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Politik & Gesellschaft

Ein Jahr nach Sarrazins Integrationdebatte

Vor einem Jahr löste Thilo Sarrazin (SPD) mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" eine hitzige Debatte über die deutsche Einwanderungspolitik und muslimische Migranten aus. Welche Spuren hat sie hinterlassen?

Thilo Sarrazin auf der Pressekonferenz zu seinem Buch 'Deutschland schafft sich ab' am 30. August 2010 in Berlin (Foto: AP)

Gut besuchte Pressekonferenz zum Buchdebüt

Die Buchhandlung "Goethe und Hafis" hat einen schwierigen Standort in Bonn-Tannenbusch. Hier leben viele Migranten und Menschen mit niedrigem Einkommen. Inhaber Afrasiab Heidarian sieht den Laden als Brücke zwischen den Kulturen und hat mit Goethe und Hafis zwei berühmte Dichter aus Deutschland und Persien im Namen vereint.

Das umstrittene Werk im Buchladen 'Goethe und Hafis' in Bonn-Tannenbusch (Foto: DW/Prevezanos)

Das umstrittene Werk im Buchladen 'Goethe und Hafis'

Als am 30. August 2010 das Buch "Deutschland schafft sich ab" von Thilo Sarrazin erschien, präsentierte der gebürtige Iraner es in seinem Schaufenster prominent. Obwohl der Autor überspitzte Thesen zur Integration muslimischer Migranten formuliert hat. Der Erfolg gab dem Buchhändler Recht: "Für eine kleine Buchhandlung lief es sehr gut. Wir haben hier fast 100 Stück verkauft."

Vor allem Deutsche hätten das Buch im vergangenen Jahr gekauft, aber auch ein paar Migranten. Insgesamt wurden bislang 1,3 Millionen Exemplare an den Buchhandel ausgeliefert, wochenlang stand das Werk auf Platz 1 der Bestsellerlisten. Es könnte langfristig das am besten verkaufte politische Sachbuch in Deutschland werden.

Polemik und Rassismus oder die Wahrheit?

Dem Buchdebüt folgte vor einem Jahr eine erhitzte öffentliche Diskussion über Sarrazins zugespitzte Thesen: zur falschen deutschen Einwanderungspolitik, über integrationsunwillige muslimische Migranten und welche Gefahr sie für die Zukunft Deutschlands seien. Aber auch über die Person Thilo Sarrazins. Kritiker warfen dem Politiker und Mitglied der Sozialdemokratischen Partei (SPD) Polemik und Rassismus vor. Befürworter befanden, endlich habe mal einer die Wahrheit gesagt über mangelnde Integrationsbereitschaft muslimischer Einwanderer. Buchhändler Heidarian meint: "Der hat seine Gedanken formuliert. Kann sein, dass manche falsch sind. Aber die Falschen kann man kritisieren, die Guten kann man beobachten und bearbeiten und dann annehmen. Aber nicht einfach einseitig ablehnen."

Sarrazin ist beim Thema Einwanderung kein Unbekannter, schon vorher hatte er sich wiederholt mit provozierenden Aussagen in die Debatte eingemischt. Diesmal war er offenbar zu weit gegangen. Sarrazin trat wegen des öffentlichen Drucks einen Monat nach Erscheinen des Buches Ende September 2010 von seinem Vorstandsposten bei der Bundesbank zurück. Der Bundesbank-Vorstand hatte bereits seine Absetzung beantragt. Mit seinen Äußerungen würde er das Ansehen der Bank beschädigen.

"Thema bis in die letzte Wohnstube getragen"

Aufgeregt diskutiert wurde nicht nur in den Medien, sondern auch am Arbeitsplatz oder Zuhause. Was ist davon ein Jahr danach noch zu spüren? Heinz Buschkowsky (SPD), Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, sagt, es sei Sarrazins Verdienst, dass das Thema bis in die letzte Wohnstube getragen worden sei.

In Neukölln geboren: Heinz Buschkowsky (Foto: dpa)

In Neukölln geboren: Heinz Buschkowsky (SPD)

Buschkowsky stellt aber auch fest, dass ein Jahr später die Stimmung im Stadtteil Neukölln gereizter sei als früher. Hier sind mehr als ein Drittel der 300.000 Einwohner Migranten.

Ulrich Herbert ist Geschichtsprofessor in Freiburg und befasst sich seit Jahren mit der Geschichte der Gastarbeiter in Deutschland. Er glaubt nicht, dass die Diskussion über Sarrazins Thesen dem Zusammenleben von muslimischen Migranten und Deutschen geschadet hat: "Ich habe den Eindruck, dass diese aufgeregten Dauerdebatten um Integration und Ausländer das wirkliche Zusammenleben von Ausländern und Deutschen nur am Rand berühren."

Denn das funktioniere - trotz einiger Probleme - ganz gut: "Das sieht man insbesondere am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft, wo die Kontakte besonders eng sind", sagt Herbert.

Erst Rückzug, dann Teilnahme

Naika Foroutan in einer Talkshow zur Integrationsdebatte im September 2010 (Foto: dpa)

Naika Foroutan

Zumindest in den ersten drei Monaten nach Erscheinen des umstrittenen Buches hat die Politologin Naika Foroutan von der Berliner Humboldt-Universität beobachtet, dass sich Menschen mit Migrationshintergrund, vor allem solche mit muslimischen Wurzeln, zurückzogen. "Sich ducken und hoffen, dass das Gewitter vorbeizieht", beschreibt sie die Reaktion.

Danach hätten sich Migranten stärker in die Debatte eingeschaltet, meint Foroutan. Dadurch würden sich heute viele selbstbewusster als Teil der Gesellschaft verstehen und nicht mehr nur als Zaungäste, sagt die Politologin. Sie hat die Studie "Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand" herausgegeben, in der Teile seiner Aussagen wissenschaftlich in Frage gestellt werden.

Geringe historische Bedeutung

Englisch-Unterricht an einer Leipziger Schule - ein Drittel der Schüler hat einen Migrationshintergrund (Foto: dpa)

Jeder Dritte dieser Leipziger Schüler hat einen Migrationshintergrund

Die Debatte, die Sarrazins Buch ausgelöst hat, werde in der historischen Rückschau nur eine geringe Bedeutung haben, meint Geschichtswissenschaftler Herbert. Sie sei zu wenig inhaltlich geführt worden. Außerdem sei es keineswegs die erste Debatte dieser Art:

"Wenn man die Ausländerdebatte seit Ende der 1960er Jahre in der Bundesrepublik verfolgt, dann kann man mit ziemlicher Regelmäßigkeit alle fünf bis sechs Jahre eine solche Diskussion feststellen", sagt der Wissenschafter. Und immer gehe es darum: "Sind die Ausländer integriert? Sollen sie bleiben, sollen sie gehen? Verhalten sie sich richtig, verhalten sie sich falsch? Brauchen wir mehr, brauchen wir weniger?"

Stattdessen müsse klarer formuliert werden, was im Zusammenleben wichtig sei, meint Herbert: "Dass es klare Regeln und Grenzen gibt für das Verhalten von Deutschen wie von Ausländern in diesem Land." Und dass man die Regeln definieren und gesellschaftlich darüber einen Konsens herstellen müsse. "Das sind die Diskussionen, die geführt werden müssen. Die im Übrigen auch geführt werden. Nur nicht so öffentlich, nicht so laut. Aber das ist vielleicht auch ganz gut so", sagt der Geschichtsprofessor.

Autorin: Klaudia Prevezanos
Redaktion: Michael Borgers

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