aufgaben, über das Glück dieser Familien.

Bangui und Lesbos

Und ganz anders als in sonstigen Heiligen Jahren ging es nicht um ein römisches Event. Die erste "Heilige Pforte" eröffnete Papst Franziskus bereits kurz vor Beginn des offiziellen römischen Festjahres bei seinem Besuch in der Zentralafrikanischen Republik in der dortigen Hauptstadt Bangui. Und machte so deutlich, dass er in seiner globalen Gemeinde die Barmherzigkeit für alle will, nicht nur für die Rom-Pauschaltouristen. Sein Besuch auf Lesbos im April dieses Jahres war eine einzige Reise der Barmherzigkeit, die Heiligsprechung der Ordensgründerin Mutter Teresa im September vielleicht ein Höhepunkt des römischen Jahres.

Zentralafrikanische Republik Bangui Papst Franziskus Heilige Pforte (Reuters/G. Caracae)

Am 29. November 2015 öffnete Papst Franziskus in Bangui eine Heilige Pforte. Sie soll auch über das Heilige Jahr hinaus bestehen bleiben.

"Wir Christen", sagt der Würzburger Weihbischof Ulrich Boom, "sind der Resonanzboden für die Botschaft des Evangeliums. Den müssen wir zum Schwingen bringen." Boom ist der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für das Heilige Jahr der Barmherzigkeit. In jeder der 27 deutschen Diözesen gibt es eine, manchmal mehrere Pforten der Barmherzigkeit. Sie mögen geschlossen werden. Doch für Boom geht die Aufgabe weiter. "Man kann die Pforten der Barmherzigkeit nicht schließen. Wer von seiner Begrenztheit weiß, bleibt auf der Suche nach dem gnädigen und barmherzigen Gott."

Leben und Lehre

Ein theologisch-lehramtlicher Schritt des zu Ende gehenden Jahres zeigt, wie viel Dynamik und Sprengstoff in diesem Jahr steckt. Anfang April veröffentlichte der Vatikan das Schreiben von Papst Franziskus zur Familiensynode von 2015. Es trägt den Titel "Amoris laetitia" ("Die Freude der Liebe"). Ein weithin schöner, im Vergleich zu früheren synodalen Texten durchaus lesbarer Text. Der Papst spricht von "Bodenhaftung". Und dann sagt er, es gehe ihm darum, "zur Barmherzigkeit und zur pastoralen Unterscheidung einzuladen angesichts von Situationen, die nicht gänzlich dem entsprechen, was der Herr uns aufträgt". Und er betont die kirchliche Lehre von der Bedeutung des Gewissens des Einzelnen und ermutigt Seelsorger und Betroffene, Wege zu finden.

Seitdem streiten die Gelehrten. Franziskus lässt Stützen der überkommenen Lehre wackeln. Konservative Kardinäle toben und widersprechen ihm. Aber das genau ist wohl das "Jahr der Barmherzigkeit" für Franziskus. Das ist seine Art, den Glauben zu leben und die Kirche zu prägen. Er will, dass die Liebe Gottes den Menschen unbedingt nahe sei. Franziskus, der Oberhirte der Barmherzigkeit, ist da weiter als seine Kirche. Auch das lehrten die vergangenen zwölf Monate.